Direkt zum Hauptbereich

Das Jahr das Dugong von John Ironmonger - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Das Jahr das Dugong 


von John Ironmonger 


Der Anfang: 

Es war ein Fehler, die Augen zu öffnen. Das Licht war zu grell. Er presste die Lider zusammen.

Da war ein Brummen in seinen Ohren. Es wurde lauter.

Dann nahm er die Schmerzen wahr. Seine Knöchel schmerzten. Seine Knie schmerzten. Sein Bauch. Sein Hals. Schmerzen wie eine Flüssigkeit, die von einem Körperteil zum nächsten floss, wie dunkelrote Farbe, die sich durch die Ströme seiner Adern in jeden noch so kleinen Seitenarm ergoss, bewaffnet mit Speeren und Flammenwerfern. Seine Ellbogen. Seine Hände. Seine Finger.

Seine Leistengegend.


Alles scheint so irreal

Toby Markham, erwacht in einem unbekannten Raum, kann sich kaum bewegen. Ein Krankenhaus? Er erinnert sich an einen Unfall. Die Pfleger haben merkwürdige Namen und sie sagen, man wolle ihn vor Gericht stellen. Alles scheint so irreal. Was ist geschehen? Eine Anwältin wird ihm zur Seite gestellt. Aber was soll er verbrochen haben? Wie kommt er nach Cambridge?


Wo bin ich, Ms. … Pangolin?›, fragte er.

‹Einfach Pangolin. Das hier ist Cambridge.›

‹Aber warum bin ich in Cambridge? Was soll ich in Cambridge? Was ist das hier für ein Ort?› Der Fußboden, sah er jetzt, war blanker Beton.

‹Das wird sich alles klären›, sagte die Frau, die sich Pangolin nannte. ‹Ich bin hier, um Sie zu verteidigen.›

‹Mich zu verteidigen?›

‹Ich bin Ihre Anwältin.›

‹Ich hab schon einen Anwalt. Walter Niedermeyer. Von Niedermeyer, Niedermeyer & Niedermeyer. In London.›

‹Nein.› Pangolin schüttelte den Kopf.


Sie klagen ihn des Terracids an

Der Hedgefondsmanager Toby Markham reist viel herum, beruflich, wie privat, er fährt einen 490-Ps Luxus-Sportwagen, besitzt einen Privatjet. Eine Sitzung hier, die nächste auf dem anderen Teil der Welt, ein Wochenende am Strand, oder bei Skifahren in den Bergen; in seiner Freizeit ist er leidenschaftlicher Reisender und Tierfotograf. Er erinnert sich: Ein Teamtreffen in den französischen Alpen, die Abfahrt auf der schwarzen Piste, eine Kurve, die er nicht nehmen konnte – seine letzte Erinnerung. Doch wie kommt er hierher. Sie sagen, es sei das Jahr des Dugong - ein Jahr weit in der Zukunft. Die Menschen klagen ihn des Terracids an – der Vernichtung der Erde. 


Wie viel trägt der Einzelne dazu bei?

Diese Novelle widmet sich der Frage, wie viel Mitverantwortung jedes einzelne Individuum an der Vernichtung der Arten trägt, an der Umweltkatastrophe. Wie viel trägt der Einzelne dazu bei und kann er die Verantwortung auf die Regierenden abgeben – die werden es schon richten? Oder muss jeder Einzelne aufstehen, sich engagieren, sein eigenes Leben in Frage stellen? Wie sieht die Welt einmal aus, wenn wir das Klima weiter verändern, weiter die Welt verschmutzen, Raubbau betreiben, alles zubauen? Der Dugong - eine Seekuh und viele bedrohte Arten erwarten eine Antwort von uns! In dieser Novelle geht es weniger um Fakten zum Klimawandel, sondern um das Ausmaß dessen, was passieren könnte. Betrachten wir die Schönheit der Erde mit ihrer vielfältigen Flora und Fauna – wollen wir das alles vernichten? Wir sind auf dem Weg dazu. Viele Tiere und Pflanzen sind bereits ausgestorben und andere werden folgen. Gern reden wir von Generationenverträgen – nicht nur in der Rente – aber was wollen wir den Enkeln übergeben? Die Herrlichkeit dieses Planeten oder einen Trümmerhaufen? Jeder von uns steht in Mitverantwortung. Eine kleine Schrift zum Nachdenken, eine kleine Novelle mit enormer Kraft.


John Ironmonger kennt Cornwall und die ganze Welt. Er wuchs in Nairobi auf und zog im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern in den kleinen englischen Küstenort, aus dem seine Mutter stammte. John promovierte in Zoologie; nach Lehraufträgen wechselte er in die internationale IT-Branche. Schon immer hat er geschrieben; seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Inspiriert zu »Der Wal und das Ende der Welt« haben ihn unter anderem die biblische Geschichte von Jonas und dem Walfisch, das Werk des Gesellschaftsphilosophen Thomas Hobbes, Jared Diamonds Sachbuch »Kollaps« und viele andere Quellen der Phantasie und des Zeitgeschehens. John Ironmonger lebt heute in einem kleinen Ort in Cheshire, nicht weit von der Küste. Er ist mit der Zoologin Sue Newnes verheiratet; das Paar hat zwei erwachsene Kinder und zwei kleine Enkel. John Ironmongers Leidenschaft ist die Literatur – und das Reisen auf alle Kontinente.



John Ironmonger
Das Jahr des Dugong 
Eine Geschichte für unsere Zeit
Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schnettler
Novelle, Bildungsroman, zeitgenössische Literatur, englische Literatur
Gebunden, 144 Seiten
S. Fischer Verlag, 2021



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

Intro mit KI erstellt   Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

  Intro mit KI erstellt Kaum ein Gericht ist internationaler als ein «Curry». Wobei es das eine Curry natürlich nicht gibt. Denn in jedem asiatischen Land gibt es andere Varianten, die so unterschiedlich wie die Länder selbst sind – in jeder Familie die eignen Rezepte. Was als indischer Eintopf begann, hat sich weltweit als beliebte Speise verbreitet. Currys haben eine jahrtausendealte Reise hinter sich gebracht, die durch koloniale Machtstrukturen globalisiert wurde und sich heute als kulinarisches Chamäleon in fast jeder Kultur wiederfindet. In diesem Kochbuch finden wir aus Indien, Thailand , Sri Lanka , Singapur , Japan und Weltküche – dazu Kulinarisches, Wissenswertes und Tipps. Klasse Rezepte zu Currys, Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

Rezension - Die schwarze Lilie von Dirk Schümer

  Intro mit KI erstellt 1348: In der Finanzmetropole Florenz wütet die Pest in den letzten Zügen, während die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi nacheinander ermordet werden. Wittekind Tentronk, den es als Agent des Patriarchen aus Avignon an den Arno verschlagen hat, soll recherchieren, die Familie beschützen. Nebenbei erzählt der Autor von der größten Bankenpleite dieser Zeit, von Pest, aber auch von Wittekinds Liebe zu der schönen Marktfrau Cioccia und einem illustren Freundeskreis um den erfolglosen Poeten Boccaccio und Dantes versoffenen Sohn Jacopo . Ein außergewöhnlich guter historischer Krimi. Weiter zur Rezension:   Die schwarze Lilie von Dirk Schümer 

Rezension - Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Intro erstellt mit KI  Margo sucht für ihre hoffentlich bald wachsende Familie eine größere Wohnung, doch die Angebote sind rar. Nach monatelanger frustrierender Suche wird sie in der Nachbarschaft fündig. Sie hört, man wolle in der Nähe demnächst ein Haus verkaufen ... Und so versucht sie sich in die Familie einzuschleichen, das Haus abzusahnen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Der Klappentext geht bis kurz vor Ende des Buchs, was es nicht besser macht. Die Geschichte schleicht langsam dahin – es fehlt jede Spannung und psychologische Raffinesse . Weiter zur Rezension:    Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Rezension - Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Intro mit KI erstellt   Dieses Mal steht neben Christopher das Mädchen Anya im Vordergrund. Ihr Großvater, der König, wird heimtückisch ermordet. Ihr Vater wird des Mordes beschuldigt und als Anya selbst in Gefahr gerät, muss sie fliehen. Gemeinsam mit Christopher, dem Hüter der Fabelwesen, muss sie nun ihren Vater retten und das magische Reich vor dem Untergang bewahren. Spannende Fantasie ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Rezension - Leere Häuser von Brenda Navarro

Intro mit KI erstellt Nur für einen kurzen Moment war seine Mutter in die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon vertieft gewesen, als der dreijährige Daniel vom Spielplatz verschwindet. Eine Unbekannte hat den Jungen mitgenommen und sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllt. Sie nennt ihn Leonel. Beide Frauen erzählen von ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Schuldgefühlen. Beide reflektieren ihre Liebesbeziehungen und Lebensträume. Psychologisch gut aufgebaut, hervorragender Roman, lateinamerikanische, feministische Literatur . Weiter zur Rezension:    Leere Häuser von Brenda Navarro

Rezension - Auf ins Weltall! – Das große Wettfliegen von Paul Mason und Jess Bradley

Intro mit KI erstellt   Abenteuer Weltraumforschung  – die Geschichte der Weltraumforschung für Kinder im Comic-Stil. Knackig, kurz und komisch. Im Mittelalter durfte man nicht mal behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist , ohne sein Leben zu riskieren. Sonnenfinsternis , Galaxien , Tiere im Weltall , die ersten Männer im Weltall und die erste Frau, Wissenswertes um die Raumfahrt .  Klasse Kindersachbuch-Comic ab 8 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Auf ins Weltall! – Das große Wettfliegen von Paul Mason und Jess Bradley

Rezension - Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau

Intro mit KI erstellt   Die Gasbranche lässt die Korken knallen. Einer von ihnen soll zum Minister ernannt werden! Besser könnte es nicht laufen. Und sein Sekretär bekommt gleich zu spüren, welch eine Atmosphäre nun im Ministerium herrscht. Karsten Richter hat die Aufgabe, das ganze Grüngeschwafel zur Klimakatastrophe wegzuwischen und die Gesetze abzuschaffen, die die Gasbranche hindern, weiterhin dicke Geschäfte zu machen. Dummerweise berichtet er seiner Mutter davon, was er vorhat. Anstatt stolz auf ihren Sohn zu sein, geht die grüne Aktivistin auf die Barrikaden. Hier geht es um die Rettung des Klimas , der Erde. Sie beraumt eine Pressekonferenz ein und will veröffentlichen, welche Schweinereien ihr Sohn plant. Klasse Satire! Weiter zur Rezension:    Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Intro mit KI erstellt   Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton