Rezension
von Sabine Ibing
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| Intro mit KI erstellt |
Sie wollen uns erzählen
von Birgit Birnbacher
Der Anfang: Er stellt sich vor, wie er ihr irgendwann alles sagt. Wie er sagt, er habe den Hasen nicht zweimal umgebracht. Niemand bringt zweimal jemanden um, oder etwas, wie es richtigerweise ja heißen muss. Auch etwas bringt jemanden nicht zweimal um. Schon gar nicht ein Kind einen Hase: schon gar nicht mit Absicht, schon gar nicht er. So ist es, nur so wird er es erzählen. Nichts und niemanden hat er umgbracht, genau genommen auch nicht den Hasen, genau genommen nicht einmal einmal.
Der neunjährige Oz hat ein Problem. Er muss seiner Mutter etwas beichten, das mit einem Hasen zu tun hat. Während er überlegt, wie er das Geschehene erklären könnte, beschäftigt ihn vor allem eine Frage: Kann man jemanden zweimal umbringen? Für Oz ist die Antwort eindeutig. Nun muss er nur noch eine Möglichkeit finden, seiner Mutter die Angelegenheit verständlich zu machen. Schon dieser Einstieg zeigt, wie ungewöhnlich Birgit Birnbachers Roman Sie wollen uns erzählen ist. Oz denkt anders, hinterfragt Selbstverständlichkeiten und folgt einer Logik, die Erwachsenen nicht immer einleuchtet.
Großmutter Zilly ist verschwunden
Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut. Sie hassen Uno, Mensch ärgere Dich nicht, Vier gewinnt. Sie hassen Regeln und Vorhersehbarkeit, die vorgegebenen Abläufe, die Unausweichlichkeit des Verlierens. Ihre Spiele sind eher Gespräche und ihre Gespräche sind ein Erzählen. Ihr Erzählen hat begonnen, als Ozzy zu sprechen begann.
Oz hat ADHS und gerät in der Schule regelmäßig in Schwierigkeiten. Regeln und feste Abläufe fallen ihm schwer, sein Verhalten stößt häufig auf Unverständnis. Seine Mutter Ann kennt diese Erfahrungen. Auch sie ist neurodivergent und weiß, wie anstrengend es sein kann, ständig gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen zu müssen. Zwischen beiden besteht eine enge Verbindung, geprägt von Verständnis, aber auch von den Schwierigkeiten des Alltags. Als Oz nach Hause kommt, wartet allerdings eine ganz andere Nachricht auf ihn: Seine Großmutter Zilly ist verschwunden. Mutter und Sohn machen sich auf die Suche. Was zunächst nach einer Familiengeschichte mit kriminalistischen Elementen klingt, entwickelt sich zu einem Roman über Wahrnehmung, Ausgrenzung und die unterschiedlichen Möglichkeiten, Wirklichkeit zu erzählen.
Vertrautheit ohne Sentimentalität
Das ist das erste Gesicht, das du sahst. Ich liebe dich mehr, als Worte sagen können. Wenn du nicht heil bist, bin ich nicht ruhig. Wenn du in Not bist, helfe ich dir. Wenn ich nicht da bin, komme ich. Wenn ich tot bin, werde ich dein Schutzengel. Nie wirst Du ohne mich sein.
Birnbacher interessiert sich für Menschen, die nicht in die üblichen gesellschaftlichen Raster passen. Besonders Oz ist eine bemerkenswerte Figur. Seine Gedanken folgen mitunter überraschenden Wegen, seine Fragen bringen Erwachsene in Erklärungsnot. Dabei entdeckt er Widersprüche, über die andere längst nicht mehr nachdenken. Die Autorin macht deutlich, wie schnell ungewöhnliches Verhalten als störend empfunden wird, ohne nach seinen Ursachen zu fragen. Besonders gelungen finde ich die Beziehung zwischen Oz und Ann. Die beiden brauchen keine Gesellschaftsspiele mit festen Regeln und vorgegebenen Gewinnern oder Verlierern. Lieber erfinden sie Geschichten, spielen mit Worten und entwickeln Gedanken gemeinsam weiter. Ihre Gespräche sind oft ebenso komisch wie berührend. Birnbacher beschreibt diese Vertrautheit ohne Sentimentalität und lässt zugleich erkennen, dass gegenseitiges Verständnis nicht sämtliche Probleme aus der Welt schafft.
Die besondere Wahrnehmung ihrer Figuren
Das Erzählen selbst steht im Mittelpunkt des Romans. Oz versucht, seine Geschichte so zu formulieren, dass sie für ihn einen Sinn ergibt. Auch die Erwachsenen haben ihre eigenen Erinnerungen, Geheimnisse und Vorstellungen davon, was geschehen ist. Wie zuverlässig sind solche Erzählungen? Und wie sehr verändert sich eine Begebenheit durch die Perspektive dessen, der sie wiedergibt? Diese Fragen spiegeln sich in Birnbachers Erzählweise. Die Handlung entwickelt sich nicht durchgehend geradlinig. Gedanken schweifen ab, Perspektiven wechseln, Zusammenhänge erschließen sich manchmal erst später. Das verlangt Aufmerksamkeit und kann gelegentlich etwas mühsam werden. Andererseits gelingt es der Autorin gerade dadurch, die besondere Wahrnehmung ihrer Figuren erfahrbar zu machen, statt sie lediglich zu beschreiben.
Feiner Humor
Erfreulich ist der gelassene Umgang mit Neurodivergenz. Birnbacher reduziert ihre Figuren nicht auf Diagnosen und verzichtet auf einfache Erklärungen. Oz ist klug, eigensinnig, manchmal anstrengend und keineswegs immer leicht zu verstehen. Ann wiederum muss nicht nur mit den Schwierigkeiten ihres Sohnes umgehen, sondern auch mit ihren eigenen. Beide dürfen widersprüchlich sein, was sie glaubwürdig macht. Trotz der ernsten Themen besitzt der Roman viel feinen Humor. Vor allem Oz› Gedankengänge sorgen immer wieder für komische Momente, wenn seine konsequente Logik auf die oft wenig überzeugenden Erklärungen der Erwachsenen trifft.
Ungewöhnlichen Blick auf familiäre Beziehungen neben der Norm
Die Suche nach Zilly hält die Handlung zusammen, steht aber nicht ständig im Vordergrund. Birnbacher interessiert sich stärker für die Beziehungen innerhalb der Familie und die Geschichten, die ihre Mitglieder über sich und andere erzählen. Dadurch verliert der Roman stellenweise an Tempo. Nicht jeder gedankliche Umweg ist notwendig, und gelegentlich hätte ich mir eine straffere Erzählführung gewünscht. Dennoch hat mich der Roman überzeugt. Birgit Birnbacher gelingt es, ein gesellschaftlich relevantes Thema literarisch anspruchsvoll und zugleich mit Leichtigkeit zu behandeln. Besonders die eigenwillige Gedankenwelt von Oz und die Gespräche mit seiner Mutter bleiben in Erinnerung. Ein Roman, der Aufmerksamkeit verlangt, dafür aber einen ungewöhnlichen Blick auf familiäre Beziehungen und unsere Vorstellungen von Normalität eröffnet.
Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman »Wir ohne Wal« (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Preise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Romane »Ich an meiner Seite« (2020), »Wovon wir leben« (2023) und »Sie wollen uns erzählen« (2026).
Sie wollen uns erzählen
Zeitgenössische Literatur, Neurodivergenz, ADHS
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Paul Zsolnay Verlag, 2026
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman


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