Rezension
von Sabine Ibing
Muttersprache
von Maddalena Fingerle
Der Anfang:
Seit ich auf der Welt bin, heult meine Mutter. Sie heult, weil mein erstes Wort Wort war. Sie heult, weil ich Wort sage und nicht Mama. Sie heult, weil Papa nicht einmal redet, wenn ich Wort sage, und nicht Mama. Meine Mutter heult, heult, heult. Sie heult, weil ich zu ihr sage, dass Wort nicht mehr Wort bedeutet, weil sie mir das Wort dreckig gemacht hat. Sie heult, weil ich zu ihr sage, dass ich die dreckigen Wörter hasse, weil sie dreckig sind, und dass sie mir die Wörter dreckig gemacht hat. Sie heult, weil ich zu ihr sage, dass ich die Wörter im Kopf habe und dass sie dreckig sind wie das Wort Wort. Sie ist dumm, sie kriegt nichts mit und sie heult, was sonst.
Leser und Buch müssen zusammenpassen – uns beiden gelang das nicht. Nach den ersten Seiten war ich geneigt abzubrechen – ich hielt tapfer durch, weil ich dachte, irgendwann wird es dich packen ... Das geschah nicht. Vielleicht muss man in Tirol verwurzelt sein, um den Roman zu verstehen. Ich weiß nicht, was mir die Autorin sagen wollte. Die ersten 80 Seiten schimpft sich Paolo Prescher ziemlich derb durch die Seiten. Die Mutter ist dumm, das erfahren wir auf jeder Seite, die Schwester hinterhältig und gemein; alles gespickt mit übelsten Schimpfworten. Er ist besessen von Wörtern, die für ihn Geruch, Farbe oder Klang besitzen. Paolo hasst dreckige Wörter, sie rauben ihm die Luft und die Mutter und die Schwester machen alle Wörter dreckig, sprechen Wörter, die nicht sagen, was sie sagen sollen. Seine Mutter macht nicht nur ihm die Wörter dreckig, auch seinem Vater, der Aphasiker ist. Paolo hasst seine Geburtsstadt Bozen mit ihrer Zweisprachigkeit und ihren Oberflächlichkeiten, mit Kleinstadtmief, die «Sch....stadt».
Ständig sagt meine Mutter: Dein Vater ist aphasisch. Ich habe Angst vor dem Wort aphasisch, weil ich davon keine Luft mehr kriege und auch Asthma, weil wenn er aphasisch ist, dann bin ich eben asthmatisch.
Nach der Matura zieht er nach Berlin und trifft dort auf Mira. Sie schafft es, die Worte zu reinigen. Er kehrt mit ihr zurück nach Bozen, die Wörter bleiben sauber, bis seine Obsession ihn wieder einholt. Nachdem ich das dreißigste Mal gelesen habe, dass die Mutter den ganzen Tag heut und dumm ist, sie die Wörter schmutzig macht, war ich es leid, aber so geht es Seite für Seite. Die Zweisprachigkeit macht ihm zu schaffen, Italienisch / Deutsch (Tiroler Dialekt), insbesondere, da man sich zu einer bekennen soll. Der Dialekt ist ihm ein Graus. In der Schule wird er gemobbt aus seiner Sicht heraus – aber er empfindet die Klassenkameraden und Lehrer als dumm und schmutzig mit schmutzigen Wörtern – irgendwann mag man das nicht mehr lesen. Zumindest mir ging es so. Sauber ist alles Ehrliche und Klare, alles Liebevolle, der Rest ist schmutzig. Wie auch immer.
Aber ehrlich gesagt, ich mag niemanden in meiner Klasse, sie sind alle unsympathisch oder dumm, sie würden nie mit mir reden, weil sie unreif sind, kindisch und langweilig. Es gibt eine dumme Gans, die cosmopolita falsch ausspricht, und offenbar macht sie es absichtlich, nur um mich zu ärgern, und sie gilt bei Leuten, die von Schönheit nichts verstehen, als hübsch.
Aufatmen in Berlin. Nun wird das Buch für mich lesbarer. Paolo übernachtet auf Parkbänken, findet in einer WG einen Schlafplatz und sogar einen Aushilfsjob in einer Bibliothek. Keine Berge mehr, die ihn erdrücken, Ort ohne Einschränkungen, an dem er Atmen kann. In dem Roman wird mit Anagrammen gearbeitet. Der Name des Protagonisten, wie auch der Freundin Mira, das Anagramm von «sapone di Marsiglia», der Kernseife. Sie wird die Wörter reinwaschen. Paolo ging mir von der ersten Seite an auf die Nerven. Er schimpft ohne Unterlass auf alles, auf jeden, jeder ist schmutzig. Von sich selbst behauptet er, jeder halte ihn für mordsmäßig sympathisch. Ein überheblicher Rotzlöffel, der sich langweilig wiederhold durch das Buch wettert, hat mir jeden Zugang zum Protagonisten verbaut, insbesondere, da er mir seine Gründe nicht wirklich darlegen kann. Die Autorin hat Italo-Calvino-Preis für das beste unveröffentlichte italienische Debüt gewonnen und einige Preise mehr. Somit gibt es Menschen, die den Roman wertschätzen, bei mir kam er nicht an.
1993 in Bozen geboren, studierte Germanistik und Italianistik in München und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni München. Das Romanmanuskript Lingua madre hat 2020 den renommierten Italo-Calvino-Preis für das beste unveröffentlichte italienische Debüt gewonnen; nach Erscheinen folgten zahlreiche Preise.
Maddalena Fingerle
Muttersprache
Originaltitel: Lingua madre, 2021
Übersetzt aus dem Italienischen von Maria Elisabeth Brunner
Zeitgenössische Literatur, italienische Literatur
Gebunden mit Schutzumschlag, 180 Seiten
Folio Verlag, 2022
Zeitgenössische Literatur

Zeitgenössische Romane
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