Direkt zum Hauptbereich

Fiona – Als ich tot war von Harry Bigham - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Fiona – Als ich tot war 

von Harry Bigham


Der Anfang: Ich mag den Polizeidienst. Die Regeln, die Strukturen. Und dass wir – jedenfalls meistens – auf der Seite des kleinen Mannes stehen.

Fiona Griffiths ist Polizistin aus Leidenschaft und sie ist intelligent, macht ihren Job außergewöhnlich gut. Darum wird sie in einer Spezialausbildung als Undercoveragentin ausgebildet. Sie muss isoliert leben, in der Nacht aufstehen, als Putzfrau ihren Dienst schieben, lernen, sich zu verwandeln, anzupassen, unauffällig und devot zu agieren. Tagsüber geht es ab in die Seminare, eine harte Ausbildung. Allerdings ist Fiona etwas anders als andere Menschen, sie ist krank, hat das Cotard-Syndrom, das wahrscheinlich durch ein traumatisches Erlebnis in frühster Kindheit entsteht. Leichte Depressionen und reizunabhängige Sinneswahrnehmungen gehören zu den Auswirkungen – die Betroffenen halten sich manchmal für tot. Nachteilig für Fiona sind Depressionsschübe, dagegen nimmt sie Medikamente, Vorteil, sie kann sich mental mit der Person identifizieren, die sie spielen muss.

Mal ein ganz anderes Thema

Der Kurs ist vorbei. Am Anfang waren wir zwanzig. Zwölf haben die Gruppe vorzeitig verlassen – vermutlich, weil sie halb durchgedreht sind  und zu Hause angerufen haben, nur um eine bekannte Stimme zu hören. Und damit war der Kurs beendet. Von den acht, die am Ende noch übrig sind, bestehen nur drei die Prüfung. Eine davon bin ich.

Eine Gruppe von Unbekannten manipuliert ein Lohnabrechnungsprogramm, das in gesamt Großbritannien bei großen Unternehmen eingesetzt wird, zweigt fette Beträge ab. Wer steckt dahinter und wie arbeiten sie? Fiona ermittelt undercover. Das ist im Prinzip die Handlung. Diesen Krimi fand ich unter diversen Aspekten absolut interessant. Punkt eins: Die Spannung, die den Leser am Stoff hält, aber das setzt man eigentlich voraus. Zweitens das Thema, es ist neu. Früher machte man die Buchhaltung mit der Hand, oft kannte man jeden einzelnen Mitarbeiter, jeden Vorgang. Heute sitzt jemand in Indien und regelt die Buchhaltung für sämtliche Mitarbeiter und Vorgänge, die weltweit verteilt sind, alles online. Wenn man sich mit den Algorithmen und Prüfverfahren auskennt, ist es sicherlich möglich, ein millionenschweres digitales Verbrechen zu begehen. Und als letztes hat mich die Sprache von Harry Bingham überzeugt.

Digitale Betrugsmasche

›Sind also beispielsweise mehrere Angestellte‹, erklärt Kevin, ›einer einzigen Adresse oder Bankverbindung zugeordnet, werden wir sofort misstrauisch. Dasselbe gilt für Abrechnungen ohne Steuerabzug oder ungewöhnlich hohe Zahlungen für Überstunden. Womit es sich also durchaus um ein sehr genaues Datenaudit handelt.‹

Und wenn nun reale Personen, die allerdings gar nicht mehr arbeiten, Gehalt auf ihr Konto beziehen, dann fällt das nicht auf. Erst, wenn diese Personen tot sind, ermordet. Fiona muss ihre Rolle spielen, sich bei einer Firma bewerben, an die Hintermänner herankommen. Aus Fiona Griffith wird Fiona Grey. Grey braucht ein anderes Outfit, einfach, wie eine, die keinen Cent übrig hat. Fiona schneidet nun ihre Haare selbst.

Das Los eines Undercover-Agent

Also drückte Brattenbury mir hundertsechzig Pfund in die Hand und schickte mich zu Primark. … Alles, was sich waschen ließ, wanderte zusammen mit einer kräftigen Dosis Bleichmittel mindestens fünfmal in die Maschine. Ich kaufte Schuhe im Secondhandshop und bei eBay, beide Paare zusammen für unter drei Pfund.

Fiona lebt nun in Cardiff, jeglicher Kontakt zu ihrer Außenwelt ist abgeschnitten: Lebenspartner, Familie, Freunde. Ihre neue Wohnung wird von der Polizei abgehört, Kameras sind installiert. Und gleich, als sie Kontakt zu den Betrügern findet, überwachen auch diese Fionas Apartment, stellen die Kollegen fest. Doppelte Überwachung, ihr bleibt nur das WC und eine kleine Ecke im Schlafzimmer, die sie für sich allein hat. Eine harte psychische Belastung. Niemand weiß, wie lange der Job dauern wird.

Das Schwierigste an einer verdeckten Ermittlung ist der Stress. Die Isolation, die ständige Angst und das Risiko aufzufliegen. In meiner Welt ist das aber immer so. Ich habe Schlafprobleme. Isolation bin ich gewohnt. Für mich ist das der Normalzustand, den ich nur mit Mühe vermeiden kann.

Ein Autor mit hohem erzählerischen Talent

Mit der Verwandlung von Fiona Griffith in Fiona Grey erfahren wir immer mehr über Fiona, ihre inneren Konflikte. Ich erfahre etwas über Undercovertätigkeit, wie hart dieser Job wirklich ist, da man in völliger Isolation von seiner sozialen Welt lebt. Ich lerne etwas über mir eine bis dato unbekannte Krankheit. Insgesamt ein Krimi mit völlig neuen Aspekten. Die Icherzählerin fokussiert einmal sehr breit über Ereignisse und Fachinformation und in der Innenansicht tief in die Figur. Wales, triste Städte, schlechtes Wetter, schlecht bezahlte Jobs. Fiona nimmt sich auch hier zusätzlich eine Putzstelle zu ihrem Lohnbuchhalterjob, um überleben zu können, glaubwürdig zu sein. Ein ungewöhnlicher Krimi, atmosphärisch dicht. Harry Bingham beschreibt in wundervollen Bildern die Innenansichten von Fiona aber auch den Blick in die Außenwelt. Für mich ein Autor mit hohem erzählerischen Talent. Fiona – ein literarischer Krimi der Extraklasse.

»Harry Bingham stammt aus Wales. Er hat in Oxford Politik und Wirtschaft studiert, sich danach bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung mit dem ökonomischen Wiederaufbau Osteuropas beschäftigt und schließlich eine Karriere bei J.P. Morgan in der Abteilung für Mergers & Acquisitions abgebrochen, um Bücher zu schreiben.« Ein Autor, der sich mit seinem Thema auskennt, das auch glaubwürdig, technikaffin transportiert wird. Ich würde gern mehr über Fiona Griffith lesen! Absolute Empfehlung meinerseits.

Weitere Bände bisher:

Fiona. Den Toten verpflichtet1. Teil
Fiona  – Das Leben und das Sterben von Harry Bingham 
Fiona – Als ich tot war von Harry Bigham, 3. Teil
Fiona. Unten im Dunkeln4. Teil


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Carola Christiansen - Interview

  von Sabine Ibing Zum 25-jährigen Jubiläum der Mörderische Schwestern habe ich mit der derzeitigen Präsidentin des Vereins , Carola Christiansen, ein Interview gemacht. Die Mörderischen Schwestern sind ein Netzwerk von Frauen, deren gemeinsames Ziel die Förderung der von Frauen geschriebenen, deutschsprachigen Kriminalliteratur ist.  Weiter zum Interview:    Interview mit Carola Christiansen 

Deutscher Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 - Nominierungen

Am 16. Oktober 2020 wurde auf der Frankfurter Buchmesse überreicht der DEUTSCHE JUGENDLITERATURPREIS Und hier sind die Gewinner für 2020 Kategorie: Bilderbuch Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon Klassen Mac Barnett (Text), Jon Klassen (Illustration), Thomas Bodmer (Übersetzung) Ab 5 Jahren (siehe unten) Kategorie: Kinderbuch   Freibad   Ein ganzer Sommer unter dem Himmel Will Gmehling (Text) Peter Hammer Ab 9 Jahren Kategorie: Sachbuch  A wie Antarktis von David Böhm Ansichten vom anderen Ende der Welt David Böhm (Text), David Böhm (Illustration), Lena Dorn (Übersetzung) Originalsprache: Tschechisch Karl Rauch Ab 8 Jahren (siehe unten) Kategorie: Jugendbuch  Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte Dita Zipfel (Text), Rán Flygenring (Illustration) Hanser Ab 12 Jahren Kategorie: Preis der Jugendjury Wer ist Edward Moon? von Sarah Crossan Sarah Crossan (Text), Cordula Setsman (Übersetzung) Mixtvision Originalsprache: Englisch Ab 14 Jahren (siehe unten) Kategorie: Sonderpreis

Rezension - Vermisst von Christiane Dieckerhoff

  Ein Spreewald-Krimi Der erste Satz hat mich gleich wieder aus dem Buch herauskatapultiert – die Frage war, ob ich weiterlesen soll. Der Himmel entlädt Sturzbäche, während Klaudia in der Nacht durch ländliches Gebiet fährt. Plötzlich rumpelt es und der Wagen bricht aus, landet im Gurkenacker. Sie steigt aus, findet eine tote Frau. Der erste Gedanke: Ich habe jemanden überfahren! Doch sie war bereits tot. Nun stellt sich heraus, die gerade erst Verstorbene ist angeblich bereits seit zwei Jahren tot; für den Mord wurde ihr damaliger Freund in einem Indizienprozess verurteilt. Leider ist von der von Auen- und Moorlandschaft des Spreewalds in Brandenburg nichts zu spüren. Das liest sich oberflächig gesehen spannend und logisch, eignet sich als Unterhaltung, wenn einem die Sprache egal ist. Weiter zur Rezension:  Vermisst von Christiane Dieckerhoff

Rezension - Hey, hey, hey, Taxi! von Saša Stanišić und Katja Spitzer

  Saša Stanišić hat sein erstes Kinderbuch geschrieben – zusammen mit seinem Sohn! Gemeinsam haben sie sich verrückte Taxi-Abenteuer ausgedacht. Wir sollten öfter mal Taxi fahren, denn hier kann man die wildesten Dinge erleben! Taxifahrer sind Persönlichkeiten, die so einiges zu bieten haben! Autos, die bruffen, brukken und butschen, strickende Drachen, Gurken und Tomaten als Straßenampeln, ein Hexenbesen auf vier Rädern. Ein Bilderbuch voll phantastischer Abenteuer, und witziger Illustrationen, Kurzgeschichten kreativ, voll Fantasie  – absolute Empfehlung ab 4 Jahren! Weiter zur Rezension:    Hey, hey, hey, Taxi! von Saša Stanišić und Katja Spitzer

Rezension - Die Pflanzen und ihre Rechte von Stefano Mancuso

  Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur Pflanzen entfalten sich seit 2 Milliarden Jahren auf der Erde. Sie haben den Blauen Planeten in eine Grüne Insel umgewandelt. Pflanzen können ohne den Menschen existieren, aber der Mensch nicht ohne sie. Leider vernichtet der Mensch immer mehr Lebensraum der Pflanzen, richtet mit Monokultur Umweltschäden an oder bringt Kurioses (Schädliches) durch Umverpflanzung zustande. Höchste Zeit, den Pflanzen Rechte einzuräumen, denn sie garantieren unser Überleben, sagt Stefano Mancuso. Eine neue geochronologische Epoche ist angebrochen: Anthropozän. Das Sachbuch ist ein Plädoyer für das Leben. Wer Bücher von Manescu bereits gelesen hat, weiß, wie mitreißend er schreibt, wie gut verständlich, übergreifend und humorig. Das ist ihm mit diesem Buch wieder gelungen. Weiter zur Rezension:    Die Pflanzen und ihre Rechte von Stefano Mancuso

Rezension - Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin

Institut für forensische Textanalyse – was muss man sich darunter vorstellen? Erpresserbriefe, anonyme Verleumdungsschreiben, geschäftsschädigende Bewertungen kommen öfter vor, als man denkt. Nehmen wir ein großes Unternehmen, dass einen anonymen Hinweis auf Führungskraft X erhält, er würde Mitarbeiterinnen betatschen oder etwas betrieblich kungeln. Sprachprofiler kommen immer dann zum Einsatz, wenn Personen oder Unternehmen anonym angegriffen, bedroht oder erpresst werden. Der Auftrag ist es, die Täter anhand ihrer Sprachmuster zu überführen. Durch Fallbeispiele wird hier linguistisches Profiling erklärt, dargestellt, was ein sprachlicher Fingerabdruck ist. Weiter zur Rezension:  Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin 

Rezension - 299 Katzen und 1 Hund von Léa Maupetit

  Ein Katzenknäuel-Puzzle weiß, dass es sinnlos ist, Katzen hüten zu wollen, und dieses teuflische Puzzle ist nicht anders: Jedes Teil hat eine andere Form, und sie lassen sich nicht zusammenstecken wie bekannte Puzzleteile. Damit sie alle zusammenbleiben, bauen wir zunächst den Rahmen auf. Stück für setzt sich das Puzzle mit Katzenliebe zusammen, und mit Katzenglück gar nicht so schwer wie gedacht. Ich denke, ab 8 Jahren kann man beginnen. Ein Riesenspaß auch für Erwachsene, Katzenfans, das ist was für euch! Weiter zur Rezension: 299 Katzen und 1 Hund von Léa Maupetit

Rezension - Casalinga von Domenico Gentile

Die Küche der süditalienischen Hausfrauen Die einfache italienische Küche, die der armen Leute, ist das Thema, absolut authentisch. Das versprochene Traditionelle wird nicht durchgängig beherzt. Wer nach Fisch und Fleisch sucht, wird hier kaum fündig, was für die Armenküche in Ordnung ist. Und wer nach neuen Rezepten sucht, der findet rein gar nichts, leider – back to the roots ist durchgefallen – denn darum ging es ja. Erdkunde ist auch nicht die Sache des Autors, bei dem das Mezzogiorno bereits in der Toscana beginnt. Weiter zur Rezension:    Casalinga von Domenico Gentile

Rezension - Im Fallen lernt die Feder fliegen von Usama Al Shahmani

  Die Bibliothekarin Aida hat seit neun Jahren eine feste Beziehung mit Daniel, sie wohnen zusammen. Doch Daniel weiß nichts über sie – klar, sie stammt aus dem Irak. Kein Wort über ihre Vergangenheit kommt über die Lippen. So sehr Daniel auch stichelt und fordert. Aida will darüber nicht reden – eine Sache, die diese Beziehung belastet. Als Daniel auf einer Alm den Rest seines Zivildienstes ableisten muss, setzt sich Aida hin und schreibt ihre Geschichte auf. Heimat, Identität, was ist das? Der Ort, an dem man geboren wird? Oder der, den man adaptiert hat, oder die Herkunft oder auch beides? Kann man nicht zwei, drei, vier oder mehr Heimaten haben? Aida konfrontiert sich mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer, dem Verlust – schreiben hat ihr schon einmal geholfen … Ein empathischer Roman über Migration, Exil, Sprache und Sprachlosigkeit. Weiter zur Rezension:    Fallen lernt die Feder fliegen von Usama Al Shahmani

Rezension - Die Schuld der Väter von James Lee Burke

  Ich persönlich halte James Lee Burke für einen der besten Autoren im Genre literarische Krimis. Seine Dave-Robicheaux-Serie spielt im Süden der USA, in Louisiana, im Gebiet New Iberia und New Orleans. Neben seinen tiefgehenden Figurenzeichnungen hat man beim Lesen das Gefühl, sich in den Bayous zu befinden. Die Geschichte beginnt mit der Ermordung von Amanda Boudreau. Der Verdächtige ist der Musiker Tee Bobby Hulin. Doch Dave Robicheaux zweifelt an dessen Schuld und ermittelt weiter. Ein Gespräch mit der Großmutter von Tee Bobby führt in die Vergangenheit und zu dem dem Plantagenaufseher Legion Guidry, der Inkarnation des Bösen, bei dem es selbst Dave eiskalt den Rücken hinunterläuft. Ein exzellenter atmosphärischer Noir-Krimi, ein feiner literarischer Krimi. Weiter zur Rezension:  Die Schuld der Väter von James Lee Burke