Rezension
von Sabine Ibing
Nest
von Roisín O’Donnell
Der Anfang:
Da ist es, tief in ihrer Brust. Lauter als zuvor: Es reicht. Sie hätte heute Vormittag verschwinden sollen, als er bei der Arbeit war. Warum konnte sie nicht auf ihre Intuition hören? Sie sollte bis morgen warten, aber jetzt ist etwas gerissen, zerbrochen. Eine weitere Nacht hält sie nicht aus, sie muss diesen Moment der Klarheit nutzen, bevor sich erneut Nebel darüber senkt. Bevor er wieder lächelnd aus dem Haus kommt und sie sich ein weiteres Mal einredet, dass sie sich das alles nur einbildet. Die Wäsche flattert auf der Leine. Jede Menge T-Shirts, Leggings, Hosen und Socken, die für ein paar Tage reichen. Wie lange wird Ryan im Bad bleiben? Zehn Minuten? Fünfzehn? Autoschlüssel und Portemonnaie stecken in ihrer Umhängetasche, die auf dem Küchentisch liegt. Darin befinden sich ihre Pässe, zusammen mit dem Geld für die Neoprenanzüge und einer kleinen Rolle gestohlener Zehner und Zwanziger, die sie in eine Windel der Größe 5 gesteckt hat, wo er niemals danach suchen würde. Kleidung, Pässe, Geld. Ich schaffe das.
Ein einziger mutiger Moment kann ein ganzes Leben verändern. Zu lange hat ihr Mann sie bestimmt! Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, lässt sie die Kleidung von der Wäscheleine nehmen, ins Auto schmeißen, ihre zwei kleinen Töchter ins Auto setzen und dann fährt sie davon. Nur wohin? Die erste Nacht verbringen sie im Auto und am nächsten Tag meldet sie sich obdachlos, den dreien wird ein Hotelzimmer zugewiesen. Ihr Mann Ryan schäumt vor Wut – er hatte sofort die Polizei informiert, und so wurde Ciara am Flughafen am Zoll zurückgewiesen: ohne die Erlaubnis von Ryan darf sie mit den Kindern nicht von Irland nach Großbritannien zu ihrer Mutter fliegen. Das war der Plan. Ohne Job und Einkommen, isoliert von Familie und Freunden, kann sie sich der Kontrolle ihres manipulativen Mannes Ryan kaum entziehen.
Wo werden sie heute Nacht schlafen? Wird es noch ein freies Zimmer im lona geben? Wohin werden sie gehen? Sie könnte in einem Frauenhaus unterkommen. Solche Orte gibt es doch, oder? Aber was würde sie sagen? Mein Mann redet nicht nett mit mir. Nachts geschehen Dinge, über die ich nicht einmal sprechen kann. Mein Körper fühlt sich nicht wie mein eigener an. Sein Kiefer knackt, wenn er wütend ist. Ich denke, dass er dazu in der Lage wäre, mich zu schlagen, aber bisher hat er es nicht getan. All diese Wahrheiten scheinen sich in Luft aufzulösen, sobald sie versucht, sie in Worte zu fassen.
Psychische Gewalt wird von vielen Menschen oft gar nicht wahrgenommen. Ryan kontrolliert seine Frau, er bestimmt alles. Sie hat kein eigenes Geld, muss jeden einzelnen Cent abrechnen. Er hat sie von der Familie und von Freunden isoliert. Wenn ihm etwas nicht passt, baut er sich bedrohlich vor ihr auf, überschreitet die Distanzgrenze, kontrolliert sie in jeder Minute. Er vergewaltigt seine Frau mitten in der Nacht. Er bestimmt ihr Leben bis in die letzte kleine Ecke. Sie ist sein Eigentum – meint er. Aber er schlägt sie nicht, ist nicht gewalttätig, oder? Immer wieder zweifelt Ciara an ihrer Wahrnehmung der Dinge. Wird es ihr dieses Mal gelingen auszubrechen? Denn Weggehen ist eine Sache, aber Wegbleiben eine andere, stellt sie fest. Ciara ist eigentlich eine starke Frau, die durch die Welt gereist ist, eine Weile in Südamerika gelebt hat, eine Lehrerin, der ihr Job Spaß gemacht hat. Und dann begegnete sie Ryan, der Mann, der sie nun beherrscht.
Die Situation ist immer noch neu für dich«, sagt sie schließlich. Weggehen ist eine Sache, Wegbleiben eine andere.
Es ist nicht einfach, schwanger mit zwei kleinen Kindern in einem kleinen Hotelzimmer zu wohnen. Aber Ciara will nicht zurück. Sie hofft auf eine Wohnung und sie findet schnell einen Job als Englischlehrerin für Ausländer. Nur ein paar Stunden, immerhin ein Anfang. Sie findet Freunde und Unterstützung im Hotel, findet heraus, dass Ryan sie belogen hatte. Es gibt noch einige Dinge, die sie herausfinden wird. Und Ryan geht einen ziemlich perfiden Weg ... Ciara geht durch die Hölle. Viele Frauen erleiden ein ähnliches Schicksal, lassen sich immer wieder von ihren Männern einlullen, die ihnen Liebe vorgaukeln, und sie kehren zurück. Es ist nicht einfach, wenn man auf sich allein gestellt ist und von der Familie gedrängt wird zurückzugehen. Ciaras Familie hält zu ihr, ihre Schwiegereltern bedrängen sie, nach Hause zurückzukehren. Und dann geht es ums Sorgerecht. Kann Rayen ihr einen Strich durch die Rechnung machen?
‹Ich kann es mir nicht erlauben, dass irgendetwas in die Richtung in meiner Akte auftaucht. Er würde das gegen mich verwenden. Es geht mir gut. Ich bin nur müde, das ist alles.› ‹Bist du dir sicher, dass das tatsächlich so wäre?›, fragt Sinéad. ›Ich glaube, dass du da manchmal ein wenig zu kompliziert denkst. Die können dich doch nicht dafür kritisieren, dass du zu einer Therapeutin gehst, oder?›‹Ich weiß es nicht.› Das Gericht ist eine große Unbekannte und genau das macht ihr Angst. Ihr Leben offenlegen zu müssen. Dem Urteil einer fremden Person ausgeliefert zu sein.
Authentisch definiert Roisin O’Donnell die Ehe mit einem übergriffigem Mann, der psychische Gewalt ausübt. In Rückblicken erleben wir wie Ryan Ciara unter Kontrolle bekam, wie er seine Frau psychisch misshandelte. Auch sehr realistisch beschreibt sie das Szenarium um Ryan, den Kontrollfreak, ein total typisches Verhalten, man nennt es «coercive Control». Man mag das als unglaublich empfinden, wie er versucht, durch die Hintertür wieder hereinzuschleichen – aber genauso läuft es in der Realität – Machtdemonstration, Gaslighting. Ciara zweifelt immer wieder in ihrer schwierigen Situation. Es wäre vielleicht einfacher, zurückzugehen, raus aus dem beengten Hotelzimmer ohne Küche. Wir ziehen den Hut vor ihr, dass das alles aushält. Ihre inneren Konflikte sind ebenso realistisch und nachvollziehbar. Ein spannender Roman, der sofort hineinzieht, ein emotionaler Stoff, authentisch dargestellt. Psychische Gewalt ist Gewalt; das stellt dieses Buch eindringlich dar.
Roisín O’Donnells Kurzgeschichten wurden u.a. in The Stinging Fly, The Tangerine und der Irish Times veröffentlicht und für diverse Preise nominiert. Ihre Sammlung »Wild Quiet« wurde von der Irish Times zu den Lieblingsbüchern des Jahres 2016 gezählt. »Nest« ist ihr erster Roman und stand 2025 auf der Longlist für den Women’s Prize for Fiction. O’Donnell lebt mit ihren beiden Kindern in der Nähe von Dublin..
Roisin O’Donnell
Originaltitel: Nesting, 2025
Aus dem irischen Englisch übersetzt von Melike Karamustafa
Zeitgenössische Literatur, psychische Gewalt, coercive Control, Gaslighting, irische Literatur
Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten
Blessing Verlag, 2025
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman


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