Direkt zum Hauptbereich

Übergänge von Vicente Valero - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Übergänge 

von Vicente Valero


Und wie nutzten wir damals jede Gelegenheit, um sie im Wasser zu betatschen, wie entschlüpfte sie uns, wenn wir gerade die Arme um sie schließen wollten, als wäre sie einer der silbrig glänzenden Fische, die sich stets in der Nähe des Ufers aufhielten und die wir ungeschickt mit bloßen Händen zu fangen versuchten, wie naiv beschimpfte sie uns, wenn sie darauf hin aus dem Wasser sprang, auf der Flucht vor den Seeungeheuern, die wir damals waren …

Eine kurze Novelle, DIN A5-Format, 85 Seiten: Rückblicke, ausgelöst durch eine Beerdigungsfeier. Einst vier enge Schulfreunde auf Ibiza, nach der Schulzeit haben sie sich auseinandergelebt, und drei treffen sich nach zwanzig Jahren auf der Beerdigung des Vierten wieder: Ignacio. Mit zwölf Jahren verkauften die vier an der Klosterschule heimlich einzelne Bildchen aus alten Pornoheften die Ignacios verstorbenem Vater gehörten – die durch den Tourismus nach Ibiza gelangt waren. Ein einträgliches Geschäft. Das war im Jahr 1975 natürlich ein Skandal und es war gleichzeitig das Todesjahr von Francisco Franco, das Ende des Franquismus. An seinem Todestag stehen die Jungen stramm vor dem Direktor, werden wegen der Bildchen geohrfeigt, es wird mit einem Schulverweis gedroht. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt etwas von der Wende.

Öffnet man einmal das Schleusentor der Erinnerung, bricht sich eine Bilderflut Bahn, in der man nur allzu leicht ertrinken kann, zumal in einer Situation wie der meinen in diesem Augenblick und an diesem Ort, nur wenige Meter von dem toten Körper Ignacios und dem noch lebendigen und wunderschönen Körper seiner Schwester Amelia entfernt.

Erinnerungen zurück in eine dunkle Zeit, in den Aufbruch, ab 1977

Erst nach dem Tod des Diktators begann die Übergangsphase von der parlamentarischen Monarchie zur Demokratie. Im Juni 1977 wählte Spanien zum ersten Mal seit 1936 in freien Wahlen ein Parlament. Mit der Absetzung des franquistischen Ministerpräsidenten Carlos Arias Navarro beendete Juan Carlos I. die Diktatur, der gewählte Adolfo Suárez wurde neuer Ministerpräsident. Die Aufarbeitung über Francos Schreckensherrschaft begann allerdings erst nach 2000. Der Ich-Erzähler Vicente führt uns mit seinen Erinnerungen zurück in eine dunkle Zeit, in den Aufbruch, ab 1977. Der erste Farbfernseher der Insel steht im Casino, wo sich die Einheimischen versammeln, um die Trauerzeremonie zum Tod des Diktators zu verfolgen. Und Stück für Stück bricht es auf: Nicht alle verehrten Franco.

Es dürfte nicht allzu lange gedauert haben, bis sie den in der Rezeption hängenden, von Franco unterzeichneten Brief entdeckten, in dem der General, der inzwischen zum Putschisten geworden war, von seinem Aufenthalt an diesem Ort schwärmte und sich für die so freundschaftliche und liebenswürdige Aufnahme bedankte, worauf der Besitzer des Hotels umgehend zum Feind der Republik erklärt und seine Festnahme angeordnet wurde.

Feine Prosa, die übergangslos die Zeiten wechselt zu einem Gesamtbild

Vicente Valero schreibt in langen Sätzen, in ausgefeiltem Rhythmus, es gibt nur wenige Absätze in dieser Novelle. Wir gehen vom Jetzt in die Erinnerung, zurück zu heutigen Begegnungen, Beobachtungen, die wieder zu Erinnerungen führen. Eine feine Prosa, die übergangslos die Zeiten wechselt zu einem Gesamtbild. Übergänge, von der Kindheit ins Erwachsenwerden, von der Diktatur in die Demokratie, Ibizas kleine Urlaubswelt entdeckt den Massentourismus.



Vicente Valero ist ein spanischer Dichter, Erzähler und Essayist, geboren auf Ibiza - ein bekannter Lyriker in Spanien. Mit den Gedichtbänden »Vigilia en Cabo Sur«, »Libro de los trazados o Días del bosque«, erhielt er 2008 die »Premio Internacional Fundación Loewe« und »Canción del distraído«. Er hat die bekannte »Cartas de la época de Ibiza« von Walter Benjamin herausgegeben, zahlreiche Artikel über Literaturkritik und viele Essays veröffentlicht.




Vicente Valero
Übergänge
Originaltitel: Las transiciones
Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Kultzen 
Zeitgenössische Literatur, Novelle, spanische Literatur, Ibiza
Hardcover, 88 Seiten, Kleinformat: 13 x 19.5 cm
Berenberg Verlag, 2019



Krankenbesuche von Vicente Valero

Vicente Valero erzählt kleine Geschichten aus dem Ibiza seiner Kindheit. Damals unter der Diktatur von Franco, noch ein abgelegenes Stück Land im Meer, wohin später die ersten Künstler kommen, Ausländer, erste Touristen und sich alles verändert. Als Aufhänger nimmt er die Besuche bei kranken Menschen, die damit verbundenen Rituale, die Bräuche. Denn die Kranken bleiben, wie sie sind, ob sterbenskrank oder erkältet. Abwesend, aber nicht einsam. Und es gehörte sich, dass man die Kranken mit der gesamten Familie besucht. Das alles ist sehr humorvoll geschrieben. Die Diktatur, der Umbruch, Exilanten kehren heim – längere und kürzere Erinnerungen, herrlich humorvoll aus der Sicht des Kindes erzählt. Empfehlung!

Weiter zur Rezension:   Krankenbesuche von Vicente Valero



Spanische Literatur

Interesse an Literatur aus Spanien? Hier findet ihr Bücher von spanischen Autor:innen mit Links zu den Rezensionen
Gastland Frankfurter Buchmesse 2022



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - In ihrem Haus von Yael van den Wouden

  Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen, die bis zum Holocaust zurückgehen, zur Sharia . Ein wundervoll subtiler Roman, der zu Recht auf dem Internationalen Booker-Preis stand. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   In ihrem Haus von Yael van den Wouden

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Cascadia von Julia Phillips

  Gesprochen von Pegah Ferydoni Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 7 Std. und 38 Min. Auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Washington im äußersten Nordwesten der USA lebt Sam mit ihrer Schwester Elena und der schwerkranken Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Sam arbeitet auf der Fähre, die die wohlhabenden Urlauber zu ihren Feriendomizilen bringt, während Elena im Golfclub kellnert. Das meiste Geld geht für die medizinische Versorgung der Mutter drauf. Sie beide träumen von einem besseren Leben, davon, woanders neu anzufangen. Dann, eines Morgens erblickt Sam einen Braunbären direkt vor ihrer Haustür. Zwei Schwestern, die immer zusammengehalten haben, driften völlig auseinander. Die eine bleibt in den Kinderträumen verwachsen, die andere stellt sich der Realität. Weiter zur Rezension:   Cascadia von Julia Phillips 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford

  Knobelalarm für clevere Kids Wo ist Walter? Die kultigen Wimmelbuch-Bücher kennt wahrscheinlich jeder. Mit Walter auf hoher See! Ein Mitmachbuch für Kinder ab 8 Jahren mit vielen Rätseln, Suchbildern und Stickern. Klar, auch hier muss man Walter suchen , doch dies hier ist ein kunterbuntes Beschäftigungsbuch für unterwegs, am Strand oder für die Ferien mit Rätseln, Malen, Suchen: Mit Walter gibt es keine Langeweile, und dazu  gibt es mehr als 100 knallbunte Stickern für noch mehr Rätselspaß. Weiter zur Rezension:     Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco

  Die unglaublichsten Spionagegeschichten der Welt. Vom alten Rom über England zur Zeit der Tudors bis ins 20. Jahrhundert hinein hat sich die Kunst der Spionage enorm weiterentwickelt. Eines aber blieb immer gleich: Der grenzenlose Erfindergeist der Menschen, auf immer neuen Wegen an streng geheime Informationen zu gelangen. Philipp II von Spanien, Herrscher über ein Weltreich, investierte viel Geld für sein dichtes Spionagenetz, entwickelte eine ausgeklügeltes Chiffriersystem und das effizienteste Postsystem. Katharina von Medici bildete Spioninnen aus, um ihre Feinde zu kontrollieren. Der kleinste Spion war nur 58 cm groß. Doppelspion:innen, ausgeklügelte Systeme … ein spannendes Sachbilderbuch  ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Streng geheim: Spione, Agenten, Geheimnisse von Soledad Romero Mariño und Julio Antonio Blasco