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Wenn das Wasser steigt von Dolores Redondo - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Wenn das Wasser steigt 


von Dolores Redondo


Der Anfang: 
Der Junge blieb auf der Schwelle stehen und begann zu zittern, als er die intensive Kälte draußen spürte. Er ließ den Blick über die ruhige, im Licht des Vollmonds glänzende Oberfläche des Sees schweifen und danach über den Himmel. Die aufsteigenden Tränen verschleierten seinen Blick. Er wollte das nicht tun. Er wollte wieder reingehen, an den Ofen, um eine Geschichte zu lesen und zu schlafen. Denn wenn er dort auf dem Boden neben dem Feuer einschlief, machte sich niemand die Mühe, ihn ins Bett zu schicken, und er hatte seine Ruhe.


1983, der Polizist Noah Scott ist besessen davon, den Serienmörder Bible John zu erwischen. Er steht im Verdacht, Frauen, die aus Diskotheken verschwanden, nie wieder auftauchten, ermordet zu haben.  Seit Jahren ist Noah an dem Fall dran, und er glaubt, den Täter identifiziert zu haben. Er folgt John Clyde Tag und Nacht. In einer stürmischen Nacht folgt er seinem Ford Capri an einen abgelegenen Ort. Es schüttet wie aus Eimern, als John im Schlamm ein großes Loch gräbt. Noah kann es nicht fassen – er hat den persönlichen Friedhof von John Bible entdeckt und will ihn stellen. Noah gelingt es, John die Handschellen anzulegen – doch dann krampft sich etwas in seiner Brust zusammen und es wird schwarz vor seinen Augen … 


Eine Spur, die ihn nach Bilbao führt 


Sie würde darauf eingehen, weil er ganz zauberhaft war, weil sie mit dem Bus gekommen war und weil alle einen Freund mit einem Auto haben wollen. Sie würde darauf eingehen, obwohl in den Zeitungen ständig von den vielen Frauen zu lesen war, die spurlos verschwanden, obwohl man ihnen mit Sicherheit tausendmal gesagt hatte, dass sie nicht zu Unbekannten ins Auto steigen sollte.

Noah erwacht im Krankenhaus und muss erfahren, dass seine Lebenszeit begrenzt ist, eine Kardiomyopathie hatte einen Herzinfarkt ausgelöst, eine unheilbare Krankheit. Ein Jäger hatte ihn gefunden und gerettet. Noah hat maximal ein halbes Jahr zu leben und beschließt, dass er diese Zeit nutzen will, um Bible John zu finden. Er folgt einer Spur, die ihn nach Bilbao führt und durchforstet die Stadt, deren herbe Schönheit ihn gefangen nimmt, bis sich eine Jahrhundert-Flut ankündigt, die alles zu verschlingen droht. Hilfe bekommt er dabei von Rafa und seinem Team, einem Polizisten der Ertzaintza. Auch hier werden bereits zwei junge Frauen nach einem Diskothekenaufenthalt vermisst … 


Zurück in die Achtziger


Das drückende Gefühl der verlorenen Zeit und die geistige Verwirrung sorgten dafür, dass die Theorien, die er mit so viel Mühe erarbeitet hatte, zerfielen wie Chimären. Irrwege, die dazu dienten, seinem Leben, das ihm zwischen den Fingern zerrann und von dem er nun wusste, dass es nutzlos war, einen Sinn zu geben. Vielleicht gab es keinen Mörder, vielleicht war Murray gar nicht Bible John, vielleicht war das alles das Hirngespinst eines todkranken, depressiven Mannes, der unter starken Medikamenten stand.

Den Serienmörder Bible John gab es wirklich und es ist bis heute einer der bekannteste Cold Case der schottischen Kriminalgeschichte. Frauen verschwanden nach ihrem Besuch im Glasgower Tanzclub «Barrowland Ballroom» von Februar 1968 bis Oktober 1969 und die Autorin lässt ihn 1983 wieder auferstehen. Auch die Jahrhundertflut von Bilbao hat es gegeben. Und weil wir uns in den Achtzigern im Baskenland befinden, haben die ETA und die IRA ihren Platz in diesem Plot gefunden – auch Zeitgeschichte, da die IRA die ETA mit Waffen belieferte. Dolores Redondo – «Königin des literarischen Thrillers», wie Carlos Ruiz Zafón sie bezeichnete, verwebt diese beiden Ereignisse und führt uns zurück in die Achtzigerjahre – ganz ohne Handy und Internet und DNA-Analyse. «Um diesen Roman zu schreiben, habe ich 39 Jahre gebraucht», sagt die Autorin. 


Ein literarischer Thriller vom Feinsten!


Noah betrachtete den Himmel dieser mondlosen Nacht. Er war voller Sterne, die sich bis zu den Seiten des Schiffs ausdehnten und gleichzeitig kalt und weit entfernt inmitten der erschütternden Dunkelheit lagen. Der Bug des Schiffs durchbohrte die unendliche Nacht auf hoher See, und als kein Licht mehr das Vorhandensein des Rests der Welt verriet, fühlte er sich sterblicher als je zuvor.


Eine vielschichtige Geschichte mit psychologischer Tiefe, die zeigt, zu wie viel Grausamkeit, aber auch Hoffnung die Menschen fähig sind. Die Detailtreue, mit der Redondo Bilbao diese historischen Epoche beschreibt, ist beeindruckend. Eine Reise in die Vergangenheit; atmosphärisch beschreibt Dolores Redondo die Gassen von Bilbao, den Dreck, der in den Fluss geleitet wurde; Musik, eine Welt, in der man noch über Telefonzellen kommunizierte. Die Stadt wird zu einer weiteren Figur, fast so lebendig wie die Menschen, die in ihr leben. Der literarische Thriller schafft ein Gefühl für die Verortung und gibt insbesondere den Charakteren Tiefe. Die Figur des Bible John mit seinen makabren Domänen, einschließlich biblischer Anspielungen löst einerseits Abscheu und Ekel aus, andererseits fasziniert er, wie es nur große Bösewichte vermögen. Eine Liebesgeschichte schwingt mit und ein Ende, das mir ein Stück zu aufgesetzt war. Ein literarischer Thriller, Noir, vom Feinsten!

Die rauchenden Stahlfabriken und Werkstätten am Ufer wirkten riesig neben den Gleisen und den mit Waren und Passagieren beladenen Waggons. Die Arbeit, die man hier finden konnte, die Menschen, die hier lebten, die Waren, die hier hergestellt und verkauft wurden, das Schmieröl und die Ratten, die beeindruckenden Fassaden der Gebäude und der Schlamm an den Ufern ... In Bilbao vermischte sich alles auf obszöne Art, als ob die Stadt, ohne zu wissen, wo sie sich ausbreiten sollte, wie eine schwärende Wunde einfach das Gute und das Schlechte in alle Richtungen verteilte.


Dolores Redondo, geboren 1969 in San Sebastián, ist eine der einflussreichsten und wichtigsten Schriftstellerinnen Spaniens. Mit ihren literarischen Spannungsromanen begeistert sie ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt, ihre Werke erscheinen in über 35 Ländern und werden verfilmt. Die Autorin wurde für den CWA International Dagger Award nominiert und mit dem Premio Planeta, einem der wichtigsten Literaturpreise der spanischsprachigen Welt, ausgezeichnet. Zuletzt gewann sie den Grand Prix des Lectrices de ELLE. Ihr Roman »Wenn das Wasser steigt«, der sehr atmosphärisch die dramatische Sturmflut 1983 in Bilbao heraufbeschwört, war innerhalb eines Jahres der meistverkaufte spanische Roman. Eine Verfilmung ist bereits in Vorbereitung.




Dolores Redondo
Wenn das Wasser steigt
Originaltitel: Esperando al diluvio 
Aus dem Spanischen übersetzt von Anja Rüdiger
Literarischen Thriller, Thriller, Spanische Literatur, Kriminalroman, Noir Kriminalliteratur, Bilbao, Spanien
Taschenbuch, 560 Seiten
btb Verlag, 2025



Todesspiel – Die Nordseite des Herzens von Dolores Redondo

Die junge Subinspectora Amaia Salazar aus Pamplona befindet sich zur Fortbildung in der FBI-Akademie in Quantico in den USA, als sie zur Beurteilung eines Falls gebeten wird. Nach einem heftigen Sturm wurde eine Familie ermordet, die in den Trümmern ihres Hauses stand. Es hätte fast ausgesehen, als wenn ein Familienvater aus Verzweiflung zuerst seine Familie erschossen hätte und zum Schluss sich selbst, wenn nicht ein unerkannter Zeuge das Geschehen miterlebt hätte. Ein unentdeckter Serienmörder, der ganze Familien auslöscht, die gerade eine Naturkatastrophe überstanden haben? Wo wird er wieder zuschlagen? Ein Hurrikane ist für New Orleans angekündigt: Katrina. Das Team begibt sich in die Stadt, die gerade evakuiert wird. Niemand ahnt, welches Ausmaß Katrina haben wird! Über 600 Seiten Hochspannung, ein Pageturner, spannender, intelligenter Noir-Krimi, Noir-Thriller, bis zur letzten Seite! Empfehlung! 

Weiter zur Rezension: Todesspiel – Die Nordseite des Herzens von Dolores Redondo


Alles was ich dir geben will von Dolores Redondo 

Als der bekannte Schriftsteller Manuel Ortigosa, erfährt, dass sein Ehemann Álvaro Muñiz de Dávila bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, eilt er sofort nach Galicien. Dort angekommen, ist die Polizei auffallend schnell dabei, die Akte zu schließen; obwohl der Unfall nicht ganz sauber aussieht. Plötzlich erfährt Manuel, dass sein Mann ein zweites Leben besaß, dass er vor ihm verheimlicht hatte: Er entstammt einer der besten Adelshäuser Spaniens und war der führende Kopf der Familie Muñiz de Dávila, der Graf von Santo Tomé. Die Familie empfängt Manuel kühl. Er glaubt nicht an einen Unfall. Ein gerade pensionierter Polizist und ein Pater helfen ihm, der Sache auf den Grund zu gehen. Eine wendenreiche, spannende Geschichte in den Ribeira Sacra, den Tälern von Miño und Sil,  ein Familienroman mit ausgeloteten Charakteren vor einem atmosphärischen Hintergrund. Ein sanfter literarischer Thriller, der somit nicht nur für die Freunde der Kriminalliteratur interessant ist. 

Weiter zur Rezension:   Alles was ich dir geben will von Dolores Redondo 


Spanische Literatur

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Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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