Rezension
von Sabine Ibing
| Intro mit KI erstellt |
Die New York-Trilogie
von Paul Auster
Die große Paul Auster-Box
Gesprochen von Stefan Kaminski
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 23 Std. und 38 Min.
Es beginnt mit einem falschen Anruf. Mitten in der Nacht klingelt bei Daniel Quinn das Telefon, und eine fremde Stimme verlangt nach jemandem, der er nicht ist. Mit diesem Satz öffnet Paul Auster eine der merkwürdigsten, verspieltesten und zugleich beunruhigendsten Bücherfallen, in die ich je getappt bin. Und ich bin gern hineingetappt. Jeder der drei Romane der «New York-Trilogie» gibt sich zunächst wie ein klassischer, spannender Kriminalroman. Auster legt seine Köder geschickt aus, und man beißt an, weil man glaubt, das Spiel zu kennen. Doch bald stimmen die scheinbar logischen Zusammenhänge nicht mehr. Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgte tauschen unmerklich die Plätze. Schritt für Schritt wird der Beobachter, ob Detektiv, Autor oder Leser, aus seiner sicheren Distanz gelockt und in ein Spiel mit seinen eigenen Erwartungen verwickelt.
Die Trilogie besteht aus den Erzählungen: «Stadt aus Glas», «Schlagschatten» und «Hinter verschlossenen Türen».
Film Noir in Brooklyn
Für die Ausgangssituation greift Auster auf die ohnehin düstere Stimmung der Hardboiled-Krimis der 30er bis 50er Jahre zurück, auf die Welt von Hammett und Chandler. Von der ersten Seite an fühlt man sich wie in einem Schwarz-Weiß-Film mit Humphrey Bogart: Detektive treten in Aktion, rätselhafte Anrufe werfen Leben aus der Bahn, geheimnisvolle Frauen tauchen auf, irgendwo zwischen Verführung und Bedrohung. Längst vergessene Erlebnisse kehren zurück und sind plötzlich von größter Bedeutung. Dazu kommen skurrile Gestalten, die man so schnell nicht wieder vergisst. Aber Auster benutzt diese Kulisse nur, um sie Stück für Stück abzutragen. Was dahinter zum Vorschein kommt, ist kein Kriminalfall, sondern ein Spiegelkabinett.
Stadt aus Glas
Daniel Quinn schreibt unter Pseudonym Kriminalromane und lebt nach dem Tod von Frau und Sohn zurückgezogen in New York. Wegen eines Missverständnisses gerät er in eine Affäre, die verwickelter und undurchsichtiger ist als alles, was er sich je für seine eigenen Bücher ausgedacht hat. Ohne dass ihm Zeit zum Nachdenken bleibt, nimmt er den Auftrag an, und zwar unter dem Namen des Privatdetektivs, nach dem der Anrufer gefragt hat: Paul Auster.
Ja, richtig gelesen. Der Autor schreibt sich selbst in seine Geschichte hinein, und das gleich mehrfach: als Detektiv, den es vielleicht gar nicht gibt, und als Schriftsteller, der in seiner Brooklyner Wohnung mit Frau und Sohn sitzt und mit Quinn über den «Don Quijote» plaudert. Das ist so verdreht, dass es zum Schreien komisch ist. Einfach genial.
Der Hintergrund ist dabei sogar autobiographisch: Auster bekam selbst einmal zwei falsch verbundene Anrufe von jemandem, der die Detektei Pinkerton suchte, und fragte sich danach, was wohl passiert wäre, wenn er «Ja» gesagt hätte.
Schlagschatten
Die zweite Geschichte ist die von Blue. Ein Mann namens White beauftragt den jungen Privatdetektiv, einen gewissen Black zu beobachten. Ohne die Hintergründe zu kennen, nimmt Blue den Fall an und beschattet Black Tag für Tag, Woche für Woche, von einer Wohnung gegenüber aus. Doch bald merkt er, dass seine bewährten Methoden nicht greifen, dass Black eigentlich nichts tut außer lesen und schreiben, und dass sich Wirklichkeit und Täuschung nicht mehr sauber trennen lassen. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Es ist die kürzeste und strengste der drei Erzählungen, fast schon ein Kammerspiel. Die Figuren sind auf Farben reduziert, die Handlung auf ein Zimmer und ein Fenster. Das hat etwas Becketthaftes, und gerade deshalb wirkt es so nach.
Hinter verschlossenen Türen
Diese Geschichte hat mir persönlich am besten gefallen. Ein namenloser Ich-Erzähler erfährt, dass sein Kindheitsfreund Fanshawe, ein Schriftsteller, spurlos verschwunden ist. Er wird zum Nachlassverwalter, sorgt dafür, dass Fanshawes Romane und Gedichte erscheinen, und heiratet schließlich dessen Frau Sophie. Er übernimmt also Stück für Stück das Leben seines Freundes. Doch Fanshawe lässt ihn nicht los, er geistert durch seine Ehe und seine Gedanken. Bei seinen Nachforschungen dringt der Erzähler immer tiefer in Fanshawes Vergangenheit ein, bis für ihn die Welt zusammenbricht, als er einen Hinweis bekommt, dass der Verschwundene noch lebt…
Und hier schließt sich der Kreis auf wunderbar irritierende Weise. Der Detektiv, den Sophie einst engagiert hatte, heißt Quinn, und auch er verschwindet spurlos. Es gibt eine wahnwitzige Verfolgungsjagd durch Paris, bei der der Erzähler einen Fremden für Fanshawe hält, der jedoch steif und fest behauptet, Peter Stillman zu heißen. Wer „Stadt aus Glas“ gelesen hat, zuckt an dieser Stelle zusammen. Und schließlich gibt der Erzähler zu, dass er selbst der Verfasser der beiden vorangegangenen Geschichten sei. Spätestens jetzt weiß man, dass man nie einen Krimi gelesen hat, sondern ein Buch über das Schreiben.
Wie Figuren beim Schach
Worin die Faszination besteht, ist, wie so oft bei Auster, schwer zu beschreiben, denn er schreibt rätselhaft, nebulös und bizarr. Er spielt mit den Erwartungen des Lesers, verschiebt Perspektiven wie Figuren beim Schach und legt falsche Fährten. Man könnte darüber verzweifeln, würde er das nicht so brillant, so meisterhaft tun. Dazu kommt ein dichtes Netz aus autobiographischen Anspielungen, Selbstbezügen des Textes, Querverweisen und kleinen Anekdoten über bekannte Persönlichkeiten. Blue etwa liest Thoreaus «Walden», Black erzählt von Walt Whitman und Hawthorne, und Fanshawe trägt den Namen von Hawthornes erstem Roman. Darunter liegen immer wieder dieselben Fragen: Wer bin ich, wenn ich jemand anderen beobachte? Was ist Schicksal, was ist Zufall? Kann eine Biographie überhaupt jemals ein geschlossenes Ganzes sein?
Lebensfreude, Humor und Warmherzigkeit
Austers Figuren stecken fast immer in existenziellen Krisen, und das verstärkt die düstere, manchmal absurde Stimmung. Paul Auster schreibt über Einsamkeit. Über Verlust. Über die Sinnlosigkeit des Daseins. Darin ähnelt er den von mir verhassten Existenzialisten. Verhasste, aber faszinierende Existenzialisten. Doch in Austers Romanen gibt es etwas, das ich bei Sartre und Camus immer vermisse: Lebensfreude, Humor und Warmherzigkeit. Bei den Existenzialisten ist alles kalt und trostlos. Bei Auster dagegen brennt mitten in der Leere immer noch irgendwo ein Licht im Fenster.
Ein Anti-Krimi wird zum Klassiker
Dass dieses Buch heute als moderner Klassiker gilt, war keineswegs selbstverständlich. «Stadt aus Glas» wurde von 17 New Yorker Verlagen abgelehnt und erschien schließlich 1985 bei Sun & Moon, einem kleinen unabhängigen Literaturverlag. Offenbar wusste niemand so recht, in welches Regal so ein Buch gehört. Das Etikett «Detektivroman» führt jedenfalls in die Irre, denn keine der drei Erzählungen entspricht auch nur ansatzweise einer klassischen Detektivgeschichte. Heute spricht man meist vom Anti-Detektivroman, und für manche ist die Trilogie gar der letzte Nagel im Sarg jener traditionellen Krimis, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Regale der Buchhandlungen füllten. Drei Geschichten ohne wirkliches Ende? Erzählungen, die mehr Fragen stellen und offen lassen, als sie beantworten? Ja. Und trotzdem, oder gerade deshalb, ein moderner Klassiker. Wer Krimis mit sauberer Auflösung sucht, wird mit diesem Buch unglücklich. Wer sich aber gern in Spiegeln verliert und Spaß daran hat, an der Nase herumgeführt zu werden, sollte unbedingt hineinlesen.
Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte nach dem Studium einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen Romanen Im Land der letzten Dinge und der New-York-Trilogie. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk umfasst neben zahlreichen Romanen auch Essays und Gedichte sowie Übersetzungen zeitgenössischer Lyrik. Am 30. April 2024 ist Paul Auster im Alter von 77 Jahren gestorben.
New-York-Trilogie
Die große Paul Auster-Box
Gesprochen von Stefan Kaminski
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 23 Std. und 38 Min.
Originaltitel: City of Glass / Ghosts / The Locked Room
Zeitgenössische Literatur
Rowohlt, Taschenbuch, 416 Seiten, 2024
Fine Voces, 2023
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman

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