Rezension
von Sabine Ibing
| Intro mit KI erstellt |
Die Spur der Vertrauten
von Christelle Dabos
Der Anfang:
Sie starrt auf die Werbung an der Bushaltestelle. Auf das Kleingedruckte, vor allem. Sie verdreht den Kopf, um die winzige Schrift am rechten Rand des Plakats zu entziffern: Vier Spenden pro Jahr über einen Zeitraum von drei aufeinanderfolgenden Jahren entspricht einem halben Lebenspunkt bei der Zählstelle Ihres Sektors. Genau was sie erwartet hat: nichts, womit man die Heiligung anstreben könnte.
Christelle Dabos entwirft in in diesem Jugendroman eine Gesellschaft, in der nicht das Ich, sondern das Wir zählt. Jeder Mensch besitzt einen Instinkt, eine angeborene Bestimmung, mit der er der Gemeinschaft dient. Es gibt Beschützer, Vertraute, Reparierer und zahlreiche weitere Funktionen. Persönliche Wünsche haben sich diesem System unterzuordnen, Individualität ist nicht vorgesehen. Ich habe mich durch den Wälzer hindurchgequält.
Als plötzlich Jugendliche verschwinden, beginnen Claire und Goliath nachzuforschen
Eigentlich ist dies eine spannende Ausgangslage für eine Dystopie. Denn Dabos stellt interessante Fragen: Wie viel Individualität braucht eine Gesellschaft? Wann wird Gemeinsinn zu Zwang? Was bleibt vom freien Willen, wenn Menschen von Geburt an eine Aufgabe zugewiesen bekommen? Und wer entscheidet darüber, was dem Wohl aller dient? Im Mittelpunkt stehen zunächst Claire und Goliath. Claire wird zur Vertrauten ausgebildet. Ihre Aufgabe besteht darin, anderen zuzuhören und deren Geheimnisse aufzunehmen. Dabei verbirgt sie selbst etwas, das in dieser Gesellschaft gefährlich werden kann. Goliath dagegen ist Beschützer. Sein Instinkt zwingt ihn, Menschen in Gefahr zu retten – selbst wenn er dabei seinen eigenen Körper ruiniert. Als plötzlich Jugendliche verschwinden und sich offenbar kaum jemand dafür interessiert, beginnen Claire und Goliath nachzuforschen.
Wir legen gleichzeitig auf. Kumpaninnen eines Verbrechens, noch bevor wir Mutter und Tochter sind. Nur habe ich das Gefühl, der ursprünglichen Lüge eine weitere hinzugefügt zu haben. Die Unauffindbaren. Alle sagen mir, ich soll sie vergessen, April, Beatrice, die Vorgesetzten, selbst Goliath, Goliath und seine Warums, und trotzdem klammere ich mich daran. Ich spiele mit dem Feuer. Denn die Unauffindbaren sind meine zweite Gewissheit. Ihre Abwesenheit lässt mir keine Ruhe. Und je weniger sich die Welt für ihr Schicksal interessiert, desto mehr denke ich an sie. Sie helfen mir zu existieren. Zumindest im Moment, aber das ist schon recht viel.
Man braucht viel Aufmerksamkeit, um sich zurecht zu finden
Gerade an Goliath zeigt Dabos eindrücklich die Widersprüche ihres Systems. Er wird für seine Opferbereitschaft geschätzt, kann aber gleichzeitig kaum darüber bestimmen, was mit seinem eigenen Leben und seinem Körper geschieht. Das ist klug gedacht. Überhaupt liegt die Stärke des Romans in seiner ungewöhnlichen Welt und den Fragen, die sich daraus ergeben. Weniger überzeugt hat mich die Erzählweise. Dabos verlangt ihren Leserinnen und Lesern einiges ab. Die Perspektiven wechseln ständig, weitere Figuren und Stimmen kommen hinzu, und immer wieder muss man sich neu orientieren. Kaum hatte ich mich auf eine Figur eingelassen, tritt die nächste ein. Hinzu kommt eine Welt, die sich nur langsam erschließt. Dabos erklärt wenig direkt. Begriffe, gesellschaftliche Regeln, Hierarchien und Zusammenhänge muss man sich Stück für Stück zusammensetzen. Das kann reizvoll sein, macht die Lektüre hier aber zusätzlich anstrengend. Ich war teilweise mehr damit beschäftigt, mich in dieser Welt zurechtzufinden, als mich von der Geschichte mitnehmen zu lassen.
Das einzig Wahre, Freunde. Körper, die wachsen, plappern, denken, sündigen, stinken, gehen und vergehen - unter uns, das ist doch bloß dummes Gedöns. Ihr werdet geboren? Gedöns. Ihr träumt? Gedöns. Ihr liebt? Gedöns. Euer Instinkt? Das dümmste Gedöns von allen. Seht den Dingen ins Gesicht, Freunde: Ihr, ich, dieser ganze kindische Quatsch, den die Angsthasen das Wir nennen, ist nur ein winziger Fliegenschiss inmitten des Nichts. Siehst ganz schön fertig aus, Samuel. Du hättest wirklich keinen guten Arzt abgegeben. Nicht mit der Figur. Hast du etwa Hunger? Ach was, bald wirst du mir dankbar sein. Als du zu mir gekommen bist, mit deinen großen Hungerleider-Augen, war da viel zu viel Fett, viel zu viel von dir. Ich schenke dir die Leere.
Komplex und zäh
Und genau da liegt mein größtes Problem mit dem Roman: Er ist über weite Strecken schleppend. Trotz interessanter Ideen wollte sich bei mir kein wirklicher Lesesog entwickeln. Es gibt starke Szenen und überraschende Entwicklungen, doch dazwischen liegen immer wieder Passagen, die sich ziehen. Bei 640 Seiten braucht es einiges an Geduld und Konzentration. Mir ist zwischendurch durchaus die Lust am Weiterlesen vergangen. Besonders bei der Einordnung als Jugendroman sehe ich deshalb ein Problem. Natürlich können und sollen Jugendbücher anspruchsvoll sein. Jugendliche brauchen keine vereinfachte Literatur. Aber ein anspruchsvoller Roman muss seine Leser trotzdem bei der Geschichte halten. Genau das gelingt hier nicht. Die vielen Perspektiven, die komplexe Welt und das langsame Erzähltempo verlangen eine Ausdauer, die vermutlich viele Jugendliche nicht aufbringen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass etliche trotz der interessanten Grundidee vorher aussteigen.
Eine ungewöhnliche und intelligente Idee - die Umsetzung nicht überzeugend
Dazu kommt die hölzerne Sprache, die mir auch nicht gelege hat. Das alles ist schade, denn unter dieser sperrigen Konstruktion steckt eine bemerkenswerte Dystopie. Besonders der Konflikt zwischen Gemeinschaft und persönlicher Freiheit ist interessant, weil Dabos ihn nicht auf ein simples Gut-und-Böse-Schema reduziert. Gemeinschaft ist notwendig, Rücksicht auf andere ebenfalls. Problematisch wird es dort, wo das Kollektiv bestimmt, welchen Wert ein Mensch hat und welches Leben er führen soll. Eine ungewöhnliche und intelligente Idee, die mich in ihrer Umsetzung nur teilweise überzeugen konnte. Der Rotfuchs Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren. Ich tendiere zu 16 Jahren auf Grund der Komplexität und Sprache.
Christelle Dabos, geboren 1980 an der Côte d’Azur, wuchs in einem Zuhause mit viel klassischer Musik auf und lebt heute in Belgien. Von ihrer Debütreihe «Die Spiegelreisende» wurden in Frankreich mehr als eine Million Exemplare verkauft und sie wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt.
Die Spur der Vertrauten
Originaltitel : Nous
Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma, Nadine Püschel
Dystopie, Jugendbuch
Hardcover mit Schutzumschlag, 640 Seiten
Rotfuchs Verlag, 2025
Altersempfehlung. ab 14 Jahren
Fantasy, Fantastic, Dystopien
Hier bin ich leider in letzter Zeit etwas ratlos. In dieser Rubrik wird wenig auftauchen. Leider habe ich das Gefühl, dass hier keine neuen Ideen kommen. Ich mag nicht immer wieder das gleiche Buch in Abwandlung lesen ... Aber auch hier lasse ich mich gern überraschen. Meist findet man unter den Dystopien doch mal was Neues.Fantasy
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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