Direkt zum Hauptbereich

Radium Girls - Ihr Kampf um Gerechtigkeit von Cy - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Radium Girls - Ihr Kampf um Gerechtigkeit 


von Cy


Eine ergreifende, wahre Geschichte – ein Skandal! Phantastisch fühlte es sich für die jungen Frauen an, einen gutbezahlten Job bei der US Radium Corporation (USRC) in New Jersey zu erhalten! Eine Uhrenfabrik, ein sauberer Job, der den Frauen zu Lohn und mehr Freiheit verhalf, zu Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Es waren die sogenannten strahlenden Zwanzigerjahr, im wahrsten Sinne des Wortes. Trotz, oder gerade weil die Prohibition den Alkohol verboten hatte, feierte man rauschende Partys, tanzte Charleston.



Der Job war nicht schwer, die Frauen mussten täglich die Ziffernblätter von 250 Uhren mit Leuchtfarbe anmalen. Dazu feuchteten sie den feinen Pinsel mit den Lippen an, tauchten ihn anschließend in die Farbe und bemalten dann die Zifferblätter. 250 Mal täglich den Farbpinsel mit der Zunge befeuchten, mit den Lippen formen; man nannte das «Lip-Dip-Paint-Technik». Die Farbe schmeckt zwar nicht, aber gefährlich ist sie auf keinen Fall, versicherte man ihnen immer wieder. Doch das war eine große Lüge! Der Firma war das natürlich klar: Denn diese Leuchtfarbe enthielt Radium, genau darum leuchteten die Ziffernblätter im Dunkeln. Aber nicht nur das! Die Hände, Gesichter und Zähne der Frauen schimmerten in der Nacht wie die Uhren, was ihnen den Namen «Ghost Girls» gab. Und die modebewussten Frauen bemalten auch mal heimlich mit der teueren Farbe ihre Fingernägel, Gesichter oder Kleider, um auf einer Party im Dunkeln aufzufallen. Erste Bedenken kamen, als Mr. Sochocky aus dem Labor den Damen riet, die Farbe nie zu berühren, sie würde krank machen. Die Vorarbeiterin schritt sofort ein, das wäre Blödsinn.



Doch dann beklagten immer mehr Arbeiterinnen Schwangerschaftsabbrüche, Gelenkschmerzen traten auf, die Zähne fielen aus, und weitere Symptome betrafen genau diese Frauen. Die ersten Arbeitnehmerinnen starben. Die Firma wies jede Schuld von sich. Nun suchten die Betroffenen, die noch am Leben waren, nach einem Anwalt, der sie in einer Klage vertreten sollte. Nicht einfach, denn alle wollten Vorkasse haben, man hatte auch kein Interesse sich mit einem großen Konzern anzulegen. Nach langer Suche erklärte sich ein Anwalt bereit, und sie klagten gegen die USRC.



Freiheit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit für Frauen durch Lohnarbeit – das Frauenwahlrecht wurde in den USA zu dieser Zeit eingeführt. Die wilde Zeit der Zwanziger, das alles verbindet dieses Drama. Mit der tragischen Geschichte wird aber auch der Missbrauch von Arbeitnehmer*innen durch Konzerne beschrieben. Sie wissen Bescheid, schicken die Arbeitenden ins Unglück; Hauptsache die Kasse stimmt. Arbeitsschutzgesetze mussten entstehen, da Unternehmer selten daran interessiert sind, denn Arbeitskleidung und Schutzvorrichtungen kosten Geld. Menschliches Leid zählt nicht. Es wird in diesem Comic ebenso das US-Justizsystem angeprangert. Damals mussten die Frauen Beweise vorlegen, die dokumentieren, dass ihre Krankheiten aus ihrer Arbeit resümierten. Heute muss der Unternehmer beweisen, dass er keine Schuld trägt. Aber noch immer ist es ein steiniger Weg, einen Konzern zu verklagen – überhaupt einen Anwalt zu finden, der dazu bereit ist. Den «Radium Girls» sind einige neue Gesetze zum Arbeitsschutz in den USA zu verdanken. Ihr couragiertes Vorgehen und alles was darauf an Gesetzesänderungen folgte, hat mit Sicherheit das Leben von anderen Menschen gerettet.


Buntstiftzeichnungen, die sich im Farbspektrum Magenta bewegen – von zartem Rosa zu Burgund, bis zu Lilatönen und Dunkelblau. Dort wo das Radium leuchtet, setzt die Grafikerin Cy ein Neongrün ein. Feine Schraffierungen bis zum starken Strich; hier wird mit Strichstärke Markantes herausgearbeitet. Die Panels sind eher kleinformatig, ein paar sind einseitig, der Fokus liegt eher auf den handelnden Personen, nicht auf Weiträumigkeit. Eine feine Graphic Novel, die ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Arbeitnehmer*innen beleuchtet, aber auch die Bewegung der Frauen, gleichberechtigt in der Arbeitswelt teilnehmen zu können. Der ersten große Arbeitskampf von Frauen! Cy betrachtet das Leben dieser Frauen, gibt ein Gefühl für diese Zeit. Es zeigt, wenn man mutig zusammensteht, nicht aufgibt, hat man eine Chance gegen übermächtige Konzerne. Der Carlsen Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren – passt – ab ... ein Comic auch für Erwachsene interessant. 


Cy. ist eine französische Grafikdesignerin, Illustratorin und Cartoonistin. Sie studierte an der École de Condé in Paris, wo sie nach einem BTS in Visueller Kommunikation einen Aufbaustudiengang in Illustration absolvierte. 2013 begann sie eine zweijährige Zusammenarbeit mit Madmoizelle.com, einer Website für Mädchen zwischen 12 und 30 Jahren mit 4,5 Millionen monatlichen Besuchern und über 260.000 Fans auf Facebook. Ihre Kolumnen zogen jede Woche zwischen 100.000 und 230.000 Besucher an! Seit 2015 veröffentlicht sie Videos auf ihrem YouTube-Kanal: Sie zeigt Speed-Zeichnungen und gibt Tipps zum Thema Grafikdesign. Im Januar 2018 etablierte sie dort ein neues Format mit dem Titel «Pub-à-clic», in dem sie Werbung analysiert. 2016/2018 veröffentlichte sie ihre ersten Comics unter dem Titel «Le vrai sexe de la vraie vie» beim Verlag Lapin Éditions.



Cy
Radium Girls - Ihr Kampf um Gerechtigkeit
Übersetzt aus dem Französischen von Christiane Bartelsen 
Graphic Novel, Comic, Arbeitsbedingungen, französische Literatur, amerikanische Geschichte
Hardcover (mit Leuchtfarbe), 136 Seiten
Carlsen Verlag, 2021
Altersempfehlung: ab 14 Jahren



Graphic Novel, Comic, Grafisches  

Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst.  Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafische

Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

  Der Miezcedes steht unter der Katzanie. Sekretärin Mimi Stubenrein, Prokurist Kralle, Syndikus Tigerius Seidig, Kasimir Bart, Präsident Puschel, Sergeant Fischgrät … die Karthäuser Bank, ein mit Kratzbaumholz getäfelter Flur, ein von schweren rauchgrauen Samtportieren umrahmtes Bogenfenster, ein Tresor der Firma Schleicher & Söhne … Der Jugendkrimi ab 14 Jahren hat mich in seiner Wortspielerei und Atmosphäre anfänglich beeindruckt. Mit viel Humor, gespickt mit literarischen Anspielungen, ermitteln in Kratzburg Katzen mit krallenscharfem Verstand! So der erste Eindruck. Leider konnte mich der Katzenkrimi trotz allem nicht ganz begeistern, schon gar nicht als Jugendliteratur.  Weiter zur Rezension:    Inspektor Mouse und der Gang in die Tiefe von Caroline Ronnefeldt

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht

  Ein mächtiges Kinderbuch! Schwer an Gewicht, eine lange witzige, fantasievolle Geschichte. Der Hase Hollywood und seine Freunde betreiben ein Gasthaus in einer einsamen Bucht am Ende der Welt. Eines Tages taucht ein gefürchteter Piratenkapitän bei ihnen auf und vergisst doch glatt seinen Seesack unter dem Tisch. Darin befindet sich alte Schatzkarte und ein geheimnisvoller rosa Glitzerball. Der Ball entpuppt sich als Ei, aus dem ein kleiner Drachen schlüpft. Und damit beginnt eine abenteuerliche Reise zur Schatzinsel, denn auf der Karte sind auch die Drachen verzeichnet, den das Hasen-Team zu seinen Eltern bringen möchte. Sehr feine Illustrationen, grundsätzlich eine gute Geschichte, aber grobe handwerkliche Fehler für den Kinderroman. Weiter zur Rezension:     Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes von Stefan Rasch, Simon Rasch und Anja Abicht 

Rezension - Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

  Wie man die Angst loswird, indem man sie annimmt - ein zartes Bilderbuch, das zum gemeinsamen Gespräch über Angst als Teil des Lebens einlädt. Der Vater erklärt, dass wir alle manchmal Angst haben. Zum Beispiel vor dem, was wir nicht kennen, oder vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, in Höhen …Angst umgiebt uns, wir müssen nur lernen, damit umzugehen. Klasse Bilderbuch ab 4 Jahren, das zu Gesprächen anregt.  Weiter zur Rezension:   Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender