Rezension
von Sabine Ibing
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| Intro mit KI erstellt |
Die Frau als Mensch
von Ulli Lust
Die Frau als Mensch «dekonstruiert dabei nicht nur etliche überlieferte Narrative, sondern bietet auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse auch neue Erzählungen an. Dabei macht Ulli Lust jedoch immer transparent, dass ihr Narrativ genauso ein Produkt ihrer Zeit und Perspektive ist wie jedes andere.» «Erzählungen über die Vergangenheit sind immer Spekulation», schreibt sie an einer Stelle. «Sonst müssten wir uns mit reinen Dokumenten begnügen. Die Urgeschichte werden wir stets neu erfinden.»
Wie viel können wir über Menschen wissen, die vor 30.000 Jahren gelebt haben? Wir finden ihre Werkzeuge, ihre Gräber, ihre Kunst und einige wenige Spuren ihres Alltags. Aber wir wissen nicht, was sie glaubten, welche Geschichten sie sich erzählten und welche Bedeutung sie den Dingen gaben, die sie hinterlassen haben. Genau in diesen Zwischenraum zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem, was wir nur vermuten können, begibt sich Ulli Lust in Sachcomic.
Der erste Band wurde 2025 als erster Comic überhaupt mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Nun führt Ulli Lust ihre Reise in die Frühgeschichte weiter. Wir begegnen wieder einer eiszeitlichen Gemeinschaft von Jägern und Sammlern und begleiten sie auf dem Weg ins Winterlager. Menschen werden geboren, andere sterben, es wird gejagt, geheilt und erzählt. Im Mittelpunkt steht diesmal jedoch die spirituelle Welt dieser Menschen – und insbesondere die Rolle der Frauen darin. Wie viel können wir über Menschen wissen, die vor 30.000 Jahren gelebt haben? Wir finden ihre Werkzeuge, ihre Gräber, ihre Kunst und einige wenige Spuren ihres Alltags. Aber wir wissen nicht, was sie glaubten, welche Geschichten sie sich erzählten und welche Bedeutung sie den Dingen gaben, die sie hinterlassen haben. Genau in diesen Zwischenraum zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem, was wir nur vermuten können, begibt sich Ulli Lust in diesem Comic.
Eine zentrale Figur ist die Schamanin Füchsin. An ihr zeigt Lust, welche Aufgaben eine solche Frau innerhalb einer Gemeinschaft gehabt haben könnte: Heilerin, Hebamme, Bewahrerin von Wissen und Vermittlerin zwischen der sichtbaren und einer angenommenen unsichtbaren Welt. Dabei geht es nicht darum, eine historisch belegte Lebensgeschichte zu erzählen. Füchsin ist eine Möglichkeit. Ulli Lust benutzt die Figur, um wissenschaftliche Erkenntnisse in eine vorstellbare Lebenswelt einzubetten. Besonders spannend fand ich die Frage nach der Venus von Willendorf. Diese gerade einmal elf Zentimeter große Frauenfigur gehört zu den bekanntesten Kunstwerken der Altsteinzeit. Doch was war sie eigentlich? Eine Göttin? Ein Fruchtbarkeitssymbol? Das Abbild einer realen Frau? Oder vielleicht ein Gegenstand, der bei Ritualen benutzt wurde?
Wir wissen es nicht. Und genau dieses Nichtwissen ist eine der Stärken des Buches. Ulli Lust präsentiert ihre Interpretation nicht als historische Wahrheit. Sie zeigt verschiedene Möglichkeiten und macht deutlich, wie schnell aus einer wissenschaftlichen Deutung vermeintliches Wissen werden kann. Dabei richtet sie den Blick besonders auf Frauen. Denn auch die Forschung war lange von bestimmten Vorstellungen über die Geschlechter geprägt. Der Schamane wurde selbstverständlich als Mann gedacht, ebenso der Künstler, der Jäger oder derjenige, der innerhalb einer Gemeinschaft besondere Macht besaß. Lust zeigt, dass solche Zuschreibungen keineswegs immer durch die Funde gedeckt sind. Frauen konnten ebenso Heilerinnen, Künstlerinnen und spirituelle Autoritäten gewesen sein.
Das ist ausgesprochen interessant, gelegentlich aber auch anstrengend. Ulli Lust hat über Jahre recherchiert und möchte offensichtlich möglichst viel von diesem Wissen unterbringen. Archäologie, Anthropologie, Mythen, Rituale, Höhlenkunst und ethnologische Vergleiche greifen ineinander. Das ist beeindruckend, führt aber auch dazu, dass der Comic stellenweise sehr dicht wird. Manchmal hätte ich mir etwas weniger Information und dafür mehr Ruhe in der Erzählung gewünscht. Gerade deshalb funktioniert die Geschichte um Füchsin für mich so gut. Sie gibt all den Fakten einen Rahmen und macht eine Zeit anschaulich, über die wir letztlich nur sehr wenig wissen. Geburt, Krankheit und Tod sind keine abstrakten wissenschaftlichen Themen mehr, sondern gehören zum Alltag einer Gemeinschaft, die in einer völlig anderen Welt lebt und uns gleichzeitig erstaunlich vertraut erscheint.
Auch zeichnerisch überzeugt mich Ulli Lust. Besonders die Landschaften und Naturdarstellungen schaffen eine Atmosphäre, in der man diese ferne Welt beinahe körperlich wahrnimmt. Gleichzeitig kann sie wissenschaftliche Zusammenhänge mit wenigen Bildern verständlich machen. Der Comic ist deshalb keineswegs nur die Bebilderung eines Sachbuchtextes. Die Zeichnungen tragen einen wesentlichen Teil der Erzählung. Die Graphic Novel ist kein Buch zum schnellen Durchlesen. Dafür ist es zu umfangreich, zu informationsreich und manchmal auch zu sprunghaft. Man muss bereit sein, sich auf Lusts Gedankenwege einzulassen. Nicht jede ihrer Deutungen lässt sich beweisen – aber genau daraus macht sie kein Geheimnis. Und vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses außergewöhnlichen Sachcomics. Ulli Lust behauptet nicht, endlich zu wissen, wie die Menschen der Eiszeit gedacht und gelebt haben. Sie zeigt vielmehr, wie wenig wir tatsächlich wissen – und wie sehr unser Blick auf die Vergangenheit davon abhängt, wer sie interpretiert.
Ulli Lust, geboren 1967 in Wien, ist eine österreichische Comiczeichnerin und Illustratorin. Ihr Comic «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens» (avant-verlag) erhielt International viel Aufmerksamkeit und wurde mit dem Ignatz Award und dem Los Angeles Times Book Award ausgezeichnet. Es folgten unter anderem «Flughunde» (nach Marcel Beyer) und «Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein» (beide Suhrkamp). Ulli Lust zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Comiczeichner:innen; sie unterrichtet Zeichnung und Comic an der Hochschule Hannover.
Die Frau als Mensch
Graphic Novel, Comic, Sachcomic, Frauen, Archälogie, Gesellschaftsbilder
Hardcover, 256 Seiten, 20.4 x 26.8 cm
Reprodukt Verlag, 2025
Graphic Novel, Comic, Grafisches
Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst. Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches








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