Rezension
Sabine Ibing
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| Intro erstellt mit KI |
Das Unwetter
von Brit Bildøen
Ein abgelegenes Berghotel in Norwegen, Ende Oktober, Dauerregen und eine Straße, die nach einem Bergrutsch unpassierbar geworden ist: Eigentlich bringt Brit Bildøens Roman alles mit, was es für ein atmosphärisches Kammerspiel braucht. Eine Familie ist zusammengekommen, um die goldene Hochzeit der Eltern zu feiern, draußen wird das Wetter immer bedrohlicher. Als zwei Jäger im Hotel stranden, stellt sich bald die Frage, was sie bei diesem Unwetter überhaupt in den Bergen gesucht haben. Möglicherweise waren sie auf illegaler Wolfsjagd. Auch der Familienhund verhält sich plötzlich merkwürdig. Die Zutaten sind also vorhanden – nur leider entwickelt sich daraus erstaunlich wenig.
Hier fehlen Konflikte
Selten habe ich bei einem Roman so lange darauf gewartet, dass endlich etwas passiert. Dabei meine ich keineswegs große Dramen oder spektakuläre Wendungen. Gerade eine solche Ausgangssituation bietet genügend Möglichkeiten, Spannung sehr viel leiser entstehen zu lassen: durch alte Verletzungen innerhalb der Familie, unausgesprochene Konflikte, unterschiedliche Erwartungen oder kleine Verschiebungen in den Beziehungen. Es hätte vollkommen gereicht, wenn unter der Oberfläche allmählich etwas in Bewegung geraten wäre. Doch genau das habe ich vermisst. Die Figuren bewegen sich durch die Handlung, ohne wirklich aneinanderzugeraten. Beziehungen werden angedeutet, entwickeln für mich aber nicht genügend psychologische Tiefe, um den Roman zu tragen. So plätschert die Geschichte über weite Strecken vor sich hin, während ich mich zunehmend fragte, worauf das alles eigentlich hinauslaufen soll. Die bedrohliche Naturkulisse allein reicht nicht aus, um jene Spannung zu erzeugen, die zwischen den Menschen weitgehend fehlt.
Auch das Ende überzeugt nicht
Erst gegen Ende ändert sich das plötzlich. Nun soll die Situation eskalieren – und ausgerechnet diese Wendung hat mich am wenigsten überzeugt. Eine überraschende Entwicklung muss nicht vorhersehbar sein, im Gegenteil. Aber rückblickend sollte sie sich aus dem Verhalten der Figuren erklären lassen. Man darf Hinweise übersehen, Menschen falsch einschätzen oder Zusammenhänge erst spät erkennen; wenn die Karten schließlich auf dem Tisch liegen, sollte man jedoch verstehen, warum es so kommen konnte. Dieses Gefühl hatte ich bei diesem Buch nicht. Was zuvor zwischen den Figuren geschehen ist, reicht für mich psychologisch nicht aus, um die spätere Entwicklung glaubwürdig zu machen. Die Eskalation wirkt weniger wie die Konsequenz dessen, was sich über den Roman hinweg aufgebaut hat, sondern eher wie eine nachträglich gesetzte dramatische Wendung, weil am Ende eben noch etwas passieren muss.
Die Figuren gebeben nicht viel her
Genau darin liegt für mich die größte Schwäche des Romans. Wer über weite Strecken auf äußere Handlung verzichtet, muss die Spannung aus seinen Figuren und deren Beziehungen entwickeln. Ich muss spüren können, was in ihnen arbeitet, welche Verletzungen weiterwirken, wo Abhängigkeiten entstehen und weshalb irgendwann eine Grenze überschritten wird. Dieser psychologische Unterbau hat mir gefehlt – und deshalb konnte mich auch das Ende nicht mehr überraschen, sondern hat mich eher geärgert. Für mein Empfinden war dieser Kriminalroman leider stinklangweilig. Das ist umso bedauerlicher, weil Schauplatz und Ausgangssituation durchaus Potenzial besitzen. Ein ruhiger Roman darf leise erzählen, und Spannung braucht weder Action noch ständig neue Ereignisse. Aber leise bedeutet nicht, dass nichts geschehen darf – vor allem nicht zwischen den Figuren. Und wenn am Ende plötzlich alles eskaliert, möchte ich wenigstens glauben können, dass genau diese Menschen tatsächlich an diesen Punkt gelangen konnten.
Brit Bildøen gilt als eine der führenden norwegischen Autor*innen, ihre Romane wurden für den renommierten Brage-Preis nominiert und waren auf der Longlist für den Dublin International Literature Award. Bildøen hat mehrere Romane und Kinderbücher übersetzt und ist auch selbst Kinderbuchautorin. 2023 wurde sie für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. Mit »Das Unwetter« wird sie erstmals einem größeren Publikum in Deutschland vorgestellt. Ein weiterer Roman, der thematisch anschließt, ist in Vorbereitung.
Das Unwetter
Kriminalroman;Kriminalliteratur, Norwegische Literatur
Taschenbuch,240 Seiten
btb Verlag, 2026

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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