Rezension
von Sabine Ibing
| Intro mit KI erstellt |
I Don’t Know How to Draw a Tree
von Carmen José
Wie zeichnet man eigentlich einen Baum? Ein Stamm, ein paar Äste, eine grüne Krone – fertig ist der Baum. So ungefähr haben vermutlich die meisten von uns als Kinder angefangen. Später lernen wir Perspektive, Proportionen, Licht und Schatten. Wir lernen, genauer hinzusehen und möglichst genau zu zeichnen. Aber was passiert dabei mit dem eigenen Blick? Carmen José stellt in diesem Buch eine wunderbar einfache Frage, die sich letztendlich als nicht so einfach erweist: Wie zeichnet man einen Baum?
Die Erzählerin meint, sie kann es nicht. Denn sie hat gelernt, wie Zeichnen funktionieren soll. Abstand halten, Proportionen beachten, innerhalb des Blattes bleiben, kontrollieren, was die Hand macht. Schließlich soll am Ende etwas entstehen, das andere als Baum erkennen. Doch je mehr Regeln hinzukommen, desto weiter entfernt sie sich von dem, was sie eigentlich zeichnen möchte.
Und genau hier wird dieses schmale Buch interessant. Denn Carmen José erzählt nicht wirklich davon, wie man einen Baum zeichnet. Sie erzählt vom Lernen – und davon, dass Lernen manchmal auch bedeutet, etwas wieder zu verlernen. Von all den Regeln, die wir als selbstverständlich übernommen haben, dass wir sie gar nicht mehr als Regeln wahrnehmen.
Was ist beispielsweise die richtige Perspektive? Aus der Entfernung sehe ich den ganzen Baum, aber keine Einzelheiten. Gehe ich ganz nah heran, entdecke ich Rinde, Moos, Licht, Unebenheiten und Strukturen – dafür verschwindet der Baum als Ganzes. Beides ist wahr. Und trotzdem sieht beides vollkommen anders aus. José macht daraus keine theoretische Abhandlung. Sie lässt Bilder und wenige Worte miteinander arbeiten. Aquarelle stehen neben reduzierten schwarzen Linien. Besonders schön finde ich, wie dabei die Wahrnehmung gesamt ins Spiel kommt. Einen Baum kann man schließlich nicht nur anschauen. Man kann seine Rinde berühren, Erde riechen, Blätter rauschen hören, seinen Schatten genießen. Empfindung für eine Sache setzt aus sehr viel mehr zusammen, als dem, was unsere Augen erfassen.
Und irgendwann geht es überhaupt nicht mehr darum, ob ein gezeichneter Baum einem wirklichen Baum möglichst ähnlich sieht. Es geht um die eigene Freiheit, den eigenen Baum zu zeichnen. Dieses (Kinder)Buch ist kein Kreativitätsratgeber, denn die Autorin verändert die Perspektive nicht nur mit dem Pinsel, sie stellt ihre Frage in Frage und erlaubt Unfertiges. Nicht jeder Gedanke, nicht jeder Pinselstrich wird bis zum Ende ausformuliert. Dieses Buch möchte keine Antworten liefern. Es möchte Gedanken in Bewegung bringen. Das Bilderbuch ist gleichzeitig eine Gedichtband, ein Künstlerbuch und kleines philosophisches Experiment. Der Text ist auf Englisch. Ein ungewöhnliches, wunderschön gestaltetes kleines Buch, das sich mit Kreativität, Wahrnehmung und die Freiheit, etwas nicht zu wissen beschäftigt. Es ist ein Kinderbuch? Nicht wirklich – Allage ist ein passender Begriff für dieses Buch.
Carmen José wurde 1991 in Spanien geboren. Sie ist Illustratorin und Pädagogin mit einem MA von der Kunsthochschule Kassel in Visueller Kommunikation mit Schwerpunkt auf Illustration und Editorial Design. 2016 erschien ihr Buchdebüt «Allí». Sie arbeitete als Teil des Aneducation-Teams der documenta14 in Kassel und Athen Griechenland). 2018 zog sie nach Rotterdam (Niederlande) für einen Künstleraufenthalt bei der BAD Foundation und der NAC Foundation im Stadtteil Wielewaal. Dort arbeitete sie dank des Forschungsstipendiums O&O von CBK Rotterdam an einem experimentellen Forschungsprojekt über kritisches Denken in der visuellen Bildung. Im Juli 2020 initiierte sie zusammen mit Kamiel Verschuren (NAC) den soziokulturellen Gewächshausraum Growing Space im Rotterdamer Stadtteil Wielewaal. Seit November 2020 ist sie Lehrerin und Forscherin in den Abteilungen Illustration und Soziale Praxis an der WDKA Kunsthochschule in Rotterdam. In ihren künstlerischen und pädagogischen Tätigkeiten befasst sie sich mit der Reproduktion visueller Stereotypen und legt dabei den Schwerpunkt auf verkörperte Prozesse. Mit ihrer Arbeit möchte sie Räume für Dialoge und Begegnung schaffen.
I Don’t Know How to Draw a Tree
Kinderbuch, Kunst, Philosophie
Taschenbuch, Pocketformat, 11.6 x 9.1 cm, 80 Seiten
Rotopol Verlag, 2025
Kreative, künstlerische Seite
Auf dieser Seite stelle ich euch Bücher vor, die im weitesten Sinn mit Kreativität zu tun haben. Kunst. Kochen und das Schreiben haben eine eigene Seite erhalten.Kreative, künstlerische Seite
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.




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