Rezension
von Sabine Ibing
| Intro mit KI entwickelt |
Ethnobotanik
von Sarah Edwards
Eine Pflanze ist niemals nur eine Pflanze! Hamamelis, die Zaubernuss, wird beispielsweise bei Hautreizungen und Entzündungen eingesetzt. Ihre Wirkstoffe finden sich heute weltweit in Salben und anderen Arzneimitteln. Das Wissen darüber ist allerdings sehr viel älter als die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Pflanze. Oder die Alraune, die in fast jedem Fantasy-Schmöker eingesetzt wird.
Und damit kommt Edwards zu einem Aspekt, den ich besonders interessant finde: Europäische Forscher und Kolonisatoren trafen auf indigene Gemeinschaften, übernahmen deren Wissen, beschrieben Pflanzen wissenschaftlich und machten sie teilweise wirtschaftlich nutzbar. Diejenigen, die dieses Wissen über Generationen bewahrt hatten, profitierten davon häufig nicht.
Wem gehört Wissen?
Für mich ist das die wichtigste Frage dieses Buches. Wir sprechen gerne von der Entdeckung einer Pflanze. Dabei war sie für die Menschen, die seit Jahrhunderten mit ihr lebten, natürlich keineswegs unentdeckt. Sie kannten ihre Eigenschaften, wussten, wann sie gesammelt und wie sie verarbeitet werden musste. Edwards zeigt anhand ihrer Beispiele, wie vielfältig dieses Wissen ist. Es geht um Heilpflanzen und Nahrung, um Kleidung, Baumaterialien und Farben, aber ebenso um Rituale, Mythen und Spiritualität.
Die Alraune beispielsweise besitzt sie eine lange Geschichte als Heil- und Ritualpflanze. Andere vorgestellte Gewächse waren mir vollkommen unbekannt. Gerade diese Mischung macht das Buch interessant. Botanik trifft Kulturgeschichte – so könnte man dieses Buch zusammenfassen.
Besonders gelungen finde ich die Verbindung von Botanik und Kulturgeschichte. Man erfährt, wo eine Pflanze wächst, welche Eigenschaften sie besitzt und wie sie verwendet wird. Gleichzeitig geht es darum, welche Bedeutung sie für die Menschen hat. Wir erfahren etwas über Kolonialgeschichte, Wissen und Macht – und davon, was geschieht, wenn traditionelles Wissen plötzlich kommerziell interessant wird.
Optisch ist das Buch ausgesprochen ästhetisch gestaltet. Die Pflanzen werden detailliert illustriert, Blätter, Blüten und Früchte sind gut zu erkennen. Dazu kommen Fotografien, die ihre Verarbeitung und Nutzung zeigen. Man kann das Buch auch einfach aufschlagen, darin blättern und bleibt fast zwangsläufig irgendwo hängen. Die Sprache ist recht wissenschaftlich, was man mögen muss, bespickt mit vielen botanischen Fachbegriffen. Ein interessantes und wunderschön gestaltetes Sachbuch, das den Blick auf Pflanzen verändert. Besonders stark ist das Buch dort, wo es unseren Begriff von «Entdeckung» infrage stellt. Wissen beginnt schließlich nicht erst dort, wo ein europäischer Botaniker eine Pflanze beschreibt und ihr einen wissenschaftlichen Namen gibt.
Sarah E. Edwards ist Ethnobotanikerin und Biodiversitätsinformatikerin. Sie arbeitete viele Jahre an den Royal Botanic Gardens, Kew, und lehrt heute an der Universität Oxford. Zu ihren Forschungsgebieten gehören unter anderem die Verwendung von Heilpflanzen in Brasilie n und traditionelles Pflanzenwissen indigener Gemeinschaften in Nordaustralien.
Indigenes Pflanzenwissen in aller Welt
Aus dem Englischen von Bettina Eschenhagen
Heilpflanzen, Botanik, Indigene, Kolonialismus, Medizin, Ethnobotanik
Hardcover, 256 Seiten, 19.9 x 25.3 cm
Laurence King Verlag, 2024
Sachbücher
Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.Sachbücher





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