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Wasser von John Boyne - Rezension

 

Rezension

von Sabine Ibing





Wasser 


von John Boyne


Der Anfang: 
Nach meiner Ankunft auf der Insel ändere ich als Erstes meinen Namen. Achtundzwanzig Jahre lang war ich Vanessa Carvin, aber davor war ich immerhin vierundzwanzig Jahre lang Vanessa Hale. Es ist überraschend tröstlich, meinen Mädchennamen wieder anzunehmen, denn manchmal fühlt es sich an, als wäre er mir gestohlen worden, auch wenn ich daran selbst nicht ganz unschuldig war. Ein paar Minuten später ändere ich ihn erneut, diesmal in Willow Hale. Willow ist mein zweiter Vorname, und es erscheint mir ratsam, noch einen Schritt weiterzugehen, um die Frau, die ich mal war, von der zu trennen, die ich jetzt bin, damit niemand hier eine Verbindung herstellt.

Vanessa Carvin ist vom Festland auf eine kleine irische Insel geflohen, versucht, ihrem alten Leben zu entkommen. Sie ändert ihren Namen in Willow Hale, schneidet sich die Haare kurz und hofft, dass niemand sie erkennen wird. Sie hat ein gutes Leben geführt, das endete, als ihre ältesteTochter Suizid begann und kurz darauf ihr Mann, des Missbrauchs an jungen Schwimmerinnen angeklagt wird. Brendan war Trainer des Kaders des irischen Schwimmverbands. Und Willow ist sich nun sicher, er hat auch die Tochter auf dem Gewissen. Niemand glaubt ihr wirklich, dass sie rein gar nichts gewusst hat. War sie blind oder ahnte sie etwas, was sie nicht wissen wollte? Sie weiß es nicht.


Eine Auszeit zum Nachdenken


‹Nein, nichts.› Ich weiß, wie lächerlich das klingt, aber es stimmt. Ich habe nichts gemacht. Ich bin eine zweiundfünfzigjährige arbeitsfähige, wissbegierige Frau, die seit fast drei Jahrzehnten keinen Cent mehr verdient hat. Nichts, worauf man besonders stolz sein könnte.

Wer ist Schuld? Wo liegt ihre Schuld? Ist sie überhaupt mitschuldig? Achtundzwanzig Jahre lang war sie mit ihm verheiratet, und sie hat nichts geahnt? Alles das kreist in ihrem Kopf herum. Auf dieser Insel will sie zur Ruhe kommen, entfernt von allen Journalisten, weitab von allen Anfeindungen aus dem Netz. Ganz ohne Internetanschluss und TV – lediglich mit ihrem Handy versucht sie Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen, die sie hin und wieder blockiert. Wird sie ihr je verzeihen können? Ein Roman, der sich mit dem Thema Schuld befasst. Empathisch beschreibt John Boyne eine Frau, die aus ihrem luxuriösen Leben in den Abgrund gerissen wurde. Zunächst kommt sie auf der Insel an, richtet sich ein, nimmt zarten Kontakt zur Bevölkerung auf. Nach und nach erfahrenden die Lesenden, was passiert ist.


Gibt es die Stelle, an der sie hätte aufhorchen müssen?


… bis ich merkte, dass er das ganz und gar nicht witzig fand. Das Thema war also irgendwann tabu, aber wann immer wir uns stritten, kam er mit Sicherheit darauf zu sprechen, wie großzügig es von ihm gewesen sei, mich zur Frau zu nehmen, wo andere Männer mich längst sitzen gelassen hätten. Womit er natürlich andeuten wollte, dass ich eine Schlampe war. Aber in den Augen von Männern wie Brendan sind alle Frauen Schlampen und sollten auch als solche behandelt werden. Die Wörter dafür mögen im Laufe der Jahre immer noch toxischer und brutaler geworden sein, aber auf irgendeins wird man sich immer einigen können, und zwar nicht nur Männer, manchmal auch die Frauen, die ihnen gefallen wollen. Bei alledem geht es im Kern darum, uns zu zeigen, wie sehr das männliche Verlangen ihren Hass auf uns weiter schürt.

Brendan ist ein katholischer Macho, stark religiös, nimmt seiner Frau übel, dass sie bereits Sex mit anderen Männern vor ihm hatte, bevor sie ihn heiratete. Er hält sie klein, bestimmt ihr Leben. Ein erfolgreicher Mann, der die Moral wie eine Monstranz vor sich trägt; und dann der Schock! Ein Psychogramm einer Frau, die sich freischwimmt. Der ehemalige Ehemann, der im Knast sitzt, spielt keine große Rolle in der Geschichte. Hier geht es um Vanessa Willow, ihre Auseinandersetzung mit den Geschehnissen. Leerstellen. An welcher Stelle hätte man wahrnehmen müssen? Gibt es die konkrete Stelle? Der Autor beginnt mit diesem Roman einen Zyklus über die Abgründe der menschlichen Seele. «Wasser» ist der erste Band. Die Romane sind nach den vier Elementen benannt, Erde, Feuer, Luft folgen. Psychologisch ausgefeilt und literarisch eindringlich präsentiert, verdichtet in der Sprache, nimmt die spannende Geschichte mit. Empfehlung!

Und selbst danach stellte ich keine Fragen. Frauen wie wir lassen auch noch zu, dass es so weit kommt. Das hatte Peggy Hartman gesagt. Weil es bequemer ist, den Mund zu halten, stimmt’s?

John Boyne wurde 1971 in Dublin geboren. Er studierte Englische Literatur am Trinity College Dublin sowie Kreatives Schreiben an der University of East Anglia in Norwich. Boyne hat bislang 24 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama (2006), der in 57 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach gelesen wurde. Wasser ist der Auftakt seines aktuellen Romanquartetts Die Elemente , in dem Boyne Fragen von Schuld, Verdrängung und moralischer Verantwortung auslotet. Er lebt in Dublin. John Boyne, 1971 in Dublin, geboren, studierte «Englische Literatur› und ‹Kreatives Schreiben›. Er lebt als Autor in Dublin.




John Boyne 
Wasser 
Aus dem Englischen übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner 
Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten
Zeitgenössische Literatur, Schuld
Piper Verlag, 2025 Gebunden




Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman

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