Direkt zum Hauptbereich

Birk von Liv K. Schlett - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Birk 


von Liv K. Schlett


Ich schreibe diesen Blog für Carl. Also eigentlich für alle außer Carl, denn Carl ist tot. Er wird keine einzige von diesen Zeilen lesen. Also ist »für« vielleicht das falsche Wort. Aber ich schreibe diesen Blog wegen ihm. Weil ich nicht will, dass es umsonst war, versteht ihr? Weil ich nicht will, dass es noch einen Carl gibt und noch einen und noch einen, zehn, hundert, tausend Carls. Versteht ihr? Nein, ihr versteht es nicht. Noch nicht. Aber dafür ist dieser Blog ja da.


Birk traut sich was, er entschließt sich, einen Blog zu eröffnen, schreibt über sich und sein Problem, eine Art Tagebuch. Eigentlich ist er ein ganz normaler Teenager – zumindest fast. Er ist 16 Jahre alt, mag seine Freunde, Zocken und Sport. So weit, so gewöhnlich. Doch Birk hat ein heftiges Problem, über das er nur anonym in seinem Blog sprechen kann. «Hi, ich bin Birk und ich hab ein Problem. Wenn irgendjemand davon erfährt, ist mein Leben zu Ende» Und dieses Problem war weg, jahrelang – plötzlich ist es wieder da! Enuresis nocturna)! Es droht, sein bisheriges Leben völlig aus der Bahn zu werfen ... Birk ist Bettnässer!


Dieser Blog ist für Carl

Ich hab mir gesagt, sobald der erste ‹Du Opfer!›-Kommentar kommt, lösche ich den Post. Lösche ich den ganzen Blog. Aber es kam nichts. Und es war auch völlig bescheuert von mir, zu denken, dass es gleich einen Riesenshitstorm gibt, wo hier doch erst eine Handvoll Leute mitlesen.


Vor ein paar Jahren hatte Birk eine Therapie gemacht, dort hatte er Carl kennengelernt, sich mit ihm angefreundet. Bei Birk war ganz plötzlich alles wieder ok gewesen. Doch jetzt ist am Morgen die Matratze wieder nass. Keine besonderen Vorkommnisse. Warum nur? Er will mit Carl reden. Doch dann erfährt er von Carls Mutter: Sein Kumpel hatte Suizid begonnen. Er hat sein Leben nicht mehr ausgehalten. Eigentlich ist bei Birk alles ok. Er ist in Kathy verknallt und die hat sich die letzte Zeit um ihn bemüht, sie sind nun ein Paar, haben sich oft getroffen, telefonieren viel. Und jetzt hat sie ihn eingeladen, bei ihr zu übernachten. Im Grunde genommen sollte Birk sich freuen – doch das mit dem Übernachten ist ein heikles Problem.


Sein großer Bruder nennt ihn «Pissbaby»

Daniel hatte das Heft gefunden und mir die Gedichte auf dem Schulhof hinterhergeschrien und gelacht. Irgendwann hatte ich dann den Spitznamen »schwuler Poet« und wusste weder, was das eine noch das andere überhaupt ist. Ich weiß nicht, ob Daniel heute immer noch homophobe Kacksprüche bringt, zutrauen würde ich es ihm jedenfalls.


In seinem Blog erzählt Birk über sein tägliches Leben und über sein Problem. In der Familie darf es niemand wissen. Er zieht sein Bett morgens ab, packt das Bettzeug in einen Plastiksack im Schrank, schmeißt die Wäsche in die Waschmaschine, wenn er allein zu Hause ist. Schlimm genug, dass er das alles vor der Familie verstecken muss. Sein großer Bruder nennt ihn «Pissbaby». Noch schlimmer, wenn er der Freundin erklären soll, dass er nicht bei ihr übernachten kann. Oder die Klassenfahrt, wie soll er die überstehen? Alles läuft schief: Das mit der Freundin, mit dem Blog! Er ist enttarnt! Ein Shitstorm rollt über Birk hinweg, reißt alle Menschen um ihn herum mit in den Abgrund. Birk wechselt die Schule, bricht mit seinen Freunden. Wird es hier besser werden?


Eine tiefe Sicht in die Gefühlswelt von Birk

In meinem Kopf sind komische Fantasien, bei denen mir selber schlecht wird. Sie sind unsinnig, bescheuert, es ist mir peinlich, sie aufzuschreiben, weil es biologisch einfach null Sinn macht, aber fuck it, fuck it, fuck it, es ist alles egal. Ich habe die Fantasie, meinen Schwanz zuzunähen. Ja, ich weiß, ich zucke selber zusammen bei dem Gedanken und verziehe mein Gesicht, als könnte ich die Nadelstiche in der dünnen Haut schon spüren. Ich würde mir auch gern meine Blase rausreißen. Einfach raus damit!


Liv K. Schlett gelingt in diesem Roman ein überaus sensibles und einfühlsames Porträt eines Teenagers, der mit sich selbst kämpft, fühlt sich authentisch in ihre Figur ein. Birk muss einen Weg suchen, mit seiner Blasenschwäche umzugehen. Emphatisch schafft die Autorin eine interessante Figur. Es geht um Stigmatisierung, Ausgrenzung und Mobbing, und um Scham, Angststörung und Selbstzweifel. Der Blog ist wie ein Tagebuch verfasst. Die Ichperspektive mit der genauen Darlegung seiner Ängste, Verzweiflung und Ausweglosigkeit gibt dem Lesenden eine tiefe Sicht in die Gefühlswelt von Birk. Wie fühlt man sich, wenn man ausgegrenzt wird, ausgelacht – wie, wenn man von einem Shitstorm überrollt wird. Und genau das nimmt den Lesenden mit, macht ihn sensibel für Außenseiter. Ein Klasse Jugendbuch! Der Magellan Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren, passt für mich.


Liv K. Schlett, geboren 1995, hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert. Texte von ihr erschienen in den Anthologien Vögel im Kopf (Hirzel) sowie Book Rebels (Hanser). Im Verlag Monika Fuchs veröffentlichte sie 2022 ihren Debütroman „Was Du Nicht Erwartest“ unter dem Namen des fiktiven Autors Jan Cole. Er war für den Delia Literaturpreis und den LovelyBooks Community Award nominiert und wurde mit dem rheinland-pfälzischen Jugendbuchpreis „Die Goldene Leslie“ ausgezeichnet. „BIRK“ ist ihr zweiter Roman.



Liv K. Schlett
Birk 
Jugendroman, Jugendbuch, Enuresis nocturna, Stigmatisierung, Ausgrenzung und Mobbing,  und Scham, Angststörung, Kinder- und Jugendliteratur  
Harscover, 304 Seiten
Magellan Verlag, 2025
Altersempfehlung: ab 14 Jahren



Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Impossible Creatures – Das Geheimnis der unglaublichen Wesen von Katherine Rundell

Die Archipel-Serie, Band 1 Tiere werden von Christopher magisch angezogen, und durch Zufall findet er bei einem Besuch von seinem Großvater heraus, dass dies seinen Grund hat. Er ist der Hüter des Weges zwischen den Welten , und Christopher soll später seinen Job übernehmen. Der Junge hatte einen jungen Greif gerettet. Mit dem Greif gelangte auch Mal in die Welt der Menschen. Irgendetwas verändert sich auf der magischen Seite , sagt Mal. Der Greif muss zurück und die Kinder wollen herausfinden, was vor sich geht. So reist Christopher in einen verborgenen Lebensraum, in dem mystische Kreaturen real sind. Ein Jugendbuch ab 10 Jahren, das emotional mitnimmt, das die Mythen der gesamten Welt aufnimmt in den Kreaturen – endlich wieder ein Fantasybuch , das auf allen Ebenen voll überzeugt.  Weiter zur Rezension:     Impossible Creatures – Das Geheimnis der unglaublichen Wesen von Katherine Rundell

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Weiß die KI, dass sie nichts weiß? von Katharina Zweig

  Chatbots wie ChatGPT und Co helfen uns bei der Arbeit, in der Freizeit. KI-Agentensystemen beantworten Fragen, schreiben eigenständig Texte, erledigen Suchaufgaben. Doch wie genau funktionieren die Sprachmodelle : Haben sie intellektuelle Fähigkeiten? Sie können weder denken, noch sind sie intelligent – sie basieren auf Musterfindung dessen, was der Mensch ihnen eingegeben hat. Katharina Zweig, Informatikprofessorin, zeigt, was ChatGPT und Co. wirklich können und und vielleicht niemals können werden. Zweig gelingt es, komplexe Zusammenhänge zwischen KI, Fehlerverhalten und Ethik verständlich zu machen, die Grenzen aufzuzeigen. Ein feines Sachbuch, das Sprachmodelle, KI, in seiner Funktionsweise verständlich erklärt. Weiter zur Rezension:    Weiß die KI, dass sie nichts weiß? von Katharina Zweig

Rezension - Ich schweige für dich von Harlan Coben

  Gesprochen von Detlef Bierstedt Gekürztes Hörbuch, Spieldauer: 8 Std. und 49 Min. Adam Price lebt den amerikanischen Traum: Der Anwalt ist glücklich verheiratet, stolzer Vater zweier Söhne. Doch dann ruft ihn ein Fremder an, der behauptet, seine Frau Corinne hätte ihm, dem Ehemann, vor einiger Zeit ihre Schwangerschaft nur vorgetäuscht. Corinne war vor ein paar Jahren schwanger, hatte das Kind verloren – das alles in einer Ehekrise. Aber warum soll Adam den Quatsch glauben?, sagt er sich. Doch der Unbekannte gibt Hinweise, wie Adam zu den Beweisen finden kann. Nach einigem Bedenken sucht Adam nach einem Corpus Delicti und wird fündig! Spannender Thriller – Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Ich schweige für dich von Harlan Coben

Rezension - Urknall: Livs und Iggys unglaubliche Reise durch die Evolution von Reidar Müller, Sigbjørn Lilleeng

  Die Geschichte des Lebens als Comic-Abenteuer Wie begann das Leben auf der Erde ? Welche Tiere lebten vor den Dinosauriern ? Und wie entstand der Mensch ? Diese großformatige Graphic Novel nimmt junge Leser mit auf eine faszinierende Zeitreise durch die Geschichte des Lebens . Liv fährt mit dem kleinen Saurier Iggy ungefähr 4.567 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit, zum Urknall, zur Ursuppe – und Iggy erklärt Liv die Evolution und sie reisen zurück Step by Step. Komplexen Fragen werden in der Graphic Novel kindgerecht erklärt. So lernen schon kleine Weltentdecker, dass das Leben aus vielen Facetten besteht. Wissens-Comic ab 8 Jahren. Klare Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Urknall: Livs und Iggys unglaubliche Reise durch die Evolution von Reidar Müller, Sigbjørn Lilleeng