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Im tiefen, weiten Meer von Henrike Lippa und Katrin Dageför - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Im tiefen, weiten Meer 


von Henrike Lippa und Katrin Dageför


Im tiefen, weiten Meer,

… schwimmt ein Tütenfisch umher.


Hast du schon mal vom Tütenfisch gehört? Was ist ein Dosenkrebs oder ein Flaschenfisch? Diese Meeresbewohner haben ein riesiges Problem. Das Meer ist voll mit Dingen, die dort nicht hingehören. Ein Bilderbuch für Kinder ab 3 Jahren, das sehr witzig in Text und Grafik in Reimform gestaltet ist, hat mich etwas hilflos zurückgelassen. Die Idee ist prima, ebenso die Reime, die Gestaltung, doch das Buch macht es sich zu einfach – auch für Dreijährige und erzählt eigentlich die falsche Geschichte. 



Auf der ersten Seite im Meer entdecken wir bereits ein Schiff, das dunklen Unrat ins Meer absetzt. Dem Tintenfisch sitzt eine Plastiktüte über dem Kopf und auf jeder Seite finden wir menschlichen Abfall auf dem Meeresboden. Die Tiere sind sauer und schwuppdiwupp sammeln sie das Zeug auf und türmen es auf dem Stand – geben es den Menschen zurück: Schuhe, Fernseher, Badebekleidung, Sonnenschirm, Koffer, CD-Player usw. Hier wird den Kindern vermittelt, die Menschen würden an den Stränden ihren Müll ins Meer entsorgen – und noch einfacher, wir holen ihn wieder raus und gut ist alles. Ich wohne halbjährig direkt am Meer und selten schwimmt Müll an; selten lässt jemand am Strand Müll zurück. Das Problem ist ja ein ganz anderes! Schwerpunktregion der Meeresmüllberge ist Südostasien, wo Plastik hauptsächlich vom Land aus über die Flüsse in die Meere gelangt. Dies passiert vor allem in den Ländern, in denen die Sammlung von Abfällen nicht funktioniert. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Mikroplastik, das durch Abrieb von Autoreifen, beim Waschen von Kunststofftextilien oder durch den Zerfall von Plastikmüll entsteht, über unser Abwasser in Flüsse und Meere gelangt. Fischer verlieren auf hoher See ihre Netze oder werfen kaputte Netze über Bord – ein anderes Problem. Dünger, Pestizide und Chemikalien machen unseren Meeren zu schaffen. Unfälle bei Offshore-Ölbohrungen und beim Transport von Erdöl sorgen für große Schäden. Genau das hätte man darstellen können. Hier wird leider ein Verursacher ins Rampenlicht gestellt, der eigentlich keiner ist und vom Hauptproblem abgelenkt. Ich will nicht sagen, dass dieses Buch eine Fakenews ist, damit würde ich ihm Unrecht tun. Aber es trifft eben nicht den Punkt, suggeriert den Kindern eine falsche Ursache der Meeresverschmutzung.


Auf der letzten Seite wird minimal auf Mikroplastik, Netze und verlorene Container eingegangen. Wir sollen unseren Müll im Mülleimer entsorgen – alles prima. Und der landet in Containern nach Asien, wo er ungeschützt ins Meer gelangt oder der Container vom Schiff fällt. Plastik, bzw. Müll vermeiden – das ist eine Lösung. Und auf dieser Seite kommt folgender Tipp: «Frage deinen Nachbarn, ob du das Obst aus seinem Garten ernten darfst. Dadurch sparst du Verpackungsmüll.» Wenn einem nichts Besseres einfällt ... 



Das Bilderbuch ist lieb gemeint und es ist wirklich witzig. Die Reime sind prima, hier wird mit Wortwitz gearbeitet, wenig Text, verständlich für Dreijährige. Die computeranimierten Grafiken von Katrin Dageför in Mehrfachstil sind farbenfroh und witzig, übersichtlich gestaltet für kleine Kinder – die Grafiken sind schlüssig. Es tut mir leid, wenn ich inhaltlich den Daumen nach unten bewegen muss – als Kindersachbuch kann ich das Kinderbuch nicht einordnen. Das Problem mit dem Tourismus für die Meere ist ein ganz anderes: Fangen wir mit Sonnencreme an, mit der fatalen Entfernung vom müffelnden Seegras am Strand, Boote, Kreuzfahrten, Wal- und Delfinausflüge usw.  ...  und viel Unsichtbarem. Witzig, spritzig gestaltet, aber eben nur eine Geschichte. Wenn wir Kinder zur Meeresverschmutzung sensibilisieren wollen, müssen wir an ganz anderer Stelle beginnen. Der Edition Pastorplatz Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 3 Jahren – das passt für mich.



Henrike Lippa wurde 1983 geboren. Mit Hund und Schildkröten lebt und arbeitet die begeisterte Musikerin in Gütersloh. Schon im Kindesalter entdeckte sie ihre Liebe zur Musik und leitet seit 2005 die Integrative Kunst- und Musikschule in ihrer Heimatstadt. Neben dem Musizieren ist das Schreiben ihre große Leidenschaft. Die Arbeit mit Kindern im Vor- und Grundschulalter ist dabei die Quelle ihrer Inspiration. Am liebsten schreibt sie Bilderbücher für die allerkleinsten Leser.

Katrin Dageför, im Mai 1966 geboren, wuchs in Paderborn auf. Nach dem Abitur lebte sie ein Jahr in Montreal, bevor sie Grafik-Design in Krefeld studierte. Anschließend zog sie nach Hamburg, um dort als Art-Direktorin zu arbeiten. Nach zehn Jahren legte sie eine Pause ein und machte ein Praktikum bei einem Tischler. Ihr Weg führte danach zu einer eigenen Familie und zur Illustration. Wenn sie zeichnet, vergisst sie gerne alles.



Henrike Lippa, Katrin Dageför
Im tiefen, weiten Meer
Kinderbuch, Bilderbuch, Meeresverschmutzung, Kinder- und Jugendliteratur
Hardcover, 34 Seiten im Format 21 x 27 cm
Edition Pastorplatz Verlag, 2023
Altersempfehlung: ab 3 Jahren






Bilderbücher bis 5 Jahre







Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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