Rezension
von Sabine Ibing| Intro mit KI erstellt |
Pearly Everlasting
von Tammy Armstrong
Schreiend, zahnlos und blind, so kam Bruno in die schwere Wolljacke meines Vaters gewickelt ins Camp. Und von dem Augenblick an, als mein Vater ihn neben mich in den Weidenkorb legte, suchte Bruno meine Nähe. Es wäre zu grausam gewesen, ein solches verwaistes Geschöpf einfach verhungern zu lassen, sagte mein Vater. Meine Schwester Ivy tanzte um ihn herum und bettelte, er möge Bruno in ihre Hände legen. Und die Waldarbeiter kamen scheu herein und hofften, mit ihren groben Knöcheln über seinen Kopf streicheln zu dürfen.
Kurz nach Pearlys Geburt hat ihr Vater das verwaiste Bärenjunge im Wald gefunden und mit nach Hause gebracht. Pearlys Mutter zieht beide gemeinsam groß. Für die Familie ist Bruno selbstverständlich ein Familienmitglied. Pearly und Bruno sind unzertrennlich, streifen gemeinsam durch die Wälder und kennen die Wildnis besser als die Welt außerhalb des Camps.
Als ein neuer Vorarbeiter die Leitung übernimmt, verändert sich das Leben der Holzfäller. Der Mann ist brutal, treibt die Arbeiter gnadenlos an und er will Bruno verschachern. Als der Mann eines Tages tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf den Bären. Bruno wird fortgeschafft und verkauft. Niemand weiß, wohin. Für Pearly steht fest, dass sie ihren Bruder zurückholen muss. Allein macht sie sich mitten im Winter auf den Weg durch die verschneiten Wälder. Eine gefährliche Reise, denn außerhalb des Camps kennt sie sich kaum aus.
Das Leben im Camp scheint aus der Zeit gefallen
Eines Nachts pickte eine Schar Unglückshäher - manche glaubten, sie seien die Seelen der toten Holzfäller - stundenlang an unser Fensterglas, obwohl bereits seit fünf Tagen ein Schneesturm wütete. Das musste Old Jack sein. Als die Nacht das Fenster in einen Spiegel verwandelte, ging ich hinaus, und meine Laterne warf Lichter in den dunklen, endlosen Wald. Alle Vögel waren verschwunden, aber die Nachtwinde nahmen Gestalt an, und das Knacken der Kiefern klang wie von Tieren.
Tammy Armstrong hat mich mit ihrem Roman gleich auf den ersten Seiten eingefangen. Besonders der Einstieg in die Geschichte ist ihr hervorragend gelungen. Man taucht ein in eine fremde Welt, in der die Menschen unter einfachsten Bedingungen leben, abhängig von der Natur, vom Wetter und voneinander. Die Holzfäller schuften unter gefährlichen Bedingungen, Verletzungen gehören zum Alltag, ebenso wie die Angst vor Arbeitslosigkeit, Hunger und dem nächsten Winter. Gleichzeitig herrscht unter den Menschen ein besonderer Zusammenhalt. Das Leben im Camp scheint aus der Zeit gefallen. Alte Geschichten und Aberglaube prägen die Menschen. Armstrong beschreibt die kanadische Wildnis ausgesprochen atmosphärisch. Die tief verschneiten Wälder, die eisige Kälte, die Geräusche der Natur, die Abgeschiedenheit – all das wird beim Lesen lebendig. Dabei romantisiert sie das Leben der Holzfäller keinesfalls. Die Natur ist wunderschön, aber ebenso erbarmungslos. Besonders interessant fand ich den Kontrast zwischen dem Leben im Camp und der Außenwelt. Als Pearly auf ihrer Suche nach Bruno in eine Kleinstadt gelangt, zeigt sich ein starker Kontrast. Was hier für andere Menschen längst zum Alltag gehört, ist für das Mädchen vollkommen fremd. Hier zeigt sich ein Kanada im Umbruch – eine neue Zeit, die die Wälder noch nicht erreicht hat.
Eine Erzählstimme, die nicht zur Protagonistin passt
Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedli
chen Perspektiven. Pearly berichtet rückblickend von ihrem Leben und ihren Erlebnissen. Sobald sie selbst nicht am Geschehen beteiligt ist, wechselt die Erzählung in die dritte Person. So begleiten wir auch Ansell, einen jungen Holzfäller, der sich Sorgen um Pearly macht, ich auf die Suche aus ihr macht. Mit der Erzählstimme Pearlys hatte ich meine Schwierigkeiten. Tammy Armstrong ist Lyrikerin, und das merkt man ihrer Sprache an. Sie schreibt poetisch, voller Bilder und ungewöhnlicher Formulierungen. Das gefällt mir grundsätzlich gut, gerade bei den Naturbeschreibungen. Doch wenn die ungebildete Jugendliche selbst erzählt, passte die Sprache schlicht nicht zur Figur. Ihre Gedanken und Beobachtungen wirken mitunter sprachlich zu reflektiert und literarisch ausgefeilt. Eine Erzählstimme, die hier besser durchgehend zu einer dritten Person gepasst hätte.
Es beginnt hervorragend und verläuft sich dann
Auch bei der Handlung hätte ich mir etwas mehr Aktion gewünscht. Die Ausgangssituation bietet reichlich Stoff für einen spannenden Abenteuerroman: ein junges Mädchen allein in der winterlichen Wildnis, ein verschleppter Bär, fremde Menschen und zahlreiche Gefahren. Doch Armstrong nutzt dieses Potenzial nicht vollständig aus. Die Geschichte entwickelt sich recht geradlinig, vieles ist vorhersehbar, echte Spannungsbögen entstehen nur selten. Selbst in gefährlichen Situationen hatte ich häufig das Gefühl, bereits zu wissen, wie es weitergehen würde. Hier hätte die Autorin durchaus mehr Spannung aufbauen können. Dabei sind die Figuren und ihre Beziehungen durchaus glaubwürdig gezeichnet. Besonders Pearlys bedingungslose Verbundenheit mit Bruno berührt. Für sie ist er kein Haustier, sondern ihr Bruder, und sie lässt sich durch nichts davon abbringen, ihn zu retten. Gleichzeitig bleibt Bruno ein wildes Tier, das in der Welt der Menschen immer wieder auf Misstrauen und Angst stößt. Gerade diese Gegensätzlichkeit macht die Beziehung so interessant.
Sehr feines Naturewriting
Der Roman ist eine Mischung aus Entwicklungsroman, Naturerzählung und Abenteuerroman, dabei geht es nicht nur um die Rettung Brunos, sondern auch um das Erwachsenwerden, um Mut, Vertrauen und die Frage, wo ein Lebewesen eigentlich hingehört. Ein atmosphärisch dichter, wunderschön erzählter Roman über die Verbundenheit zwischen Mensch und Tier, über das harte Leben der kanadischen Holzfäller und die raue Schönheit der Wildnis. Abstriche mache ich bei der vorhersehbaren Handlung, den fehlenden Spannungsbögen und der nicht überzeugenden Erzählstimme Pearlys.
Tammy Armstrong, geboren 1974, ist eine kanadische Lyrikerin und Autorin. Sie studierte Creative Writing an der University of British Columbia und hat in Literatur und Critical Animal Studies promoviert. Sie lebt in einem Hummerfischerdorf an der Südküste von Nova Scotia.
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman

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