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Leise Wut von Cornelia Härtl - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Leise Wut 


von Cornelia Härtl

Ein Lena Borowski-Krimi


Der erste Satz: 

Der Junge wimmerte, sie konnte es durch die dünne Wand hören.


Lena Borowski, eine Sozialarbeiterin aus dem Landkreis Offenbach kommt von einem dreimonatigen Urlaub erholt aus Neuseeland zurück. Der erste Arbeitstag beginnt mit einem Schock: Ein totes Kind – übel zugerichtet, Kindesmissbrauch. Die Mitarbeiter des Jugendamts stehen am Pranger. Ein Schuldiger muss der Presse zum Fraß vorgeworfen werden: Lena. Sie wird suspendiert, weiß nicht warum, denn sie hatte nach ihrer Versetzung in eine andere Abteilung den kleinen Tobias schon neun Monate nicht mehr betreut. Während ihrer Betreuung gab es keine Auffälligkeiten. Die Mutter von Tobis begeht Suizid. Die Presse stürzt sich auf Lena, Amtsinternes und Privates ist nachzulesen, Lügenkonstrukte; jemand aus dem Amt will sie beruflich vernichten, es kann nicht anders sein. In ihrer Verzweiflung beginnt Lena zu recherchieren und stößt auf einen möglichen Pädophielenring. Die Spur führt nach Menorca. Kurzentschlossen reist Lena auf die spanische Insel und macht eine interessante Entdeckung.


Ein Noir-Krimi, der nichts für zarte Seelen 

Ich habe den Krimi in einem Rutsch gelesen. Er ist spannend geschrieben. Die Handlung des Kriminalromans spielt sich im Rhein-Main-Gebiet und auf Menorca ab. In der Hauptsache geht es um einen Pädophielenring, bei dem Eltern ihre Kinder missbrauchen und sie gegenseitig zum Tausch anbieten. Ein bitteres Thema, das hier authentisch dargestellt wird – ein Noir-Krimi, der nichts für zarte Seelen ist. Ein Thema, das leider viel zu selten angesprochen wird – denn diese Zirkel gibt es, und gar nicht so selten, wie man sich das blauäugig vorstellen mag. Geheimbünde, in die die Polizei schwer vordringen kann, weil sie extrem vorsichtig agieren – jeder hat hier Dreck am Stecken – und falls sich jemand entschließt zu reden, die Opfer und ihre Therapeuten eingeschlossen, wird er mit dem Tode bedroht sein. 


Lokalkolorid aus dem Landkreis Offenbach

Eine Zeitung hatte einen Aufmacher gebracht, der es in sich hatte. Söder habe, so stand es da, reichlich Rücklagen der Landeskreisverwaltung in dubiose Anlagegeschäfte stecken lassen. ‹Verzockt – Geld futsch! Landkreis pleite?›, lautete die plakative Überschrift.


Lokales wird mit eingebunden, die Arbeit der Sozialarbeit, Stellen, die grundsätzlich unterbesetzt sind. Politisches Schachern um Posten und politische Ämter, das Einbeziehen der Presse, das Schmeißen mit Dreck, um Konkurrenten ein Bein zu stellen sind Nebenthemen. Offenbach, Frankfurt, Dietzenbach, das Kreishaus ... amüsant zu lesen, wie ein realer politischer Skandal am Rande erwähnt wird. Kopfkino, die handelnden Personen standen mir glasklar in Person vor Augen – wenn man in der Region verortet ist. Ein paralleler Handlungsstrang beschäftigt sich mit dem Problem der Kindesmisshandlung von Kindern, die aus dem Ausland genau für diese Zwecke nach Deutschland geholt werden; ein weiteres dunkles Kapitel zum Thema. Ein spannender Krimi, ein Pageturner; glasklare Empfehlung von mir. Um den Plot so zu konstruieren, musste Lena auf eigene Faust operieren. In der Realität allerdings hätte sich jeder professionelle Sozialarbeiter sofort einen Anwalt genommen, der gegen die Verwaltung und die Presse vorgeht. Denn solch haltlose massive Anschuldigungen seitens der Vorgesetzten, Weitergabe von Amtsinterna an die Presse, würde sich niemand gefallen lassen – und während der Suspendierung ins Ausland zu reisen, würde sich niemand wagen. Das war ein wenig weit hergeholt. Doch egal, für die Handlung war es ok. Ganz kurz wird angerissen, wie ein misshandeltes Kind unter Qual die Persönlichkeit abspaltet. Es wird nicht näher darauf eingegangen. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Input gewünscht. Denn genau das sind die Spätfolgen für viele dieser misshandelten Kinder. Die Charaktere sind gut aufgestellt, ein rasanter, realistischer Plot führt durch den Krimi, der sich zum Ende in Hochform begibt; stilistisch sauber, was will man mehr. Gute Unterhaltung zu sagen, wäre nicht angebracht für das Thema. Leider auch hier die Unsitte, das erste Kapitel Prolog zu nennen, schade. Denn ein Prolog sieht anders aus.


Cornelia Härtl arbeitete als Marketingmanagerin, in Leitungsfunktionen im sozialen Bereich und war in der Erwachsenenbildung tätig. Viele Jahre engagierte sie sich darüber hinaus ehrenamtlich. Neben Fachartikeln und Kurzgeschichten schreibt sie Sozialkrimis sowie, unter dem offenen Pseudonym Carla Wolf, Cosy Crime. Unter anderen Namen veröffentlicht sie weitere Genres im Bereich Unterhaltung, Mystery und Erotik. Cornelia Härtl ist verheiratet und lebt südlich von Frankfurt.


Cornelia Härtl
Leise Wut
Ein Lena Borowski-Krimi
Kriminalroman, Krimi, Noir-Krimi, Kindesmissbrauch
Taschenbuch, 288 Seiten
MainBook, 2020





Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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