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Die Tote im Eisblock von James Lee Burke - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Die Tote im Eisblock 


von James Lee Burke



Der erste Satz: 

Der Rest der Menschheit mochte es Herbst nennen und von den letzten Relikten des Sommers träumen, von den kühlen Nächten und der goldgrünen Natur, doch für mich hatte der Winter längst begonnen.

Man muss den Ermittler Dave Robicheaux, der als Detective im Sheriff’s Office in seiner Heimatstadt New Iberia am Bayou Teche in Louisiana arbeitet, nicht kennen, alle Bänder sind in sich abgeschlossen. Die Übersetzungen der Bände wurden auch querbeet veröffentlicht, insofern kann man immer noch in die Reihe hineinschnuppern. Die Serie gehört zu den besten der modernen amerikanischen literarischen Noirkrimis. 


Wo steckt Tee Jolie Melton


Die Politiker in Louisiana gehören zum korruptesten menschlichen Abschaum, den ich kenne.

Lousiana ist ein armer Staat, geplagt durch Sturmgewalt und Ölunfälle, in dem verschiedene Kulturen zusammenleben. Drogenkartelle haben sich breitgemacht. Korruption gehört zum täglichen Leben – wie schon immer – Politiker und Polizei inbegriffen. Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel, ein Privatdetektiv, sind auf der Seite der Guten, der Ehrlichen, die aber auch mal Recht brechen, um der Gerechtigkeit willen. Clete ist eine interessante Figur: eine wutschnaubende Kombination aus Trottel und Psychopath, ein Mann, der seinen Arm für einen Freund gibt – aber eine tickende Zeitbombe. In diesem Band wird im Bayou ein schmelzender Eisblock angeschwemmt, in dem die Leiche einer jungen Frau eingefroren ist. Robicheaux, gerade aus dem Krankenhaus entlassen, erholt sich von einer schweren Schusswunde, die er sich einen Monat zuvor bei einer Schießerei bei einem zurückliegenden Fall eingefangen hatte. Der Großvater des toten Mädchens suchte sie bereits, ebenso weiß er nicht, wo die Schwester steckt, eine Zydeco-Sängerin namens Tee Jolie Melton. Robicheaux, verehrt die Sängerin und beginnt zu recherchieren, was geschehen ist, macht sich auf die Suche nach Tee Jolie. Dabei tritt er einer mächtigen Familie schwer auf die Füße – was nicht gesund ist.


Ein atmosphärischer literarischer Noirkrimi


Immer waren Alkohol und Depressionen, Gewalt und Blutvergießen fester Bestandteil meines Weges gewesen.

Clete Purcel hat nebenbei eigne Probleme, ein Gangster ist an einen uralten Schuldschein von Clete gelangt, der längst bezahlt wurde und beharrt auf Auslöse, ansonsten will er Clets Haus pfänden. Außerdem will er Clete umbringen. Eine unbekannte Profikillerin erledigt derweil die Gangster, ist in irgendeiner Form daran interessiert, Clete zu schützen. Dave und Clete sind plötzlich in etwas verwickelt, das sie nicht verstehen. Die Verbrechen, die geschehen, folgen keinem erkennbaren Muster. Clete, der mit seinem Alkoholkonsum immer wieder außer Kontrolle gerät, erfährt etwas, das seiner schwerer angeschlagenen Psyche einen Schlag oben drauf gibt. Wie immer ist auch dieser Noirkrimi eine komplexe Story, bei der am Ende dann alles zusammenpasst. Großbürgertum des alten Geldadels der Plantagenbesitzer, Ölfirmen, Kreolen, Schwarze, Latinos – Rassismus und Überheblichkeit der weißen Rasse. Die alten Familien, die «Ölmafia», verpackt in das wundervolle Louisiana, die Gegend um New Orleans. Robicheaux ist meist der Ich-Erzähler, wechselt sich mit einem allwissenden Erzähler ab. Burke ist ein grandioser Literat, der sich intensiv mit seinen Figuren beschäftigt. Atmosphärische Landschaftsbeschreibungen, Beschreibungen von Milieus, Land und Leuten runden den literarischen Krimi ab. Dieser hier ist ein bisschen langatmig geworden, ein paar Seiten weniger hätten dem Band gutgetan. Aber alles in allem schafft James Lee Burke wieder einen Sog und sorgt für hervorragende Lesestunden.


James Lee Burke, 1936 in Houston, Texas geboren, wurde bereits Ende der 1960er Jahre als neue Stimme aus den Südstaaten gefeiert. Mitte der 1980er Jahre begann er Kriminalromane zu schreiben, in denen er die unvergleichliche Atmosphäre von New Orleans mit starken Geschichten verbindet. «America’s best novelist», schrieb «The Denver Post» über James Lee Burke. Er wuchs an der Golf-Küste auf, schlug sich nach dem Studium mit diversen Jobs durch, u. a. bei einer Ölfirma, als Journalist, Englischdozent und Sozialarbeiter. Burke schrieb 26 Kriminalromane, Kurzgeschichten und wurde mit zahlreichen Preisen bedacht, wie z. B. zwei Mal mit dem Edgar Allan Poe Award und mehrfach mit dem Hammett Prize sowie mit einer Nominierung für den Pulitzer-Preis. Seinen internationalen Durchbruch hatte er mit der außergewöhnlichen Krimi-Reihe um den Polizisten Dave Robicheaux. Robicheaux gehört zu den sperrigsten Ermittlern der Kriminalliteratur. Innerhalb der Dave-Robicheaux-Reihe veröffentlichte Burke seit 1987 insgesamt 23 Bände. Aus der Dave-Robicheaux-Reihe wurden zwei Krimis verfilmt: Mississippi Delta – Im Sumpf der Rache (Originaltitel: »Heaven’s Prisoners«) mit Alec Baldwin in der Hauptrolle und »Mord in Louisiana« (Originaltitel »In the Electric Mist …«) mit Tommy Lee Jones und John Goodman. Burke wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, zuletzt 2015.



James Lee Burke
Die Tote im Eisblock
Original: Creole Belle, 2012
Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Gockel
Krimi, Kriminalliteratur, Noir, Noirkrimi, Literartischer Krimi, Amerikanische Literatur
684 Seiten
Pendragon Verlag, 2022


Dave Robicheaux-Reihe in der richtigen Reihenfolge:

Neonregen von James (1987)
Blut in den Bayous (1988)
Schmierige Geschäfte / Black Cherry Blues (1989)
Flamingo (1990)
Weißes Leuchten (1992)
Im Schatten der Mangroven (1993)
Mississippi Jam (1994)
Im Dunkel des Deltas (1995)
Nacht über dem Bayou (1996)
Sumpffieber  (1998)
Straße ins Nichts (2000)
Die Schuld der Väter (2002)
Straße der Gewalt (2003)
Flucht nach Mexiko (2005)
Dunkle Tage im Iberia Parish (2006)
Sturm über New Orleans (2007)
Keine Ruhe in Montana (2008)
Eine Zelle für Clete (2010)
Die Tote im Eisblock (2012)
Light of the World (2013, noch nicht übersetzt)
Mein Name ist Robicheaux  (2018)
Blues in New Iberia (2019)
A Private Cathedral (2020, noch nicht übersetzt)


© Sabine Ibing

Ein guter Roman darf auch spannend sein – Und ein guter Krimi ist auch gute Literatur! von Günther Butkus


Ein weiterer Beitrag zur Rubrik: Krimis und Thriller - eigentlich ein kunterbuntes Genre

Friedrich Schiller kann man mit seiner Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« (1786) als Vorreiter des Genres Kriminalliteratur bezeichnen. Kriminalliteratur ist an sich keine Trivialliteratur, wie fälschlicherweise eine Zeit lang behauptet wurde. »Schuld und Sühne« von Fjodor Dostojewskis, Wilhelm Raabes »Stopfkuchen«, »Michael Kohlhaas« von Heinrich von Kleist, »Die Judenbuche« von Annette Droste Hülshoff«, sie alle gehören dazu.

Günther Butkus zum literarischen Krimi:
Jeder Mensch trägt seit Kindheitstagen ein Raster in sich, eine Prägung, wie er auf Sprache, Musik, Bilder, Natur etc. reagiert. Unbewusst gleichen wir jeden neuen Eindruck mit dem ab, was in uns ist. Damit dies gelingt, muss die Sprache mehr sein, als nur der Transportbehälter für Inhalte. 
Neugierig? Hier geht es zum Artikel:  Ein guter Roman darf auch spannend sein – Und ein guter Krimi ist auch gute Literatur! von Günter Butkus




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller




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