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Troll von Michal Hvorecky - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Troll 

von Michal Hvorecky


Der Anfang: Ich bin der verhassteste Mensch im hiesigen Internet. Meine Visage hat wahrscheinlich jeder schon gesehen. Mein durchgestrichenes oder blutiges Gesicht verbreitet sich in den sozialen Netzwerken mit dem Tempo von zehntausend Hates pro Stunde. So viel Hass rufen weder erbärmliche Leistungen von Fußballern … nicht einmal der Präsident oder die Premierministerin.

Eine böse Satire auf das Trolling, geschrieben 2015 – und war das zu der Zeit nicht eher Science Fiction? Was hier satirisch aufgelegt wird, ist heute fast Realität. Thema sind Trollfestungen – nicht die bei Tolkin – sondern jene Gruppen, die per Falschmeldungen die Meinung von Menschen beeinflussen wollen. Nachrichten und Meinungen kommen heute zum größten Teil aus dem Netz und unter den News finden wir jede Menge Fakenews. Trolle, die im Sekundentakt Lügen verbreiten, haben Erfolg, wenn sie Lügen so gut verpacken, dass sie möglich sind. Selbst wenn herauskommt, das ganze war eine Falschnachricht, so bleibt immer ein Rest Misstrauen zurück. Und durch fortwährende differenzierte Falschmeldungen, Behauptungen in Kommentaren, kann man gezielt eine Gesellschaft spalten, zersetzen, aufhetzen. Und genau das macht der Troll in diesem Buch.

Dystopisch - aber ziemlich real

Wir bewiesen, dass es die Ukraine nie gegeben hat. Das abgeschossene Zivilflugzeug war schon vor dem Start mit Leichen gefühlt gewesen. In einer anderen Version hatte es eine deutsche Pharmafirma vom Himmel geholt, um die Wissenschaftler an Bord daran zu hindern, ein AIDS-Medikament zu entdecken.

Er lebt in der nahen Zukunft in einem Land, das als irgendeins der Ost-EU-Länder definiert wird und von »Anführer-Vater« halbdiktatorisch geführt wird. Ein Zaun umgibt das Land, man will Fremde nicht hereinlassen – und natürlich kommt im Umkehrschluss auch niemand heraus. Dieses Land und ein paar andere werden letztendlich vom großen Reich gelenkt, noch weiter im Osten. Anführer-Vater stört sich an historischen Gebäuden, will eine moderne Hauptstadt schaffen, gerade Straßen nach US-Vorbild, strategisch militärisch zu verteidigen. Das Ganze scheitert am Geld. Abgerissene Häuser bleiben zurück, es gibt nur nur wenige neu erbaute Gebäude. In der letzten Bastion, die vor der Abrissbirne gerettet wurde, ist unser Troll aufgewachsen. Hier wohnt die Elite. Nun, eher ist unser Troll im Krankenhaus groß geworden. Durch eine schwere Krankheit verunstaltet, (er wurde nicht geimpft) hat er dort Jahre verbracht, zusammen mit Johanna, ein Ex-Junkie, psychisch instabil. Die beiden werden Freunde und bewerben sich als Team in der Trollfabrik von Valys, der mit seiner Mannschaft für den Staat arbeitet.

Manipulation vom Feinsten

Wir lernten konspirative Websites kennen und immer durchgeknalltere Blogger. Inzwischen bewältigten wir auf dem Monitor bis zu fünfzehn gleichzeitig geöffnete Fenster. So viel Hass auf einem Haufen hätten wir uns vor Kurzem nicht einmal vorstellen können.

Mit Hunderten von Profilen, detailliert, mit glaubhaften Lebensläufen, begeben sie sich in soziale Netzwerke und Foren, erstellen Blogs, verbreiten Lügen, dezent und wirksam: Fremdenhass, Antisemitismus, Islamophobie usw. Meinungen bilden, Menschen in den Ruin treiben … Die beiden wollen lernen, um später gegen den Staat zurückzuschlagen.

Über Mittag machten wir einem Blogger das Leben schwer und ramponierten seine Karriere, weil er allzu oft mit Gymnasiasten diskutierte und Einfluss auf sie nahm.

Dem Lesen wird Angst und Bange

Der Anfang des Romans kommt etwas zäh daher, lange lässt sich der Icherzähler über sein Leben aus. Interessant wird es dann bei der Troll-Mafia. Ziemlich genau beschreibt Michal Hvorecky, wie die Manipulation funktioniert. Hier werden nicht einfach dumme Memes verteilt, brüllend gehetzt. Ganz moderat versuchen die Trolle sich einzuschleichen. Beim Lesen wird einem Angst und Bange, denn das alles kommt einem so bekannt und real vor. Eine Dystopie, die sich selbst eingeholt hat. Der Roman ist kein großer literarischer Wurf, hier es geht nicht in die Tiefe der Protagonisten. Es wird getrollt, dass sich die Seiten biegen – und eben das berührt, macht Magengrummeln. Wenn man bei jedem fünften Satz tief einatmet, schluckt, sich die Härchen auf dem Arm aufstellen - dann ist das Buch gut.

»Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine  Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen.«

Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen. Sein Freund,  Ján Kuciak, ein Investigativjournalist, wurde zusammen mit seiner Freundin im Februar 2018 in seinem Haus erschossen aufgefunden. Bis heute wurde der Fall nicht aufgeklärt.


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