Direkt zum Hauptbereich

Wo Rauch ist von Gudrun Lerchbaum - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing

Wo Rauch ist 

von Gudrun Lerchbaum


Der Anfang: Sie fuhr ihren Rollstuhl so nah an die Kante des Grabes, dass die Fußrasten über den Abgrund ragten. Ein leichter Druck am Steuerhebel würde ausreichen, um sie zu Can in die Grube zu stürzen.

Der türkische Journalist, Can Toprak, der in Wien wohnt, ist tot. Olga Schattenberg glaubt, dass ihr Ex-Mann ermordet wurde. Die Polizei hält das für ein Hirngespinst und so muss die Rollstuhlfahrerin, die an Multipler Sklerose  erkrankt ist, selbst ermitteln. Der Buchhändlerin zur Hand gehen Kiki, die bereits wegen Totschlags eingesessen hat und deren Ex-Mann, Adrian Roth, Grabredner von Beruf, der nicht nur von Berufs wegen alles schönredet. In Gudrun Lerchbaums Romanen wird es wie immer politisch. Auf den Straßen Wiens werden Einwanderer und Behinderte von Typen angepöbelt, Bürger, die angeblich für Ordnung sorgen wollen. Bis hin zu körperlichen Attacken wagen die Rechten sich hinaus - sie sind wieder wer.
Mit den Ermittlungen des Trios hakt es und manchmal natürlich auch untereinander – kein Wunder bei diesem Team, denn sie können unterschiedlicher nicht sein. Die Familie von Can rückt den Laptop nicht heraus, will mit Olga nichts zu tun haben. Doch plötzlich aber erkundigt sich die Polizei nach den letzten Recherchen von Can …

Fein gezeichnete Charaktere

Nur weil du gelernt hast, von innen heraus zu erstarren, zuckst du nicht zusammen. Der Schreck in den Augen, den kriegt man nicht weg, und den hat sie gesehen. Du legst deine Hände in den Schoß, weil sie zittern.

Gut gezeichnete Charaktere sind hier in einer rauen Welt unterwegs, Menschen in all ihrer Verletzlichkeit. Der konservative Adrian, dem jedes Böse fern ist, der sich die Wahrheit gern so verbiegt, wie es sein muss, denn Ordnung herrscht im Staat, weil es anders gar nicht sein kann. Kiki, psychisch angeschlagen, Aggression in feinster Form, alles muss raus – obwohl sie eigentlich ein echter Kumpel ist. Eine Olga, eine Widerständlerin, eine, die den Mund aufmacht, nicht nur für selbst. Immer ein wenig die Wut im Bauch, eine Kämpferin – auch gegen die eigene Krankheit. Protagonisten mit Profil und garantiert nicht immer rund und nett. Genau darum wirken sie glaubwürdig.

Gudrun Lerchbaum besitzt eine eigene Handschrift

Und wie es so ist, wenn man nach etwas sucht, wirbelt man Staub auf und einiges kommt dabei zu Tage, was sonst verborgen geblieben wäre. Zwar nicht das, was man finden wollte, weil die Lösung am Ende doch so naheliegend war, doch, das was man nebenbei aufdeckt, passt so manchem nicht. Ein glaubhafte Plot mit Gesellschaftskritik, der den Rechtsruck in Österreich im Visier hat.

Die Sprache von Gudrun Lerchbaum hat ihren eigenen Klang, verdichtet, klar strukturiert. Ihre Sprache besitzt eine eigene Handschrift, das finde ich sehr spannend. Eine Schriftstellerin, von der wir sicher noch einiges hören werden. Bereits ihr Debüt hatte mich begeistert, »Lügenland«, ein Near-Future-Thriller.




Gudrun Lerchbaum mit Else Laudan - Leipziger Buchmesse 2019



Gudrun Lerchbaum
Rezension zu Lügenland:  Lügenland von Gudrun Lerchbaum

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Meine kleine Satzwerkstatt

Ein herrliches Kinderbuch, um Spiel und Sprache zu verknüpfen, das mit einem hohen Spaßfaktor. Ob nun für Leseanfänger oder Fortgeschrittene, aus dem Umklappen und konstruieren von Sätzen bietet dies Kinderbuch eine fantastische Möglichkeit, sich weitere Wortspiele auszudenken.

Weiter zur Rezension:    Meine kleine Satzwerkstatt

Abbruch - Tod am Taj Mahal von Manuel Vermeer

Ich wollte dem Buch eine Chance geben, obwohl die Sprache mir von der ersten Seite an nicht gefiel - aber bei Seite 102 war Schluss. Mich hatte das Thema interessiert, das große Geschäft mit Sand, denn die vielen Betonbauten schlucken Sand, der auf der Welt immer rarer wird. Sandmafia – ein gutes Thema, so freute ich mich. Sprachlich nicht ansprechend, und obendrauf konnte ich inhaltlich dem Ganzen leider nicht mehr folgen.

Die deutsche Hydroingenieurin Cora Remy ist beruflich in Indien und will bei der Gelegenheit ihren Freund Ganesh besuchen, der derzeit neben dem Taj Mahal arbeitet. Vom Flughafen wird sie allerdings nicht von ihm abgeholt, lediglich von dessen Freund Anshu, der erzählt, er sei eigentlich nur der Chauffeur, weil Ganesh kein Auto besitze. Schon am letzten Abend sei er mit dem Freund verabredet gewesen, der nicht zu erreichen sei. Ganesh habe etwas herausgefunden über illegalen Sandhandel, sei bedroht worden, mehr wisse er auch nicht. Cora will ihn sofort suchen gehe…

Rezension - Töchter des Todes von Ulrike Blatter

Eine gut integrierte bosnische Familie, von allen in der Kleinstadt geachtet, die Mutter eine Christin, der Vater Muslim. Aylin hat gerade ihr Abitur erreicht, Semina ist Sozialpädagogin, arbeitet in Köln in Mädchenwohngruppen. Die Eltern haben die Töchter religionsfrei erzogen. Doch plötzlich hat sich das Facebookprofilfoto von Semina verändert: Sie ist unter einem Niqab verhüllt. In arabischen Schriftzeichen steht dort: »Eines Tages werdet ihr mich verstehen.« Sie ist weggegangen. Sie ist nicht mehr erreichbar. Aber niemand in der Familie versteht es, das kann nicht sein – sie kennen doch ihre Tochter, ihre Schwester! Netzhysterie, Shitstorm eine Familie wird von der Gesellschaft geächtet, gejagt – ist sich keiner Schuld bewusst …

Weiter zur Rezension:    Töchter des Todes von Ulrike Blatter

Rezension - Nature Sketching von Ueli Bieri

Mit Stift und Pinsel die Natur entdecken, der Schweizer Aquarellmaler lässt den Leser über die Schulter schauen. Er hat seine eigene Technik, die er über 200 Seiten lang präsentiert. Wer erwartet, er könne hier die verschiedenen Aquarelltechniken lernen, die man beim Nature Sketching anwenden kann, liegt falsch. Fauna und Flora in der Schweiz ist das Thema, sehr elegant und differenziert, aber auch sehr einseitig.

Weiter zur Rezension:   Nature Sketching von Ueli Bieri

Rezension - Arminuta von Donatella di Pietrantono

Die Eltern geben sie ab bei den realen Eltern, einfach so, wie man einen Hund im Tierheim abgibt. Die Dreizehnjährige hatte nichts geahnt, noch hat sie gewusst, dass es noch andere Eltern gab, Geschwister. Vom verwöhnten Einzelkind aus der Stadt am Meer zurück in eine ziemlich arme, kinderreiche Familie im Dorf. Wortlos. Sie begreift nichts. Sie muss sich abfinden. Ab sofort ist sie die Arminuta, die Zurückgekommene.

Weiter zur Rezension:   Arminuta von Donatella di Pietrantono