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Der Garten über dem Meer von Mercè Rodoreda - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der Garten über dem Meer 


von Mercè Rodoreda 

Gesprochen von Roger Willemsen
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 5 Stunden und 42 Minuten


Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre... Eher, weil ich Menschen mag, und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr.


Katalonien in den späten Zwanzigern. Sechs Sommer lang beobachtet der Gärtner eines Herrenhauses über dem Meer das Kommen und Gehen seiner wohlhabenden, jungverheirateten Besitzer Senyoreta Rosamaria und Senyoret Francesc. Im Sommer reisen sie aus Barcelona an, bleiben bis September, Oktober und empfangen ihre Freunde, fahren Wasserski, feiern ausgelassene Partys, haben Affären und sind in ihrer Langeweile zu derben Späßen aufgelegt. Sie leben einen von ihren Bediensteten beneideten Sommernachtstraum. Doch dem Gärtner entgehen die feinen Risse nicht, die sich hinter den Fassaden der Paare auftun. 


Der Nachbar klotzt und protzt


‹Dieser Baum›, sagte ich zu ihm ‹hat viel Leid und viel Freude gesehen. Und er bleibt immer gleich. Jedes seiner sichelförmigen Blätter und jede seiner Kapseln, die aussehen wie Bleilote mit einer samtigen, weinroten Blüte darin, haben mich gelehrt, so zu sein, wie ich bin.›


Eines Tages taucht ein Mann auf, der am Nachbargrundstück interessiert ist. Senyor Bellom sei einige Zeit in Brasilien gewesen, habe gutes Geld gemacht, wolle seiner Frau Maribel an diesem schönen Fleckchen ein Haus errichten. Der Mann aus Madrid baut sich eine protzige Villa, schöner, größer, exklusiver als die der Nachbarn, mit modernen Möbeln und Kunst abgestattet. Hier werden noch extravagantere Feste gefeiert. Was passiert hier gerade?, fragt sich der Gärtner. An einem Tag, als die Gesellschaft unterwegs ist, kommt ein älteres Paar vorbei, das Rosamaria sprechen möchte. Sie suchen nach ihrem Sohn, Eugeni, erzählen dem Gärtner von der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen ihm und Rosamaria, die einen anderen heiratete, einen mit Geld; wie ihr Sohn danach das Haus verließ. Nie wieder haben sie etwas von ihm gehört. Eine tragische Geschichte, die den Gärtner berührt. Später findet er heraus, der neue Nachbar ist niemand anderes als Eugeni.


 Die spanische Klassengesellschaft aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg auf den Punkt gebracht

Die deutsche Erstübersetzung erschien 1967. Eine herrliche Geschichte, melancholisch erzählt, die über das dekadente Treiben einer Gruppe Bohemiens berichtet, ein stimmungsvolles Bild der späten 1920er-Jahre in Spanien – das Sommer-dolce-vita. Klatsch und Tratsch unter den Angestellten (Gärtner, Köchin, Zimmermädchen, Stallmeister), eine tragische Liebesgeschichte eingebunden in einen blühenden Sommergarten mit malerischem Blumenmeer. Aber Mercè Rodoreda zeigt auch die Durchlässigkeit sozialer Trennwände; Adel ist längst nicht mehr alles – die Moderne löst diese Trennung auf. Andeutungen zwischen den Zeilen, die manches erahnen lassen, eine spannende Geschichte, die sich immer weiter aufblättert. Der Gärtner erzählt uns von seinen Beobachtungen; einer, der sich aus allem heraushält, verschwiegen ist, seine Pflanzen liebt; der dadurch das volle Vertrauen von allen Hausbewohnern genießt. Selbst die Nachbarn schließen ihn ins Herz. Die spanische Klassengesellschaft aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg wird hier auf den Punkt gebracht. Das als luftige Sommergeschichte inszeniert, ganz ohne erhobenen Zeigefinger; ein Drama, das sich Seite um Seite zuspitzt. Eins dieser Bücher, die man mehrfach lesen wird. Ein spanischer Klassiker, den es sich auf jeden Fall lohnt zu lesen – Empfehlung als Sommerlektüre.


Mercè Rodoreda, geboren 1908 in Barcelona, gilt als die bedeutendste katalanische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Mit 20 veröffentlichte sie erste Kurzgeschichten; die Jahre des Spanischen Bürgerkriegs verbrachte sie im Exil in Frankreich und in der Schweiz, wo sie u. a. ihr Hauptwerk Auf der Plaça del Diamant verfasste, das in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde. Erst in den siebziger Jahren kehrte sie in ihre katalanische Heimat zurück. Mercè Rodoreda starb 1983 in Girona.


Mercè Rodoreda 
Der Garten über dem Meer
Originaltitel: Jardí vora el mar
Gesprochen von Roger Willemsen
Aus dem Katalanischen übersetzt von Kirsten Brandt. 
Hörbuch, Spieldauer: 5 Stunden und 42 Minuten
Klassiker, Drama, zeitgenössische Literatur, spanische Literatur
tacheles! / Roof Music; Audible, 2014
Mare Verlag, 2014, Leineneinband mit Lesebändchen im Schuber, 240 Seiten, mit einem Nachwort von Roger Willemsen
Berlin Verlag Taschenbuch, 2016, 240 Seiten


Spanische Literatur

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Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
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