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Mein Herz ist eine Krähe von Lina Nordquist - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing






Mein Herz ist eine Krähe 


von Lina Nordquist

Gesprochen von Aline Staskowiak
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 14 Std. und 34 Min. 


Mein Herz ist eine Krähe hoch oben in einem Baum. Mal krächzt sie in der Ferne, mal kommt sie näher. Ich schätze, ich wurde so geboren, und trotzdem habe ich mich oft gefragt, warum die Krähe gerade mich ausgewählt hatte.

Norrland um 1900: Der Pfarrer hatte Unni vergewaltigt, und sie wird von ihm angeklagt, Hexenwerk zu praktizieren und Kinder zu töten. Sie hatte mit dem Pilz vom Mutterkorn Frauen geholfen, abzutreiben. Armod, der Unni liebt, hilft ihr mit ihrem Baby Roar zu fliehen, als sie in die Irrenanstalt überführt werden soll. Die drei fliehen aus Norwegen. Eine harte Zeit mit Hunger beginnt, doch sie schaffen es, in den Wäldern von Hälsingland ein neues Zuhause zu finden, ein kleines Gehöft zu mieten. Doch die brutalen Launen der Natur und die des Landbesitzers lassen die kleine Familie kaum Frieden finden. «Es hört nie auf.» Neben dem harten Leben als Bauernfamilie, nie ist genug Essen da, Schulden sind abzuzahlen, werden weitere Katastrophen das Leben der wachsenden Familie begleiten. 

Ich wollte eine Ameise mit hartem Außenskelett zum Schutz vor der Welt, nicht der wacklige Geleeklumpen, der ich war. Ameise oder mutige Hündin – nichts davon wurde wahr. Stattdessen folgte mir eine zartgliedrige Angst überall hin, wie ein räudiger Fuchs.

Parallel wird eine andere Geschichte erzählt, die mehr als 70 Jahre später spielt. Die dreiundfünfzigjährige Kåra organisiert die Beerdigung ihres Schwiegervaters Roar. Sie berichtet von ihrem Leben und von ihrer Beziehung zu Roar. Als sie Roars Sohn Dag heiratete, hatte sie sich etwas anderes vorgestellt. Und da ist ihre Schwiegermutter Bricken, die alle lieben, die alle verehren, hinter der Kåra völlig verblasst. Welche Geheimnisse verbinden Kåra und Unni über die Jahrzehnte hinweg? Die Ich-Erzählerinnen Unni und Kåra können nicht unterschiedlicher sein. Unni, stark, zeitlebens vom Schicksal geschlagen – dagegen die schwache Kåra, die mir mit ihrer Eifersucht auf Bricken irgendwann auf die Nerven ging. 

Die Sträucher hingen voll mit dicken Blaubeeren, der Sauerklee war sattgrün, und einige Wochen später holte ich neue Kartoffeln aus dem Acker beim Komposthaufen. Wir aßen Wurzelgemüse-Eintopf, der nach frischen Kräutern roch.

Ein düsterer Roman, von dem man zunächst meint, er spiele 200-300 Jahre zurück, bis man in Kåras Geschichte Dinge der Moderne findet: Autos, Plastik. Dann rechnet man zurück und ist erstaunt, mit wie viel Armut und Aberglauben die Zeit um 1900 Norwegen und Schweden besetzt ist – man spürt die schreckliche Angst der Kirche. Ein Generationenroman, der mehrere Familiengeheimnisse verbirgt. Ein karges Leben, immer vom Hunger bedroht. Wie lang wird der Winter sein, wird man durchkommen mit den Vorräten? Zu viel Regen im Sommer verdirbt die Ernte – der Hunger ist vorprogrammiert trotz harter Arbeit. Mit Glück kann man im Winter einen Spatz fangen, oder ein paar Mäuse, gekocht mit Wurzeln bietet das eine nahrhafte Suppe für fünf Personen, die am verhungern sind. Ein Unglück jagt das nächste, das Leben ist ein täglicher Überlebenskampf: «In jedem Augenblick unseres Lebens sind wir im Sterben begriffen, aber das ist nicht schlimm, denn meist sterben wir ja doch nicht. Nur ein Mal.» Was für Unni die ständige Not von außen bedeutet, der ihre Familie ausgesetzt ist, ist für Kåra die innere Angst, ihre psychischen Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat. Unnis Geschichte ist länger, intensiver, teils im Nature Writing, eine Familiengeschichte, ein Drama, eindrucksvoll geschrieben. Inhaltlich habe ich ein wenig gehadert. Roar ist letztendlich die Hauptperson, von seiner Mutter beschrieben als Baby, als Kind, als Jugendlicher. Ein Mann, der unermüdlich hart arbeitete und es schaffte, das gemietete Haus mit Land zu kaufen, auszubauen. Von Kåra beschrieben als alter Mann – die gesamte Mitte ist nur angedeutet. Mir hat eine wenig der Zusammenhang der beiden Geschichten gefehlt, die Message. Insgesamt berührend. Sprachlich eine Entdeckung, Empfehlung!


Lina Nordquist, geboren 1977 in Norrala, ist Schriftstellerin, außerordentliche Professorin für Physiologie, Diabetesforscherin und Politikerin. Seit 2018 ist sie Mitglied des schwedischen Parlaments. Sie wuchs in Hälsingland auf und lebt derzeit mit ihrer Familie in Uppsala. Ihr Debütroman „Mein Herz ist eine Krähe“ wurde als Buch des Jahres in Schweden ausgezeichnet.



Linda Nordquist
Mein Herz ist eine Krähe

Gesprochen von Aline Staskowiak
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 14 Std. und 34 Min. 
Originaltitel: ‎ Dit du går, följer jag
Aus dem Schwedischen übersetzt von Stefan Pluschkat
Zeitgenössische Literatur, Familiengeschichte, Nature Writing, Drama, schwedische Literatur
Diogenes Verlag, 2023
Hardcover, 458 Seiten, Diogenes Verlag, 2023



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

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