Rezension
von Sabine Ibing
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| Intro mit KI erstellt |
Ein widerliches kleines Gefühl
von Regina Nössler
Der erste Satz: Am Sommerhimmel trieben ein paar flauschige Wolken träge dahin.
Man sollte solchen Romananfängen nicht trauen. Bei Regina Nössler schon gar nicht. Während am Himmel noch alles gemächlich seinen Gang geht, beschäftigt sich die Protagonistin bereits mit ausgesprochen handfesten Fragen. Wie bringt man jemanden um? Und zwar so, dass es schnell geht und sicher funktioniert?
Das Wie war mir völlig egal. Hauptsache, ich brachte es schnell hinter mich. Schnell und sicher. Messer. Kopf auf Stein. Stein auf Kopf. Ich hatte mich sogar informiert, mit welchen Griffen man ein Genick brechen konnte.
Eine ganz normale Frau
Da ist sie also, die Frau, der wir durch diesen Roman folgen sollen. Noch bevor wir viel über sie wissen, kennen wir ihre Überlegungen zum Töten. Eine interessante Reihenfolge. Gewöhnlich lernt man einen Menschen erst einmal kennen und entdeckt später seine unangenehmen Seiten. Nössler erledigt das andersherum. Nach diesem Einstieg in der Ich-Perspektive geht es in der dritten Person weiter. Evelyn Beckmann lebt in Berlin, hat eine Arbeit und eine nette Wohnung. Ihre Partnerin hat sie unlängst verlassen. Das steckt sie weniger gut weg, als sie sich selbst zugestehen möchte. Aber nach außen lässt sich der Alltag offenbar aufrechterhalten.
Bis Jennifer klingelt
Eine Freundin aus der Hauptschulzeit. Jahrzehntelang gab es keinen Kontakt. Nun steht sie vor der Tür und nimmt Evelyn die Luft weg. Sie wartet nicht auf eine Einladung, sondern drängt sich hinein, sitzt in der Wohnung wie eine fette Spinne, die sich auf ihr Abendessen freut, das sich gerade im Netz verstrickt. Evelyn hat diesen Besuch weder bestellt noch gewollt. Trotzdem wird sie Jennifer nicht wieder loswerden in der nächsten Zeit. Dabei wäre die naheliegende Lösung ziemlich unkompliziert: Tür auf, Jennifer raus, Tür zu. Dass Evelyn stattdessen darüber nachdenkt, wie sie die ehemalige Freundin endgültig beseitigen könnte, macht neugierig. Was kann an einem unerwünschten Wiedersehen so schlimm sein, dass ein Mord als brauchbare Alternative erscheint?
Der Blick auf die Gegenwart verändert sich
Jennifer kennt Evelyn noch als Elli. Und mit diesem alten Namen kommt ein Teil ihres Lebens zurück, den sie offenbar gründlich hinter sich lassen wollte. Nur hat sie dabei die Rechnung ohne ihre frühere Mitschülerin gemacht. Man kann umziehen, erwachsen werden, sich einen Alltag einrichten. Gegen jemanden, der noch weiß, wer man früher war, hilft das alles nur bedingt. In den mit «Damals» überschriebenen Zwischenkapiteln melden sich verschiedene Stimmen zu Wort. Wer da jeweils spricht, wird nicht benannt. Es geht um Ereignisse aus der Schulzeit, um eine Vergangenheit, deren Zusammenhang wir erst erschließen müssen. Diese Einschübe verändern den Blick auf die Gegenwart. Jennifer ist nicht mehr bloß die aufdringliche Besucherin, Evelyn nicht einfach die Frau, die ihre Ruhe haben möchte. Zwischen ihnen liegt etwas, das sich mit den üblichen Regeln der Höflichkeit nicht erledigen lässt.
Die Vergangenheit holt sie ein
Besonders geschickt ist, dass Nössler uns Evelyns Mordgedanken gleich zu Beginn zumutet. Danach lässt sich kaum noch unbefangen auf diese Frau schauen. Ihre Wohnung mag nett sein, ihr Tagesablauf geregelt. Wir wissen bereits, womit sie sich im Kopf beschäftigt. Die Normalität wirkt dadurch weniger beruhigend als verdächtig. Und Jennifer? Sie braucht zunächst weder eine Waffe noch eine offen ausgesprochene Drohung. Ihre Anwesenheit reicht. Sie sitzt nun gewissermaßen mitten in Evelyns mühsam eingerichteter Gegenwart und lässt sich nicht als längst erledigte Vergangenheit behandeln.
Wer hier wen bedroht, lässt sich nicht mehr so bequem sortieren
Das hat etwas ausgesprochen Unangenehmes. Ein unbekannter Mensch weiß nichts über uns. Einer alten Schulfreundin muss man dagegen womöglich erst erklären, weshalb man heute jemand ganz anderes sein möchte. Oder weshalb bestimmte Dinge besser nicht zur Sprache kommen sollten. Hier entsteht die Spannung aus einer Grenzüberschreitung, die zunächst ganz alltäglich aussieht. Jemand kommt unangemeldet vorbei. Jemand bleibt, obwohl er nicht willkommen ist. Und die Gastgeberin schafft es nicht, ihr eigenes Zuhause gegen diesen Menschen zu behaupten. Dass Evelyn gedanklich zu immer drastischeren Mitteln greift, macht die Situation nicht übersichtlicher. Im Gegenteil: Wer hier wen bedroht, lässt sich nicht mehr so bequem sortieren.
Der Lesende fühlt ein diffuses Unbehagen
Regina Nössler interessiert sich für die Stellen, an denen das Selbstbild ihrer Figur nicht mehr zu deren Gedanken passt. Evelyn möchte offenbar ein normales Leben führen. Gleichzeitig prüft sie Möglichkeiten, einen Menschen umzubringen. Zwischen beidem liegt keine fremde Welt, sondern ihr eigener Alltag. Genau das macht die Geschichte beklemmend. Der Titel klingt dagegen beinahe bescheiden. «Ein widerliches kleines Gefühl» – das könnte man vielleicht noch verdrängen. Sich ablenken, arbeiten gehen, etwas anderes denken. Evelyns Überlegungen haben dieses Stadium allerdings längst verlassen. Wer sich bereits darüber informiert, wie man ein Genick bricht, hat mehr als ein diffuses Unbehagen. Die Frage ist deshalb nicht nur, welches Geheimnis die beiden Frauen verbindet. Sondern auch, wie weit Evelyn gehen wird, um ihre Gegenwart vor der Vergangenheit zu schützen. Und was von diesem angeblich normalen Leben überhaupt übrig bleibt, wenn sie dafür einen Mord in Kauf nehmen würde. Nössler braucht für diesen Schrecken keinen abgelegenen Tatort. Eine Berliner Wohnung genügt. Und eine Besucherin, die man besser nicht hereingelassen hätte.
Regina Nössler, geboren in Altenhundem (Sauerland), aufgewachsen in Frankfurt/M und in Herten (Ruhrgebiet), Studium der Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum. Lebt seit 1995 in Berlin. Freie Autorin und Lektorin.Jeder Thriller hat ein anderes Thema, andere Figuren, Abgründe. In ihren Thrillern stehen nicht die Ermittler im Vordergrund, sondern es wird ganz nah an den Figuren aus ihrer subjektiven Perspektive erzählt. Die alltagsnahen Thriller der Autorin wurden mit dem Deutschen Krimipreis und dem Stuttgarter Krimipreis („Die Putzhilfe“) ausgezeichnet und erscheinen oft auf den Krimibestenlisten von DLF.

Regina Nössler
Ein widerliches kleines Gefühl
Kriminalroman, Kriminalliteratur
Klappenbroschur, 333 Seiten
Konkursbuch Verlag, 2025
Die Putzhilfe – Regina Nössler
Was für ein grandioser Thriller! An einem regnerischen Mittwochabend packt Dr. Franziska Oswald zwei Koffer und einen Rucksack, hinkt leicht verletzt zur Bushaltestelle, fährt zum Bahnhof und steigt in den Zug nach Berlin. Sie hofft, dass sie weit weg ist, bevor ihr Mann ihr Verschwinden bemerken wird. Er darf sie nicht finden! Sie darf keine Spuren hinterlassen, die er nachverfolgen kann. In Berlin Neukölln mietet sie sich unter falschem Namen eine kleine Bruchbude. Sie braucht einen Job – da bietet sich eine Stelle als Putzhilfe an ... Menschliche Abgründe, Lebenslügen und Überforderung, drei letztendlich innerlich zerrissen Frauen, fein aufgebaute Charaktere. Am Schluss fühlt man sich ertappt, in die Vorurteilsfalle getreten zu sein, eingelullt in die biedere Vorstellung vom Spießertum. Was für ein Ende! Exzellent!
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Kellerassel von Regina Nössler
Nach «Die Putzhilfe» war ich interessiert an der Autorin und sie konnte mich auch mit diesem Thriller wieder abholen. Ganz neben dem Mainstream entwickelt sich hier feine Kriminalliteratur mit drei Hauptprotagonist:innen und zwei nicht ganz unwichtigen Nebenprotagonisten. Man könnte den Kriminalroman fast zum Theaterstück umschreiben. Die Coronazeit liegt in den letzten Zügen, vieles ist wieder erlaubt, die Berliner Impfzentren haben noch bis September geöffnet. Isabel lebt in einer Wohnung in Tiefparterre, versucht sich als Künstlerin und jobbt zum Lebensunterhalt im Impfzentrum. Hier hat ein Kollege, der Studienabbrecher Oliver, ein Auge auf sie geworfen. Beide haben ein dickes Problem an der Backe …
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Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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