Rezension
von Sabine Ibing
| Intro erstellt mit KI |
Viper‘s dream
von Jake Lamar
New York, 1961. Clyde Morton, genannt Viper, hat gerade seinen dritten Mord begangen, den ersten, den er bereut. Doch anstatt zu fliehen – sein Kontaktmann bei der Polizei hat ihm drei Stunden gegeben –, besucht er im Cathouse Nica, die Baroness Pannonica de Koenigswarter. Hier denkt er über sein Leben nach, seine drei Wünsche, die Schutzpatronin der New Yorker Jazzszene ihm aufgetragen, aufzuschreiben, wie allen Jazzmusikern, die bei ihr ein- und ausgehen.
Viper lehnte sich auf Nicas Wohnzimmersofa zurück und schaute sich um, träge und wachsam zugleich. Niemand außer der Baroness hatte eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Aber er kämpfte tatsächlich mit den Tränen. Seit fünfundzwanzig Jahren ging er seinem Beruf nach. Und bis zu diesem Abend im November 1961 hatte er nur zwei Menschen umgebracht. Aber heute war ein drittes Opfer hinzu-gekommen. Zum dritten Mal in diesen fünfundzwanzig Jahren hatte er einen Menschen getötet. Aber es war das erste Mal, dass er es bereute.
Harlem verändert sich
Viper weiß, dass er im Knast landet, wenn er nicht augenblicklich verschwindet, aber das erscheint ihm plötzlich nicht wichtig. Er resümiert sein Leben, seine Ankunft in Harlem im Jahr 1936, als er noch hoffte, hier seinen Traum als Trompeter zu verwirklichen. Und weil ihm das Talent fehlte, fing er als Geldeintreiber an, stieg in den Drogenhandel ein und wurde bald zu einem gefürchteten und respektierten Boss. Sein Leben im Rhythmus des Jazz und im Rauch von Marihuana regierte er plötzlich ganz Harlem. Doch diese Welt verändert sich. Heroin breitet sich aus und fordert immer mehr Opfer. Auch vor den Musikern macht die Droge nicht halt. Das Harlem, das Viper einst vorgefunden hat, verliert zunehmend seine Unbeschwertheit. Gewalt und Drogen gehören immer stärker zum Alltag. Und irgendwann muss Viper feststellen, dass er selbst Teil dieser Entwicklung ist, auch wenn er mit dem Heroin nichts zu tun haben wollte.
Auch ein Gangster hat weiche Seiten
‹Gage›, sagte Mr. O. ‹Reefer, Weed, Pot, Herb, Tea, Shit, Muggles, Grass, Green Lady, Tasty Green, Mary Warner, Mary Jane. Nur für Geschlechtsorgane gibt es mehr Spitznamen als für Marihuana.›
Ein Gangster-Jazzroman vom Aufstieg und Fall eines gewalttätigen Antihelden inmitten New Yorks zu Zeiten der Segregation – Harlem wird dabei zu einer der wichtigsten Figuren des Romans. Jake Lamar beschreibt eine Stadt, die in den 1930er-Jahren voller Energie, Musik und Aufbruchsstimmung steckt. In den Clubs wird Jazz gespielt, Musiker treffen sich, die Straßen sind lebendig. Viper findet hier seine neue Heimat und baut sich sein eigenes Reich auf. Besonders interessant ist dabei, dass Lamar nicht versucht, seinen Protagonisten zum sympathischen Gangster zu machen. Viper ist ein harter Mann, der Gewalt ausübt und Menschen tötet. Gleichzeitig ist er aber kein eindimensionaler Bösewicht, auch er hat seine guten Seiten, seine Träume. Hinter seiner Brutalität steckt ein Mann, der einmal glaubte, ein guter Musiker werden zu können. Vielleicht ist genau das sein Innehalten, nicht wegzulaufen – ein Leben, das er irgendwann verloren hat und an das er sich nun zurückerinnert.
Bekannte Namen aus der Jazzgeschichte
Lamar erzählt nicht chronologisch. Die Handlung springt zwischen dem Jahr 1961 und Vipers Vergangenheit hin und her. So erfahren wir nach und nach, wie aus dem jungen Trompeter der Gangsterboss geworden ist, den wir zu Beginn kennenlernen. Das funktioniert sehr gut, weil sich die Geschichte wie eine lange Erinnerung entwickelt. Und dann ist da natürlich die Musik. Jazz ist in diesem Roman nicht einfach nur Hintergrund. Er bestimmt den Rhythmus der Geschichte. Die Sprache hat Tempo, manchmal wirkt sie fast wie improvisiert. Man kann sich in die verrauchten Clubs, die Musiker und die nächtlichen Straßen Harlems hinneinversetzt, spürt ihren Sound. Dazu kommen zahlreiche bekannte Namen aus der Jazzgeschichte. Miles Davis, Thelonious Monk und Charlie Parker tauchen ebenso auf wie Little Richard. Besonders die Baroness Nica de Koenigswarter ist eine faszinierende Figur. Sie war tatsächlich eine wichtige Unterstützerin vieler Jazzmusiker und ihr Haus wurde zu einem Treffpunkt der Szene.
Der Niedergang eines Stadtteils
Auch die Sprache passt hervorragend zu dieser Welt. Es ist eine Mischung aus Gangsterroman, Jazz und Noir. Hart und rau, aber gleichzeitig immer wieder poetisch. Selbst die Gespräche über Drogen haben ihren eigenen Rhythmus. Wenn Mr. O. aufzählt, unter welchen Namen Marihuana gehandelt wird – „Reefer, Weed, Pot, Herb, Tea, Shit, Muggles, Grass“ und noch einige mehr –, bekommt man ganz nebenbei einen Eindruck davon, wie selbstverständlich die Droge in dieser Welt dazugehört. Was mir an diesem Roman besonders gefällt, ist die Verbindung von persönlicher Geschichte und Zeitgeschichte. Vipers Leben erzählt gleichzeitig vom Harlem dieser Jahrzehnte. Von den Hoffnungen der Menschen, von Rassismus und Segregation, von Musik und kulturellem Aufbruch, aber auch von Gewalt, Drogen und dem Niedergang eines Stadtteils. Ein Roman, der nach Jazz klingt, nach Rauch und nach den dunklen Straßen New Yorks. Und einer, bei dem man nach der letzten Seite noch ein wenig in dieser Welt gefangen bleibt.
Jake Lamar (*1961) wuchs in der Bronx/New York auf, studierte an der Harvard University und schrieb für das Time Magazine. Er lebt seit 1993 in Paris und unterrichtete Kreatives Schreiben an der Sciences Po. Er schreibt Romane, Essays, Rezensionen, Kurzgeschichten und Theaterstücke und wurde mehrfach ausgezeichnet. Viper’s Dream erhielt einen CWA Dagger Award 2024, Das schwarze Chamäleon wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2024 ausgezeichnet (1. Platz International).
Viper’s Dream
Aus dem Englischen von Robert Brack
Kriminalroman, Kriminalliteratur, Gangsterroman,Jazz, Harlem, Noir, New York, Baroness Nica de Koenigswarter
Taschenbuch, 208 Seiten
Edition Nautilus Verlag, 2025

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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