Direkt zum Hauptbereich

Weltliteratur für Kinder - Faust nach J.W. Goethe, neu von Barbara Kindermann, illustriert von Klaus Ensikat - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Weltliteratur für Kinder - Faust nach J.W. Goethe

neu von Barbara Kindermann 

illustriert von Klaus Ensikat


Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor!

Faust auf 36 Seiten, manch einer rauft sich die Haare – aber dies ist ein Buch für Kinder. Es gibt viel Diskussion um solche Bücher und Hörbücher, die die Klassiker Kindern in Kurzform nahebringen. Meine Erfahrung ist positiv. Kinder haben viel Spaß daran und selbst Jugendliche mit Migrationshintergrund konnte ich für Balladen und Gedichte begeistern, wenn ich ihnen diese vorgetragen von Götz Görner vorspielte. Meine Erfahrung zeigt, der frühe Kontakt mit Klassikern als Kinderbücher, Hörbücher, öffnet die Bereitschaft sich später mit dem Original zu beschäftigen. Mich fragte einmal ein Geschichtslehrer, ob ich meiner Tochter die ernsthaft die Odyssee vorgelesen hätte. Ich musste lachen. Nein, aber sie hat »Die Abenteuer des Odysseus« gern als Hörbuch gehört kindgerecht. Und da war alles drin, was man wissen muss. So war ich gespannt auf den Faust.

Wenn du es schaffst, dass ich glücklich bin und zum Augenblick sage: ›Verweile doch! du bist so schön!‹, dann werde ich dein Diener in der Hölle sein! Die Wette biet ich!‹
›Topp! Die Wette gilt! Doch will ich einen schriftlichen Vertrag, den du mir mit einem Tropfen Blut unterschreiben sollst, denn Blut ist ein ganz besonderer Saft.‹
Furchtlos erfüllte Faust diese Forderung des Teufels. Denn er war sich sicher: Nie würde er einen Augenblick im Leben so schön finden, dass er wünschte, er möge nie vergehen.



Barbara Kindermann schafft es, auf des Pudels Kern zu kommen, kindgerecht. Das Schöne ist, sie belässt in der Regel die alte Sprache, findet sich in den klassischen Sprachrhythmus ein. Es ist alles drin: Gott und der Teufel, die Begegnung von Faust und Mephisto, die zwei Seelen des Dr. Faust, die Verwandlung in den jungen Mann, das schöne Gretchen. Und dann landet sie im Gefängnis, hat das Kind von Faust abgetrieben, lässt sich nicht von Mephisto befreien, weil er der Teufel ist. Gott holt das Gretchen in den Himmel und den Faust dazu. »Mephisto aber blieb allein zurück und hatte seine Wette verloren.« Zwischendurch gibt es eine Menge Originalzitate von Goethe, die in Kursivschrift kenntlich gemacht sind. Die Geschichte ist auf das Drama reduziert, bekannte Zitate sind eingewebt, verständlich für Kinder zu einer spannenden Geschichte zusammengefasst. Der Teufel, Gott, der Erdgeist, der Pudel, der Tanz zur Walpurgisnacht auf dem Berg hat natürlich auch etwas mystisches, etwas märchenhaftes, was Kinder begeistert.



Die Zeichnungen von Klaus Ensikat sind ein Augenschmauss, er ist ein begnadeter Zeichner an der Feder. Feinste Federstriche bis ins Detail, machen jedes Bild zum Kunstwerk. Die Zeichnungen fügen sich in den Text ein, erinnern an alte Bücher. Klaus Ensikat schafft es, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Hinterlist, Tücke, Güte, Verschlagenheit, Verzweiflung, die Zerrissenheit der zwei Seelen in Faust, eine jede Figur öffnet sich. Die Szene in Auerbachs Keller lässt einen schütteln, bevor man den Text dazu liest, die Hinterlist blitzt Mephisto aus seinen Augen. Vorn sitzt ein Punk mit grünen Haaren, ganz witzig, irgendwie passt er hinein ins Szenario. Walpurgisnacht im Harzgebirge, welche Pracht! Große Dramen sind für Kinder der Einstieg in die Weltliteratur. So kann man sie begeistern. Die Altersangabe vom Verlag liegt bei 7-9 Jahre. Dem stimme ich zu und denke, das ist ein Buch für die Grundschule bis 11 Jahre.

Barbara Kindermann stammt aus Zürich, studierte Germanistik, Philosophie und Sprachen in Genf, Dublin, Florenz. Sie war lange als Lektorin tätig und gab 1993 erstmals den 3. Band der Grimmschen Sagen heraus. 1994 gründete sie den Kindermann Verlag in Berlin, den sie seither geleitet hat und 2016 an die Kinder übergab. Sie arbeitet jedoch weiterhin als Autorin.

Klaus Ensikat, geboren 1937 in Berlin, ist einer der brillantesten freischaffenden Buchkünstler der Gegenwart. Von 1995–2002 war er zudem Professor an der Hochschule für Gestaltung in Hamburg. Er erhielt zahlreiche Preise und wurde 1996 für sein Gesamtwerk mit der Hans-Christian-Andersen-Medaille, der höchsten internationalen Ehrung für die Illustration von Kinder- und Jugendbüchern, ausgezeichnet.

Aus dieser Reihe, der Klassiker der Weltliteratur, gibt es eine Menge Bücher. Da ist sicher für jeden
Geschmack etwas dabei. Einfach auf der Seite vom Kindermann Verlag nachschauen.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

  Der Miezcedes steht unter der Katzanie. Sekretärin Mimi Stubenrein, Prokurist Kralle, Syndikus Tigerius Seidig, Kasimir Bart, Präsident Puschel, Sergeant Fischgrät … die Karthäuser Bank, ein mit Kratzbaumholz getäfelter Flur, ein von schweren rauchgrauen Samtportieren umrahmtes Bogenfenster, ein Tresor der Firma Schleicher & Söhne … Der Jugendkrimi ab 14 Jahren hat mich in seiner Wortspielerei und Atmosphäre anfänglich beeindruckt. Mit viel Humor, gespickt mit literarischen Anspielungen, ermitteln in Kratzburg Katzen mit krallenscharfem Verstand! So der erste Eindruck. Leider konnte mich der Katzenkrimi trotz allem nicht ganz begeistern, schon gar nicht als Jugendliteratur.  Weiter zur Rezension:    Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

  Wie man die Angst loswird, indem man sie annimmt - ein zartes Bilderbuch, das zum gemeinsamen Gespräch über Angst als Teil des Lebens einlädt. Der Vater erklärt, dass wir alle manchmal Angst haben. Zum Beispiel vor dem, was wir nicht kennen, oder vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, in Höhen …Angst umgiebt uns, wir müssen nur lernen, damit umzugehen. Klasse Bilderbuch ab 4 Jahren, das zu Gesprächen anregt.  Weiter zur Rezension:   Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

Rezension - Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht

  Ein mächtiges Kinderbuch! Schwer an Gewicht, eine lange witzige, fantasievolle Geschichte. Der Hase Hollywood und seine Freunde betreiben ein Gasthaus in einer einsamen Bucht am Ende der Welt. Eines Tages taucht ein gefürchteter Piratenkapitän bei ihnen auf und vergisst doch glatt seinen Seesack unter dem Tisch. Darin befindet sich alte Schatzkarte und ein geheimnisvoller rosa Glitzerball. Der Ball entpuppt sich als Ei, aus dem ein kleiner Drachen schlüpft. Und damit beginnt eine abenteuerliche Reise zur Schatzinsel, denn auf der Karte sind auch die Drachen verzeichnet, den das Hasen-Team zu seinen Eltern bringen möchte. Sehr feine Illustrationen, grundsätzlich eine gute Geschichte, aber grobe handwerkliche Fehler für den Kinderroman. Weiter zur Rezension:     Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht