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Supermarkt von José Falero - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



 

Supermarkt 


von José Falero


Weitab vom Zentrum gelegen, außerhalb der Reichweite von Behörden seinem eigenen Schicksal überlassen, galt es als berüchtigtes, gesetzloses Viertel, in dem selbst die abscheulichsten Grausamkeiten niemanden überraschen.


Da wohnt man in den Favelas Brasiliens in einer Schabracke am äußersten Rand von Porto Alegre, arbeitet fleißig jeden Tag mit Überstunden, selbst die Mama, mit der man zusammenwohnt, arbeitet – und das Gehalt reicht nicht mal aus, ein kaputtes Türschloss zu reparieren. Irgendwas ist falsch im System! Er will nicht kriminell werden, sich den Gangs anschließen, sondern sein Einkommen erarbeiten. Doch soll er in diesem Hamsterrad weiterrennen bis zum Ende seines Lebens? Pedro hat eine Idee, die er seinem Kumpel Marques im Supermarkt erklärt. Die Gangs verkaufen die harten Drogen, aber was ist mit Dope? Keiner kümmert sich drum, weil die Marge zu klein ist. Dabei gäbe es eine Menge Abnehmer. Ein kleines Geld, von dem sie gut leben könnten. Allerdings bräuchten sie Startkapital, um das Gras einzukaufen. Das Gründungskapital liegt vor ihnen im Lager im Supermarkt. 


Das Zentrum Supermarkt


Hatte er das Pech, in eine Familie von Taugenichtsen geboren worden zu sein? War das die Erklärung dafür, dass sie über all die Jahre hinweg in Armut lebten? Generationen von Faulenzern, die das erniedrigende Leben verdient hatten, in das sie hineingeboren worden waren? Nein, natürlich nicht. Alle seine Vorfahren hatten ihr Leben lang geschuftet, sie gehörten zu der sozialen Schicht, die dieses beschissene Land am Laufen hielt, und wenn sie schon immer arm waren, dann weil hier irgendetwas falsch lief.


Pedro hat das Problem im System erkannt: Es ist eine Pyramide, bei der die vielen, die unten schuften, ganz wenig verdienen, und je höher man hinaufklettert, um so mehr kassiert man. Deshalb haben er und Marques auch kein schlechtes Gewissen, sich im Lager des Supermarkts den Bauch von zu schlagen und das ein oder andere abzuziehen. Der Marktleiter hat sie in Verdacht – nur wie sie die Ware herausbekommen, ist ihm ein Rätsel. Weil Marques ein paar Dealer kennt und die beiden wissen, wie sie hochwertige Ware aus dem Supermarkt ungesehen herausschmuggeln, haben sie das Startkapital schnell zusammen, verticken sie bald kleine Mengen Gras. Zu ihrer Überraschung floriert das Unternehmen, wird immer größer und sie werden immer reicher, investieren klug. Sie benötigen Personal. Nach wie vor arbeiten sie im Supermarkt und rekrutieren von dort auch ihre Mitarbeiter. Aber ohne Pyramide bestimmt Pedro, alles wird gerecht aufgeteilt. Und wo verkauft man Dinge des täglichen Lebens? Im Supermarkt. Doch mit den steigenden Umsätzen werden der Witz und der Charme, mit denen sie anfingen, zu Gewalt und Einschüchterung. Ihre sorgfältig organisierte Welt bekommt Risse, bevor sie in einem letzten, tödlichen Showdown untergeht. 


Ein moderner Schelmenroman, ein Gesellschaftsroman


In diesem Moment war er nicht Pedro, der verschwitzte Lagerarbeiter mit Schwielen an den Händen, der seine Seele verkaufte und nicht mehr als seine Pflicht tat. Er war Pedro der Geschäftsmann, der eine ganz andere Palette an Möglichkeiten vor sich sah und eine Zukunft, die besser als die Gegenwart war. In diesem Moment war er Pedro, der Mann mit dem Gras.


Unterhaltsam und witzig geschrieben mit herrlichen Dialogen, und mit tiefem Einblick in die braslianische Gesellschaft. José Falero beschreibt das Leben der einfachen Bevölkerung der Favelas, den täglichen Überlebenskampf, die Macht der Gangs, die für viele Jugendliche die Möglichkeit erscheinen lässt, als Gangster diesem elenden Leben entkommen zu können. Pedro weiß auch, warum der Marxismus gescheitert ist: «Weil niemand will, dass es funktioniert. Die Reichen wollen nicht, dass die Welt gerecht ist, aber die Armen wollen es auch nicht. Glaub mir: Nicht einmal die Menschen, die am meisten an der Ungerechtigkeit leiden, nicht mal die wollen eine gerechte Welt, wenn man ihnen erzählt, wie sie aussehen würde. Weil in einer gerechten Welt, wenn sie wirklich gerecht ist, niemand reich werden würde.» Eine stimmgewaltige, elektrisierende Geschichte über soziale Ungerechtigkeit und städtische Gewalt, ein moderner Schelmenroman über den Aufstieg und Fall zweier Männer und ihrer Familien aus dem Nichts. Eine Hommage an die armen Leute. Empfehlung!


José Falero wurde 1987 in Porto Alegre geboren, wo er auch heute lebt. Er hat als Maurergeselle gearbeitet und bereits eine Sammlung von Kurzgeschichten über das Leben der ärmeren Bevölkerung im Süden Brasiliens veröffentlicht. All seine Texte durchzieht eine Mischung aus lyrischem Storytelling, sozialer Beobachtung, meisterlicher Dialoge und einem unglaublichen Gespür für die Alltagssprache seines Personals. Supermarkt ist sein erster Roman, er war nach Erscheinen 2020 der literarische Überraschungserfolg Brasiliens und hat sich bisher über 30.000-mal verkauft.


José Falero 
Supermarkt

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Kriminalroman, Kriminalliteratur, Schelmenroman, Gesellschaftsroman, Brasilianische Literatur
Hardcover mit Schutzumschlag
Hoffmann und Campe, 2024 







Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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