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Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Mit der Faust in die Welt schlagen 

von Lukas Rietzschel


Sprecher: Christoph LetkowskiUngekürztes Hörbuch, Spieldauer: 7 Std. und 53 Min.


Der Anfang: Da waren eine Grube und ein Schuttberg daneben. Mutter stand am Rand und blickte hinab auf die grauen Steine, die zu einer Mauer aufgestapelt worden waren. … Aus der Grube kam Vater und stellte sich neben Mutter.

Nicht schlecht eine heimatliche Stimmung wiederzugeben, ein guter Versuch, aber leider nicht tief genug geschöpft aus den Figuren, abgekappte Stränge, die ich gern zu Ende erzählt gehabt hätte. Mir war dieser Roman am Ende zu oberflächlich, um die Radikalisierung der ostdeutschen Jugend ins Visier zu nehmen, zu oberflächlich die Gesellschaft darzustellen. Vielleicht war das nicht mal das Ziel des Autors. Er beschreibt Zustände, geht leider nicht rein in die Figuren, die Sprache ist distanziert, berichtend, schroff, holprig in der Satzstruktur. Die Brüder Philipp und Tobias leben in der Lausitz, ihr Leben von 2000 bis 2014 wird hier aufgeblättert. Elf Jahre nach der Wende hat die Familie ihr eigenes Haus, Vater und Mutter sind stolz. Noch kann man den Schornstein des stillgelegten Schamottsteinwerks sehen, irgendwann später wird er gesprengt, vernichtet, wie so vieles im Dorf.

Rassismus an allen Ecken

Der Vater: Abschluss aberkannt, Umschulung, Umschulung, Weiterbildung. … Sein Bruder war jetzt Altenpfleger, er Elektriker. Beide hatten ursprünglich Kupplungen gebaut. 
Ein rassistischer Typ, der sich zu Hause über die frechen Polacken aufregt, sich über die Sonderrechte der Sorben (eine westslawische Ethnie, die vorwiegend in der Lausitz im östlichen Deutschland lebt) beschwert, meint, die „Sorbenschweine“ seien reich und arrogant. Doch das Brot wird beim sorbischen Bäcker gekauft, weil das ja am besten schmeckt. 9/11, etwas was die USA verdient hat, sagt der Vater.

Es gibt eine Schlüsselszene in der Schule, die mich beeindruckt hat: Die Kinder werden in der Pause von Lehrern und Direktor zurück in die Schule gedrängt, als läge eine Bombe auf dem Hof. Dort befindet sich etwas. Die Kinder sollen das nicht sehen, man hat bisher alles entfernen können, bevor sie es zu Gesicht bekamen. Der kleine Tobi drängelt sich nach vorn. Er sieht einen Stein, auf den ein komisches schwarzes Kreuz gemalt ist, das er nicht kennt. Das Ding da draußen wird zuerst aufgepumpt zu einem Monster, doch es wird von den Lehrern totgeschwiegen – gefährlich, aber nichts, von dem ihr wissen müsst. Auf der Straße entdeckt Tobi bei dieser Aktion ein Auto mit laufendem Motor, die Scheibe heruntergedreht sitzen dort junge Männer, hinter dem Steuer Menzel, der sich später als Dorf-Nazi entpuppt. Eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, Judenverfolgung, fand bekanntlich in der DDR nicht statt, anscheinend auch noch Jahre nach der Wiedervereinigung. Es wurde die kommunistischen Widerstandskämpfer gefeiert, jüdische Opfer, die Euthanasie-Opfer, Sinti und Roma, Homosexuellen und andere Opfergruppen erhielten von der DDR keine Entschädigung, wurden totgeschwiegen. Im Westen hatte man sich zu schämen, ein Deutscher zu sein, im Osten war man stolz drauf. Und so tauchten auch das erste Mal nach dem Krieg zur Fußball-WM Deutschlandfähnchen nach der Wiedervereinigung auf, Kriegsbemalung in Schwarz-Rot-Gold auf den Gesichtern der Fußballfans. Der Osten hatte dem Westen die Identität geschenkt.

Identität geklaut

Keine Sparkasse mehr, kein Bäcker, keine Apotheke, kein Arzt.

Dieses Dorf stirbt ab. Nach der Wende die Hoffnungen und später die Auflösung. Das zweite Mal die Währung gewechselt, einen neuen Beruf erlernt, neue Nummernschilder, Postleitzahlen, der Konsum hieß nun Aldi, alle Ostmarken waren über Nacht in den Regalen durch Westprodukte ersetzt usw., die Firmen und LPG’s waren geschlossen. Identität geklaut. Wer was auf dem Kasten hat, zieht nun fort, Menzel dazu: »Die Weiber hauen alle ab, nichts mehr zu ficken.« Als der Schornstein der Fabrik gesprengt wird, ist auch die letzte Erinnerung an das, was mal war, zerstört. Zerstörte, zerrissene Familien.
Aus dem ehemaligen Kohleabbaugebiet hat man eine künstliche Seenplatte modelliert, ein hübscher Ort für den ein oder anderen, sich das Leben zu nehmen. Einmal im Jahr ist Rummel. Endlich mal was los. Den Jugendlichen des Dorfs wird nachts im Kreiskrankenhaus der Magen ausgepumpt und die Männer haben auch ihren Spaß:

Wenn sich die Schausteller am späten Abend in die Wohnwagen zurückzogen, trafen sich die Männer zum Prügeln im Schatten des ausgeschalteten Kettenkarussells.

Trostlosigkeit - keine Zukunft

Alkohol, Gewalt, eine keine Nazi-Clique, um die beiden Brüder herum löst sich alles auf, auch die Ehe der Eltern, nur die Geborgenheit der Clique bleibt. Mit Nazi-Menzel kann man so richtig die Sau rauslassen, seinen Frust auf sich selbst, Missgunst auf die, denen es vermeintlich besser geht, die Sorben sind zuerst dran. Und dann werden der Region Flüchtlinge zugeteilt. Schon wieder Leute, die alles geschenkt bekommen, wo man doch selbst nichts hat …

Der Roman gibt zeigt auf - er will nicht erklären

Lukas Rietzschel ist in der Lausitz aufgewachsen, wohnt in Görlitz, er kennt sich aus. Insofern redet hier jemand über die eigene Heimat. Aber irgendwie hatte ich beim Lesen ständig das Gefühl, dass dies alles ein wenig aufgesetzt ist, klischeehaft. Ich kann nicht erklären, warum – Bauchgefühl. Mit dem Schreibstil bin ich nicht warm geworden. Die Sätze klingen abgehackt, unrund. Die Erzählhaltung ist sehr distanziert, handlungsorientiert. Hier fehlt mir der Einblick, Verständnis für Handeln. Und der Autor bricht immer wieder ab. Er bricht Stränge ab, erzählt sich nicht zu Ende, springt in der Zeit nach vorn – für den Leser wie der Schlag mit einem Brett. Plötzlich ist man ein paar Jahre nach vor gehüpft, nicht mitgenommen in der Geschichte. Der Roman an sich ist in Ordnung, aber mir fehlte eine Menge, inhaltlich, sprachlich, ich kam mir vor wie in einem Rohbau.
Man darf den Inhalt nicht als Erklärung für die Naziszene im Osten sehen, denn der Roman wurde weit vor den Ereignissen in Chemnitz geschrieben. Und die echte Naziszene im Osten hat nichts mit diesen frustrierten Protagonisten zu tun, die in der Untergruppe »harmlos« bei mir landen. Aber der Roman gibt einen Einblick in die ländliche Gesellschaft im Osten, deren Hoffnungen auf die Versprechen nach der Wiedervereinigung, die dann nicht eingehalten wurden. Es ist ein Zustandsbericht, keine Erklärung für politische Verhältnisse.

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