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Die Odyssee der Vergessenen von Khalil Diallo - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Odyssee der Vergessenen 


von Khalil Diallo


Der Anfang: 

Das Leben ist eine Qual. Ein Exil. Der Mensch ist verirrter Sternenstaub. Er handelt nie. Das übernehmen die Geister für ihn. Alles, was er in seinem Dasein erlebt, wurde nach unserem Glauben schon lange vor seiner Geburt festgelegt.

 Wenn die Menschen geboren werden, steht ihr Leben im Wesentlichen schon irgendwo geschrieben – über ihren Köpfen vielleicht oder auf unsichtbaren Tafeln, die die Geister verwahren. Die Legende lässt keinen Zweifel zu: Unser Schicksal ist durch den Ort, die Umstände, die Uhrzeit der Geburt und unseren Vornamen bereits vorbestimmt.»


Der Roman beginnt mit den grausigen Auswirkungen des Krieges: Der 22-jährige Sembouyane berichtet, wie er mit den Männern des Stamms von der Initiationszeremonie zurück ins Dorf kehrt. Er freut sich darauf, denn nach den Stammesritualen ist er nun ein Mann, und er darf endlich seine Verlobte heiraten.  Doch ein grausamer Anblick bietet sich den Rückkehrern: die Dorfbewohner wurden von Söldnern bestialisch abgeschlachtet, die Frauen vergewaltigt, bevor man sie tötete. Was Krieg ist und was Frieden, lässt sich im Grenzgebiet Guinea-Senegal nicht so genau sagen. Über 40 Jahre lang kam es immer wieder zu Gefechten zwischen Rebellen und Soldaten, zu Übergriffen von Rebellen, die in Dörfern wüteten, unschuldige Menschen beraubten, übel zurichteten, töteten. Sembouyane hält hier nun nichts mehr. Auch sein Freund Idy will das Dorf verlassen. Er berichtet, dass der Mann aus dem Dorf, der den Söldnern das regelmäßige Erpressungsgeld für die Sicherheit des Dorf überbringen soll, es lieber selbst einsteckt; und Idy kennt das Versteck. Der Mann ist tot. Sie finden eine Menge Geld – es sollte für den Weg bis nach Frankreich reichen.


Der Sturm bricht los. Himmel und Erde färben sich im selben Ocker. Der Wind schaufelt große Sandstöße auf den Wagen und seine Passagiere. Frauen und Männer schreien mit einer Stimme. Sand und Steine sind wie Klingen, die der Wind führt, sie bohren sich in unser Fleisch, reißen Wunden und dringen überall hinein. Bei jedem Ansturm des sandigen Windes verliert unser Fahrzeug mindestens zwei Passagiere, die wahllos herausgerissen, in die Luft geschleudert und beim Sturz auf die Straße in der entfesselten Sahara brutal zermalmt werden.


Doch der Weg ist weit. Versteckt unter dem Müll auf einem LKW klappt die erste Etappe bis in den Senegal ohne Probleme. Hier lernen die beiden jungen Männer einen Schriftsteller kennen, der nach Paris reisen will und eine Feministin. Auf ihrer langen Reise wird die Gruppe viele Menschen kennenlernen. Sehr viele werden es nicht überleben, bis nach Libyen zu kommen. Und wer es bis hierhin geschafft hat, die Wüste zu durchqueren, über das Feuer zu laufen, steht nun vor dem Höllentor. Die Etappen der Fluchtroute kann man auf einer Karte vorn im Buch nachverfolgen: Forédougou (Guinea), Sébékoro (Mali), Agadez, Dirkou (Niger) – mehrere Hundert Kilometer lange Dünenzüge durchziehen das Tschadbeckens und  Sami, der Schlepper fährt zwei Tage und eine Nacht ohne Halt –  Murzuk, Ghadames (Libyen) - gefangen und auf dem Sklavenmarkt verkauft, weiter durch Algerien nach Tanger (Marokko). Wer von ihnen wird es bis nach Europa schaffen?


Ich wusste bereits, was er sich zu sagen anschickte. Wir alle wussten es. Wie für alle Schlepper war das Elend auf der Welt für ihn ein Geschäft. Er wusste, dass wir schon zu lange gewartet hatten. Dieser Abend, so sagte er, sei der letzte Moment des Wartens, und er stehe für den Beginn eines Traums. Seine Worte waren kraftvoll wie Liebkosungen, stark wie Opium und schön wie ein Traum.


Der Roman zeigt unverblümt, was die Menschen auf sich nehmen, um aus ihrer Heimat zu entfliehen. Ein Drama in allen Facetten. Allerdings hat mich eins von Anfang an gestört: die Perspektive und die damit verbundene Stimme. Sembouyane ist ein junger Mann, der aus seinem kleinen Dorf noch nie herausgekommen, und er schreibt auf der Reise seine Geschichte auf. Immer wieder habe ich gestockt. Er schreibt über die Lasten der Tradition für die Frauen in Afrika und er kennt Dichter, zitiert sie, philosophiert über Politik und Religion, über Zeus und Herakles, etwas ist löchrig, wie ein Schweizer Käse. Das passt vorn und hinten nicht zusammen. Es ist ein wirklich guter Roman – doch an der Stimme bin ich verzweifelt. Ganz am Ende kommt so etwas wie eine Entschuldigung. Der Schriftsteller nimmt das Tagebuch von Sembouyane an sich, so erzählt er (Perspektivwechsel auf den letzten Seiten) – er hatte Sembouyane geholfen, seine Geschichte aufzuschreiben, und er schreibt nun selbst die Schlusssätze. Nein, Khalil Diallo, so einfach kommst du aus der Nummer nicht heraus! Ich frage mich, warum der Dichter nicht von Anfang an die Story von Sembouyane und Idy erzählt hat, die einer wundervollen Freundschaft. Das hätte mir einige Zahnschmerzen erspart. Ich bin pingelig, die meisten Leser werden das nicht mal merken. Dies ist ein eindringlicher Roman, ein Drama, die Geschichte von einem jahrelangen Höllenritt, die man lesen sollte, um besser zu verstehen, was die Menschen aus Afrika zu uns treibt und durch welche Hölle sie gegangen sind, bevor sie in ein Boot stiegen auf die Mittelmeerroute. Empfehlung!


Khalil Diallo, geb. 1992, ist einer der vielversprechendsten jungen Schriftsteller des afrikanischen Kontinents. Er wurde in Mauretanien geboren und lebt in Dakar. Nachdem er Finalist des Prix Orange du livre en Afrique 2019, des Prix Kourouma 2019 und des Prix Ivoire 2019 war, wurde er Preisträger des Prix Ahmed Baba 2021 und Finalist des Prix Kourouma 2021. »Die Odyssee der Vergessenen« ist Diallos zweiter Roman. 



Khalil Diallo
Die Odyssee der Vergessenen
Aus dem Französischen übersetzt von Astrid Bührle-Gallet
Zeitgenössische Literatur, Senegalesische Literatur, Flucht, Mittelmeerroute, Afrika, Migration
Klappenbroschur, 160 Seiten
Orlanda Verlag 2023




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Der Schleuser von Stéphanie Coste

Der erste Satz: 

Ich habe die Hoffnung zu meiner Handelsware gemacht.

Ein schmales Buch, das mit großer Kraft einschlägt, bitterböser Noir! – Der Eritreer Seyoum ist einer der wichtigsten Schlepper an der Küste Libyens und er schickt verzweifelte Menschen, die den schweren Weg durch die Sahara geschafft haben, aufs offene Meer, mit dem Bewusstsein, dass von ihnen nur ein Teil die italienische Küste erreicht. 100.000 Dollar Gewinn verdienen sie pro Bootsüberfahrt nach Italien. Ein eindriglicher Roman zum Thema Flucht, Flüchtlinge … ein schmales Buch, das man unbedingt lesen sollte!

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