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Die Zügellosen von Colin Harrison - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Die Zügellosen 

von Colin Harrison


Der erste Satz: Am Anfang ihrer Geschichte und seiner Probleme stand Verlangen.

Ein feiner amerikanischer Thriller, der im Original »You Belong To Me« heißt, was den Inhalt wohl besser beschreibt. Du gehörst zu mir - gibt es bereits als deutschen Titel. Im Zentrum des Romans steht Jennifer, auf die mehrere Männer ihren Anspruch legen. Sie ist die Nachbarin von Paul Reeves, einem New Yorker Fachanwalt für Einwanderungsrecht, der locker mit ihr befreundet ist. Paul sammelt alte Stadtpläne von New York, ist völlig versessen auf seine Karten. Als er Jennifer, die viel Langeweile hat, mit zu einer Auktion nimmt, bittet sie Paul vor die Tür. Dort steht ein volltrunkener Mann: Bill aus Texas, der Liebhaber von Jennifer. Der Ehemann von Jennifer, der schwerreiche Exil-Iraner Ahmed, darf nichts von Bill wissen. Darum bittet sie Paul, Bill irgendwohin zu fahren, wo er seinen Rausch ausschlafen kann. Paul Elternhaus steht in Brooklyn – dort bewahrt er einige Dokumente seiner Kartensammlung auf – und Bill macht einen seriösen Eindruck, wird dort sicher nichts durcheinanderbringen, meint Paul. Und schon ist er Mitwisser einer never ending Story …

In nur einer Generation würde Amerika von der verbliebenen weißen Elite, in Amerika geborenen Asiaten, den Juden (natürlich), den relativ wenigen erfolgreichen Latinos und Schwarzen sowie einer beträchtlichen Zahl von Indern, eingewanderten Chinesen und all den intelligenten ausländischen Studenten geführt, die Jahr für Jahr die Spitzenuniversitäten hierzulande absolvierten und dann beschlossen,dazubleiben.

Du gehörst mir

Jennifer muss sich entscheiden: Liebt sie Bill, für den sie seit Jugendzeiten die große Liebe ist, oder bleibt sie bei dem charmanten schwerreichen Ahmet? Jennifer gehört Ahmet – sie ist sein Besitz – so zumindest sieht er das. Und natürlich ist er im Bilde, denn er lässt Jennifer überwachen. Das Familienoberhaupt von Ahmet sitzt im Irak, Onkel Hassan, ein kranker, alter Mann, intelligent und lebensklug. Er setzt eine Maschinerie in Bewegung – die Frage ist nur, ob die Cousins von Ahmet genauso klug sind wie Hassan? Bill sollte man nicht unterschätzen, denn der riesige, breitschultrige Mann war für die US-Army in heiklen Auslandseinsätzen unterwegs …

Ihre Mutter hatte jeden erdenklichen Fehler im Leben gemacht. Die falschen Männer, die falschen Ehen, zu viele Tabletten, Verhaftungen wegen Ladendiebstahls, mehrfach vollkommen pleite, mehrere wahrscheinlich vermeidbare Abtreibungen und der Verlust des Sorgerechts für Jennifers Halbschwester Stephanie ... Kurz, ihre Mutter war der Inbegriff jener Amerikaner, die laut Ahmet das Land ruinierten: ungebildet, unproduktiv, unversichert, unglücklich, uninteressiert am Gemeinwohl.

Jeder ist von etwas besessen

Wer nun aber einen bang-bang-Thriller erwartet, der sei vorgewarnt. Colin Harrison ist ein guter Schriftsteller, er lässt seinen Plot langsam steigen, arbeitet viel mit Subtext, unterlegter Spannung und für mich entwickelte die Geschichte einen Sog, aus dem ich nicht mehr aussteigen wollte. Du gehörst mir – bezieht sich nicht nur auf Menschen. Paul ist die Hauptfigur, obwohl er doch eigentlich als Randfigur wirkt. Paul ist ein Sammler mit Leidenschaft, völlig besessen von seinen Karten – und für bestimmte Karten würde er alles tun … Sammelleidenschaft kann genauso krank sein, wie die Besessenheit von einem Menschen. Fein seziert Colin Harrison seine Figur Paul und man lernt einiges über Kartensammler – und insbesondere über die Psyche von Sammlern. Nebenbei – Pauls Freundin Rachel ist besessen von Paul – sie würde für diesen Mann alles tun – der sich mehr für Karten interessiert.

Route von Mr. Charles Dickens aus England bei seinem ersten Besuch in den Vereinigten Staaten 1842

Besitz in all seinen Facetten

Papier ist geduldig, Digitales ist eine Hure. Paul vertieft sich gern in seine Karten, die den Fortschritt von New York dokumentieren. Wo früher Viehställe und Gärten standen, Einfamilienhäuser, befinden sich heute Hochhäuser. Eine seiner Karten trägt die Randnotiz über einen Besuch von Charles Dickens – Digitales wird schlicht überschrieben. Da ist nichts, was verbleibt. Ein feiner Thriller, der sich dem Thema Besitz annimmt, in all seinen Facetten und unergründlichen Leidenschaften.

Colin Harrison, ist ein waschechter New Yorker und arbeitet als Lektor in einem großen US-Verlag.
Verheiratet ist er mit der Schriftstellerin Kathryn Harrison. Das Paar lebt mit seinen drei Kindern in Brooklyn, New York.

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