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No Alternative von Dirk Reinhardt - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





No Alternative 


von Dirk Reinhardt



Wir können uns nicht ewig damit rausreden, dass die anderen auch nichts tun. Dann ändert sich nie etwas.


Die Welt geht den Bach runter, die Klimaerwärmung bedroht die Welt und niemand tut etwas dagegen! Zumindest nicht ernsthaft, nicht angemessen auf das, was auf uns und die Natur zurollt. Emma Larsen hat sich entschieden, etwas zu tun, um unseren Planeten zu retten. Die mutige junge Aktivistin ist bereit, dafür notfalls ihr Leben zu riskieren. Nachdem ihr Freund bei einer aufsehenerregenden Kampagne gegen den Pharmakonzern PLS zu Tode gekommen ist, schließt sie sich NO ALTERNATIVE an und geht später in den Untergrund. Eine halsbrecherische Aktion auf der Spitze des Frankfurter Messeturms macht die radikale Umweltschutzorganisation in der Öffentlichkeit bekannt. Doch das ist erst der Anfang … Spannend, brisant und hochaktuell – auch in seinem neuesten Roman trifft Dirk Reinhardt einen Nerv unserer Zeit.


Sie muss in den Untergrund abtauchen


Unsere Erde, der kleine, blaue Planet in den Weiten des Universums, leidet an einem Bazillus. Der Bazillus ist erbarmungslos, aggressiv und hochintelligent. Sein Name ist: Mensch.

1.000 Elektroautos abfackeln; die größten Flughäfen Deutschlands gleichzeitig lahmlegen, indem man den Hauptstrom und parallel die Notstromaggregate zerstört, so dass für längere Zeit kein Flugzeug starten oder landen kann – ambitionierte Projekte, die diese Gruppe sich vornimmt. Wie soll das funktionieren? Indem es viele kleine Zellen gibt, die untereinander keinen Kontakt haben, sich gegenseitig nicht verraten können. Eine Person hält den Kontakt zu allen, um das Netz gleichzeitig zu aktivieren. Jede Gruppe hat ihre Aufgabe zum großen Ganzen. Es könnte funktionieren. Emma steigt in eine dieser Gruppe ein und wird nach und nach zu einer Kultfigur. Da sie eine Überwachungskamera übersehen hatte und genau vor dieser ihre Maske abgenommen hatte, ist ihr Gesicht nun in der Öffentlichkeit und sie muss in den Untergrund abtauchen. Sie lebt nun mit Valerie, der Anführerin, Noah und Vincent in einer konspirativen Wohnung und sie planen, den Flugverkehr lahmzulegen.


Es gibt keine Alternative


Der Ressourcenverbrauch muss auf ein Zehntel des jetzigen Niveaus zurückgefahren werden. Es geht darum, die Wirtschaft zu dematerialisieren, die Recycling-Kreisläufe zu optimieren und auf Sharing, statt auf Besitz zu setzen. Nötig ist eine Abkehr von der Ideologie des Wachstums und der Religion des Konsums, wir brauchen eine Ethik der Beschränkung. Nicht das E-Auto ist die Lösung, sondern die Abschaffung des Autos. Nicht Solaranlagen sind die Lösung, sondern das konsequente Einsparen von Energie. Nicht Konsumveränderung ist die Lösung, sondern Konsumverzicht.

Dirk Reinhardt berichtet aus mehreren Perspektiven, was in den jungen Leuten vorgeht, wie sie sich langsam immer mehr radikalisieren. Er beschreibt ihre Beweggründe, was sie denken. Zwischendurch werden die Manifeste der NO ALTERNATIVE eingeschoben, die beschreiben, was derzeit mit unserer Welt geschieht; wie wir es stoppen können. Finn kennt Emma von früher und ist nun als Praktikant bei einer Zeitung auf ihren Spuren, will eine Reportage über sie und ihre Aktionen schreiben; er stellt in neutraler Form dar, was vor sich geht. Jeder, der klar denken kann, sich auch nur ansatzweise mit der Klimaerwärmung beschäftigt hat, kann verstehen, warum die jungen Leute wütend sind, etwas tun wollen. Und jeder möchte seinen Teil dazu beitragen. Nur mit ein bisschen Frieden kann man keinen Krieg beenden und mit ein bisschen weniger Plastik, ein bisschen weniger Energieverbrauch kann man die Welt nicht retten. Das machen die Aktivisten uns klar. Doch die Bequemlichkeit der Menschen ist zu groß. Wachstum steht immer noch auf der Fahne der Regierungen und derzeit werden die Klimaziele weltweit heruntergeschraubt, rechte Parteien, die den Klimawandel leugnen, sind auf dem Vormarsch. 


Wo sind die Grenzen des Protests? 

Diese jungen Leute radikalisieren sich in diesem Roman vor Verzweiflung. Sind sie deshalb Terroristen? Sie bringen keine Menschen um, im Gegenteil, sie bringen sich selbst in Gefahr. Aber sie richten großen volkswirtschaftlichen Schaden an. Und damit werden sie vom Staat als Terroristen eingestuft und auch so behandelt. Auch die Klimakleber werden mittlerweile mit aller Härte juristisch verfolgt – es ist kein Kavaliersdelikt mehr. Natürlich gibt es auch Konflikte zwischen den Figuren, denn im Untergrund zu leben, kann auffressen. Und gibt es vielleicht Verräter? Der Roman stellt die Frage: Wie viel Radikalität kann man rechtfertigen? Wo sind die Grenzen oder gehen sie fließend ineinander über? Ist Gewalt gegen Dinge eine Lösung? Die jungen Leute verlangen radikale Veränderungen. Ist das der Weg, den wir gehen müssen, oder reicht vielleicht doch ein bisschen Veränderung, um alle Menschen zu erreichen, um ihnen klar zu machen, dass es so nicht weitergeht? 

Ethik trifft auf die Justiz

Bis zu welchem Schritt haben die jungen Leute die Masse hinter sich und wo ist der Kipppunkt, an dem die Mehrheit sich von ihnen abwendet? Das sind alles Punkte, die sich wunderbar mit diesem Jugendbuch diskutieren lassen. Wann werden sich unsere Klimakleber radikalisieren? Interessanterweise hat der Autor einige wundervolle Zitate von Sophie Scholl und Ulrike Meinhof einfließen lassen – «die Nacht ist des Freien Freund», z.B. von Sophie Scholl. Die Zitate werden am Ende beschrieben und der Ursprung erklärt. In einer spannenden Geschichte werden hier weltpolitische Fragen aufgeworfen, viele Randthemen angesprochen. Ein Jugendroman, der nachdenklich macht und zu einer Menge interessanter Diskussion führen kann. Ethik trifft auf die Justiz. Und wo hört es auf, ethisch zu sein – oder ist das alles völlig in Ordnung? Für mich ist das der Tipp für eine Klassenlektüre. Der Verlag stellt gratis Unterrichtsmaterial zur Verfügung. 


Dirk Reinhardt, geb. 1963, studierte Geschichte und Germanistik. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster und als freier Journalist. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben von Büchern. Seine erfolgreichen Romane «Train Kids» und «Über die Berge und über das Meer» waren beide für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert; «Perfect Storm» wurde mit dem Glauser ausgezeichnet.





Dirk Reinhardt
No Alternative 
Taschenbuch, 320 Seiten 
Jugendroman, Jugendbuch, Extremismus, Terrorismus, Umweltschutz, Klimaerwärmung, Unterrichtsmaterial 
Gerstenberg Verlag; 2024
Altersempfehlung ab: 14 Jahren




Perfect Storm von Dirk Reinhardt

Bei einem Online-Fantasyspiel lernen sie sich kennen, freunden sich an und bilden eine Gilde, schaffen es gemeinsam, das Spiel-Ziel zu erreichen. Einer von ihnen stammt aus dem Kongo, berichtet von schrecklichen Menschenrechtsverletzungen in seinem Dorf, eine Region, in der Coltan abgebaut wird, ein Rohstoff, der in jedem Handy, in jedem Auto zu finden ist. Die Jugendlichen beschließen, die Firmen zu hacken, den Ankauf von ‹Blut-Coltan› zu beweisen und zu leaken, die US-Firmen an den öffentlichen Pranger zu stellen. Doch ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes der NSA ist ihnen auf der Spur. Ein spannender Jugendthriller mit politischen Hintergründen und Diskussionspotential. Jugendroman ab 14 Jahren.

Weiter zur Rezension:  Perfect Storm von Dirk Reinhardt


Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur





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