Rezension
von Sabine Ibing
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Intro mit KI erstellt |
Die schwarze Lilie
von Dirk Schümer
Der Anfang:
Spitzes Metall bohrte sich in seine Haut. Es war das Erste, was er spürte. Dann kam der Schmerz. Er riss den Kopf zur Seite und sah eine Hand mit einem Hammer, der einen Nagel durch seine Knochen trieb. Wo war er? Was tat man ihm an? Er wollte schreien. Doch das ging nicht. In seinem Mund steckte ein Knebel und drückte seine Zunge nach unten.
1348: In der Finanzmetropole Florenz wütet die Pest in den letzten Zügen, während die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi nacheinander ermordet werden. Wittekind Tentronk, den es als Agent des Patriarchen aus Avignon an den Arno verschlagen hat, soll recherchieren, die Familie beschützen. Nebenbei erzählt der Autor von der größten Bankenpleite dieser Zeit, von Pest, aber auch von Wittekinds Liebe zu der schönen Marktfrau Cioccia und einem illustren Freundeskreis um den erfolglosen Poeten Boccaccio und Dantes versoffenen Sohn Jacopo.
Seit Monaten herrschte der Tod in den Straßen von Florenz, und leer war es geworden in den Buden und Werkstätten, in den Kirchen und auf den Märkten. Gedränge gab es nur mehr in den Massengräbern, wo sich die raren Lebenden der zahllosen Toten entledigten.
Brutaler kann ein Roman kaum beginnen. Ein Mann liegt gefesselt irgendwo in Florenz, ein Nagel wird durch seine Knochen getrieben, er kann weder schreien noch sich wehren. Und während man sich noch fragt, wer dieser Mann ist und warum man ihm das antut, ist man bereits mitten im Florenz des Jahres 1348. In der Stadt wütet die Pest. Menschen sterben auf den Straßen, in den Häusern und in den Kirchen, die Werkstätten werden leerer, die Märkte verwaisen. Doch der Tod hält die Mächtigen nicht davon ab, ihre Geschäfte weiterzuführen. Geld muss verdient, Schulden müssen eingetrieben und politische Interessen durchgesetzt werden. Wittekind Tentronk arbeitet als Agent für den mächtigen Bankier Pacino Peruzzi. Privat hat er mit der Marktfrau Cioccia sein Glück gefunden, die sich um Waisenkinder kümmert und ihm eine Art Zuhause gibt. Beruflich bewegt er sich mitten in einer Welt aus Geld, Macht, Intrigen und Gewalt, recherchiert für den Banker und biegt die Dinge wieder gerade, die das Haus bedrohen – ganz diskret und loyal. Als einer der Söhne des Bankiers verschwindet, erhält Wittekind den Auftrag, ihn zu suchen. Er findet ihn – allerdings tot und auf grausame Weise ermordet. Und damit beginnt eine Mordserie, die ihn immer tiefer in die Vergangenheit der Familie Peruzzi führt. Denn der Tote bleibt nicht der einzige Sohn, der sterben muss.
Wir arbeiten hier bei Kälte oder Hitze. In der Innenstadt, bei den Mittelsmännern der Arte di Calimal, müssen wir die Wolle abholen. Die Webstühle, auf denen dann das Tuch entsteht, gehören auch den Kaufleuten. Wir zahlen die Benutzung mit unserer Arbeit ab. Die ersten Arbeitsstunden gehören immer den Herren. Und wenn dann endlich die Tuchbahnen fertig sind, dann kommen die Verleger aus ihren Palästen zu uns, halten sich die Nase zu und finden immer irgendwas. Mal stehen am Saum Fäden ab. Dann ist das Garn zu dünn und das Licht scheint durch. Oder sie reklamieren mit einem dicken Beryll Webfehler, die wir mit bloßem Auge gar nicht erkennen können. Weißt du, was dann geschieht? Ich konnte es mir denken, schüttelte aber den Kopf.
Was zunächst wie ein historischer Kriminalroman beginnt, entwickelt sich zu einem großen Panorama des 14. Jahrhunderts, was mich an diesem historischen Roman so begeistert. Eine spannende Geschichte, ein bisschen ein Krimi – ein wenig Liebe – und sehr viel Zeitgeschehen. Schümer lässt Florenz vor unseren Augen auferstehen. Man geht durch die engen Gassen, steht auf den Märkten, hört die Händler und Handwerker, sieht die prächtigen Häuser der reichen Familien und erlebt gleichzeitig das Elend der Armen und er zeigt er, wie diese Gesellschaft funktioniert. Florenz gilt als Republik, doch die politische Macht liegt in den Händen weniger einflussreicher Familien. Allen voran stehen die großen Bankhäuser. Die Peruzzi gehören zu den mächtigsten Finanzhäusern Europas. Ihr Geld reicht weit über Florenz hinaus. Sie finanzieren Herrscher, treiben Steuern und Abgaben ein, handeln mit Waren und beeinflussen Politik.
Gerechtigkeit, das ist noch so ein missverständliches Wort. Wie Freiheit. Wie Republik. Hättest du das Glück gehabt, beim großen Occam zu studieren, dann wüsstest du besser, dass Worte nichts bedeuten. Es ist an uns Machtmenschen, den Worten ihre richtige Bedeutung zu verleihen. Wenn für dich Gerechtigkeit das Recht bedeutet, dass jeder Wollspinner das Gleiche darf wie ein Tuchhändler, dann irrst du dich gewaltig. Gerechtigkeit - das Wort meint, dass der Staat von gerechten Männern regiert wird, die jedem Bürger geben, was ihm zusteht. Wo kämen wir denn hin, wenn auch noch die Armen oder die Frauen Gerechtigkeit fordern würden?
Heute würde man Florenz wahrscheinlich als einen internationalen Finanzplatz bezeichnen. Tatsächlich waren die Peruzzi eines der bedeutendsten Bankhäuser des mittelalterlichen Europa. Ihr Zusammenbruch in den 1340er-Jahren gehört zu den großen Finanzkatastrophen des Mittelalters. Vor allem die gewaltigen Kredite an den englischen König Eduard III., der seine Schulden nicht mehr bedienen konnte, brachten die Bank in eine existenzbedrohende Krise. Die Peruzzi mussten 1343 Konkurs anmelden. Schümer macht aus dieser historischen Katastrophe einen spannenden Teil seiner Geschichte. Und plötzlich ist das Mittelalter ganz nah bei uns: Bankenkrise, Pandemie. Schümer zeigt sehr eindrücklich, wie die Finanzmagnaten ihren Einfluss nutzen, während die Armen die eigentliche Arbeit leisten, es bei ihnen vorn und hinten nicht reicht. Die Weber, Händler, Träger und Handwerker schuften unter teilweise erbärmlichen Bedingungen, während die einfußrechen Familien an Handel, Krediten und politischen Geschäften – insbesondere durch Betrug und politische Schachzüge – sich bereichern. Sie schrecken auch vor Mord nicht zurück.
Was ist mit den Fünfzigtausend aus der Stadtkasse von Florenz?, wollte Simone di Rinieri wissen. Andrea Lancia verriet: Die lassen wir als geheime Kriegsanleihe bei der nächsten Sitzung von den Priori abzeichnen. Schließlich geht es um unseren wichtigsten Verbündeten, die edle Königin Giovanna, die der Papst gerade von allen Vorwürfen absolviert hat. Das ausgegebene Geld holen wir noch dieses Jahr mit einer Sondersteuer auf Wein und Brot wieder herein. Wie habe ich gerade gesagt? Die Armen können den Gürtel ruhig enger schnallen.
Interessant sind Gespräche über Freiheit und Gerechtigkeit. Denn natürlich ist Florenz eine «freie» Republik. Aber was bedeutet diese Freiheit für einen armen Arbeiter, der von morgens bis abends arbeitet und trotzdem kaum seine Familie ernähren kann? Und was bedeutet Gerechtigkeit, wenn diejenigen, die über die Gesetze bestimmen, gleichzeitig diejenigen sind, die am meisten von ihnen profitieren? Man fragt sich, ob sich seit dem Mittelalter so viel verändert hat. Schümer lässt seine Figuren darüber diskutieren und hält damit unserer Gegenwart einen Spiegel vor.
Aber sind die Menschen in Florenz denn frei?, fragte ich rundheraus. Es gibt tausende in Porta San Gallo, die müssen sich plagen von früh bis spät und verdienen kaum das Brot für ihre Kinder. Lancia blickte misstrauisch: Du redest ja fast wie dieser Ciuto Brandini. Den mussten wir töten, weil er etwas Grundlegendes durcheinandergebracht hat. Libertas meint keineswegs die Freiheit der Menschen, sondern die Freiheit des Staates. Solange Florenz frei ist, hat jeder kleine Wollkämmer die Möglichkeit, sich hochzuarbeiten und reich zu werden wie die Bardi oder die Peruzzi. Die haben auch klein angefangen.
Aber der Roman beschränkt sich nicht auf Politik und Finanzgeschäfte. Die Pest ist allgegenwärtig. Und die verschont niemanden. 1348 ist eines der schlimmsten Jahre der europäischen Geschichte. Der Schwarze Tod hat große Teile Europas erreicht und wird Millionen Menschen das Leben kosten. In Florenz trifft die Seuche auf eine Gesellschaft, die wirtschaftlich bereits schwer angeschlagen ist. Leere Straßen, Massengräber, Angst und der Versuch, trotzdem weiterzuleben. Das Leben weiter. Menschen verlieben sich, handeln, streiten, trinken, schreiben, feiern und versuchen, trotz des Todes ihren Alltag zu bewahren. Wittekind sitzt mit seinen Freunden zusammen. Dantes Sohn Jacopo und Giovanni Boccaccio gehören dazu. Boccaccio ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht der große Schriftsteller, als den wir ihn heute kennen. Er ist ein junger Mann mit literarischen Ambitionen. Wenige Jahre später wird er mit dem «Decamerone» eines der berühmtesten Werke der europäischen Literaturgeschichte schreiben.
Die französischen Ehrgeizlinge der Anjou bekamen ein riesiges Königreich geschenkt. Aber wir, die Florentiner Kaufleute, haben den Eroberern ihr neues Leben finanziert, indem wir mit dem Getreide aus Neapel handelten. Das sind viele hunderttausend Scheffel in jedem Herbst. Die kannst du nach Konstantinopel verkaufen oder nach Kairo oder nach Venedig. Die Anjou bekommen vom Profit etwas Spielgeld für ihre Burgen, ihre Pferdezuchten, ihre Waffen und ihre Huren. Doch der größte Anteil landet jedes Jahr hier in den Schatztruhen. Durch das Geld der armen Bauern des Südens ist Florenz die schönste und reichste Stadt der Welt geworden. Der heilige Augustinus hat es irgendwo geschrieben ...
Die Königin von Neapel Giovanna I. Anjou, und die Banken von Florenz, insbesondere die Super-Bankhäuser Bardi und Peruzzi) waren im 14. Jahrhundert durch immense Kredite, Machtkämpfe und den ersten dokumentierten Megacrash der Weltgeschichte untrennbar miteinander verbunden. Das von Königin Giovanna und ihren Vorgängern beherrschte Königreich Neapel lieferte das lebenswichtige Korn, mit dem die Florentiner Bankiers ganz Europa versorgten und astronomische Gewinne erzielten. Die florentinischen Banken liehen dem Hof von Neapel riesige Summen, um Giovannas Herrschaft und ihren luxuriösen Hofstaat abzusichern. 1345 wurde Giovannas Ehemann, Andreas von Ungarn, unter mysteriösen Umständen ermordet. Giovanna wurde beschuldigt, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Um sich gegen die einfallenden Truppen des ungarischen Königs zu verteidigen, brauchte sie noch mehr Söldner – und damit noch mehr Kredite aus Florenz. Im großen Crash von 1343–1345 kollabierte zur exakt selben Zeit in einer Kettenreaktion der Vertrag mit Giovanna: Weil der englische König nicht zahlt, forderten die Banken ihre Kredite vom Hof in Neapel zurück. Königin Giovanna und ihr hochverschuldetes Reich konnten die Summen jedoch unmöglich sofort flüssigmachen. Dies riss die gesamte Wirtschaft von Florenz in den Abgrund.
Am Ende siegte wie immer das Geld. Die Botschafter von Florenz beim Papst zahlten nach ein paar Wochen die ausstehenden Summen an Kardinal Albornoz aus - mit Mitteln aus der Stadtkasse, weil die Banken offiziell bankrott waren. Der verhasste Inquisitor Pietro dell’Aquila wurde danach von einem Sonderlegaten des Papstes wegen Unterschlagung verurteilt. Dann schob ihn der Papst in den Süden Italiens ab, woher er gekommen war. Damit hatten die Herren von Florenz ein für alle Mal die Fronten geklärt: Solange der Inquisitor Armutsprediger foltern und verbrennen ließ, war alles gut.
Eine Pandemie, die eine Gesellschaft erschüttert. Florenz ist reich und arm, fromm und korrupt, gebildet und brutal. Eine Stadt voller Kunst, Handel und Ideen – und gleichzeitig voller Elend, Gewalt und Tod. Eine Finanzkrise, die nicht von den Armen verursacht wird, deren Folgen sie aber besonders hart treffen. In Florenz waren die „Guelfen“ ab dem 14. Jahrhundert keine klassische Partei mehr, sondern ein Kartell aus den mächtigsten Bankiersfamilien der Stadt. Die Identität der Partei verschmolz vollständig mit dem anonymen Großkapital. Hinter dem Namen der Guelfen verbargen sich die reichsten Handels- und Bankhäuser Europas, die das Florentiner Finanzwesen dominierten: Die Medici: Sie stiegen im 15. Jahrhundert durch das Banco Medici zur absoluten Supermacht auf und waren die Hausbankiers des Papstes. Die Bardi und Peruzzi: Schon vor den Medici waren diese beiden Familien gigantische internationale Bankhäuser der Guelfen-Fraktion. Sie finanzierten unter anderem den englischen König im Hundertjährigen Krieg. Die Pazzi und Strozzi: Erbitterte Konkurrenten der Medici, die ebenfalls über riesige europäische Bankennetzwerke verfügten. Warum galten sie als geheimer Bund? Der Papst war ein stiller Teilhaber und die Florentiner Banken erlangten ihren Reichtum primär dadurch, dass sie die Steuern und den Zehnten für die katholische Kirche in ganz Europa eintrieben. Da das Eintreiben von Zinsen im Mittelalter als Sünde (Wucher) galt, tarnten die Banken ihre Gewinne durch komplexe Wechselgeschäfte. Dies verschwiegene Finanznetzwerk war ein offenes Geheimnis. Offiziell bezeichnete sich Florenz als Republik. Um den Schein der Demokratie zu wahren, durften die großen Bankiersfamilien nicht offen als Herrscher auftreten. Sie agierten im Hintergrund über Strohmänner und die Institution der Parte Guelfa – ein Kartell aus den mächtigsten Bankiersfamilien. Ein normaler Bürger wusste zwar, dass irgendwelche Banken die Stadt kontrollierten, doch die geheimen Absprachen waren fest verschlossen. Auch das kommt einem noch heute so bekannt vor. Der «geheime» Strippenzieher Pacino Peruzzi leitete die Bankgeschäfte in einer Zeit, in der die Guelfen-Banken wie die Peruzzi und die Bardi das wirtschaftliche Fundament des Papsttums bildeten.
Im Jahr des Herrn I343 mussten die Söhne Pacinos aus Florenz fliehen, weil ihr Vater die Compagnia in den Ruin geführt hatte. Neunhunderttausend Florin verlor das Haus Peruzzi damals an den König von England, der selber bankrott war. Dem schändlichen Verschwender Edward hatte Pacino so viel Geld geliehen, dass man damit ein Königreich hätte kaufen können. Nun war alles verloren. Dutzende andere Banken riss der Padrino mit seinem Hochmut in den Abgrund. Danach wurde ihm von den Priori jedoch ein großmütiger Nachlass gewährt, weil nicht Pacino, sondern König Edward schuldig am Bankrott gewesen sei. Die Peruzzi mussten den Teilhabern deswegen nur zwanzig Prozent ausbezahlen. Doch nun, vier Jahre später, erfuhr ich, Giovanilani, dass König Edward später einen Großteil seiner Schulden beglichen hat. Fast fünfzig Prozent der neunhunderttausend Florin bekam Pacino in Wolle und in Anleihen ab I344 wieder zurück. Doch dieses Geld, von dem niemand in Florenz erfuhr, behielt der Verbrecher und baue seine Compagnia damit wieder auf. Pacino Peruzzi ging über Leichen.
Unter Pacinos Führung war die Bank ein globaler Konzern mit über 15 Außenstellen von London über Flandern bis nach Nordafrika. Sie handelten mit apulischem Weizen, englischer Wolle und finanzierten die Kriege europäischer Monarchen. Pacino hielt die Fäden dieses Netzwerks so diskret in der Hand, dass die breite Bevölkerung in Florenz zwar die politische Macht der Familie spürte, die globalen Deals aber völlig im Verborgenen blieben. Der größte Staatsbankrott des Mittelalters Pacino Peruzzi steht jedoch auch für eine der größten wirtschaftlichen Warnungen der Geschichte. Das System der Guelfen-Banken kollabierte in den 1340er Jahren spektakulär als die Peruzzi (und die konkurrierenden Bardi) dem englischen König Edward III. astronomische Summen liehen – rund 600.000 Goldflorin –, damit dieser den Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich finanzieren konnte. Als Edward III. im Jahr 1343 beschloss, seine Schulden einfach nicht zurückzuzahlen, riss er das gesamte Finanzimperium der Peruzzi in den Ruin. Der Ausbruch der Pest im Jahr 1348 traf Florenz unmittelbar nach einer verheerenden Bankenkrise, die die Stadt wirtschaftlich bereits ruiniert hatte. Giovanni Villani erlebte beide Katastrophen als betroffener Akteur und hielt sie akribisch in seiner Nuova Cronica fest. Peruzzi kam nach 1343 nicht wieder auf die Beine. Die Erklärung des Bankrotts im Jahr 1343 bedeutete das definitive, dauerhafte Ende der Compagnia die Peruzzi als europäische Großbank. Der Kollaps war strukturell zu tief, um die Bank zu retten. Das ebnete den Weg für den Aufstieg neuer, vorsichtigerer Bankiersfamilien – allen voran den Medici.
Wer konnte sich in dem Fahnenwald auskennen? Doch ich kannt die Florentiner inzwischen. Wehe, wenn jemand den blauen Igel mit der goldenen Eidechse verwechselte! Oder sich nicht tief genug vor dem Wimpel mit der schwarzen Krähe verbeugte! Mit der Ehre in der Nachbarschaft, ihres Viertels, ihrer Gemeindekirche oder ihrer Handwerkerzunft ließen die Leute nicht spaßen. Jedes Gewerbe hatte eigene Festtage, eigene Vorsteher. Alles musste streng beachtet werden, sonst kam es mindestens zur Schlägerei. Mir erschien es wie ein Wunder, wie ein Gemeinwesen aus diesen Grüppchen und Zirkeln, die alle nur sich selber wahrnahmen, in Eintracht regiert werden konnte. Während wir die Treppe hinaufschritten, grüßten sich die Priori untereinander, verneigten sich, schüttelten lange die Hände der anderen und erwiesen den Symbolen die vorgeschriebenen Ehren: Heil den Wölfen von San Frediano! Hoch die Madonna von Santa Maria Novella!
Denn bei all den Banken, Morden, politischen Intrigen und historischen Ereignissen braucht man Figuren, mit denen man mitfühlen kann. Wittekind und Cioccia sind genau solche Figuren. Ihre Liebesbeziehung und die Freunde der beiden bringen Wärme in eine ansonsten ziemlich dunkle Geschichte. Die Pest, Morde, Folter, Armut, Machtmissbrauch, religiöser Fanatismus und die brutalen Methoden der damaligen Zeit werden nüchtern dargestellt. Trotzdem ist dies kein düsterer Roman. Dafür sorgt Schümers Humor, aber auch seine Freude am Erzählen. Spannend, mit historischem Knowhow erzählt, ist dies einer der schillernsten historischen Romane, die ich kenne.
Dirk Schümer, geboren 1962 in Soest, lebte als Europa-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen lange in Venedig. 2014 wechselte er zur Welt und lebt mittlerweile in Baden-Baden, wo er neben seiner journalistischen Tätigkeit historische Romane verfasst.
Dirk SchümerDie schwarze Lilie
Historischer Roman, Historischer Krimi
Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, 608 Seiten
Paul Zsolnay Verlag, 2023
Historische Romane und Sachbücher
Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter. Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz. Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.Historische Romane

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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