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Kein guter Mann von Andreas Izquierdo - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Kein guter Mann 


von Andreas Izquierdo

Gesprochen von Uve Teschner
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 7 Std. und 28 Min.



Der erste Satz: 
Lange bevor Walter aus Versehen Gott wurde, suchte seine Chefin bereits nach Wegen, ihn loszuwerden.

Eins der besten Romane für mich in diesem Jahr. Walter ist der unbeliebteste Postbote der ganzen Stadt. So bietet man ihm an, in Vorruhestand zu gehen. Das lehnt er ab. Er wird in die Abteilung für unzustellbare Briefe versetzt – und natürlich hasst er es. In der Vorweihnachtszeit ist in Engelskirchen die Christkindfiliale der Post eingerichtet, in der er vorerst landet. So bekommt er ein Schreiben an den lieben Gott in die Hand. Der zehnjährige Ben will wissen, wie man einen Antrag ausfüllt. Selbst Walter ahnt: Hier liegt einiges im Argen. Er antwortet Ben als Gott, obwohl das streng verboten ist. Ein Briefwechsel beginnt, später Mailverkehr, und Walter erfährt immer mehr über das Leben des Jungen mit seiner depressiven Mutter. Mehr als alles andere wünscht Ben sich einen Freund. 

Frau Witzke, Zeugin jener schicksalhaften Begebenheit, konnte zu Walters Ehrenrettung bestätigen, dass ihn am Ausbruch der Feindseligkeiten keine Schuld traf, was ihn aber nicht von dem Vorwurf freisprach, eine Gedankenlosigkeit zu einer eichenharten Fehde eskaliert zu haben. Walter hätte die Sache großzügig auf sich beruhen lassen, wie Herr Leyendecker sich kleinlaut hätte entschuldigen können, aber weil der eine für den anderen in etwa so viel Verständnis aufbrachte, wie ein brunftiger Widder für ein rivalisierendes Männchen, trat nichts von beidem ein.

Der Roman beginnt herrlich! Postbote Walter, ein Beamter durch und durch, ein Erbsenzähler, hat es nicht einfach mit manch einem Kunden. Der Kunde hat recht, immer schön freundlich bleiben! Und wenn der Hund deine Hose zerfetzt, dann ist das so. Aber nicht mit Walter – der rächt sich und gerät in einen Kleinkrieg mit einem Kunden … Mein Gott Walter, jetzt ist es aber gu!, schreit man beim Lesen. Nach einem turbulenten Anfang geht es immer wieder zurück in Walters Vergangenheit, beginnend mit dem Schüler. Walter hat eine Tochter und einen Sohn, mit dem er nicht spricht. Was ist damals vorgefallen? Die Zeiten wechseln vom Jetzt, dem Briefwechsel mit Ben – Walter will helfen. Alles geht in die Hose. Wie sein ganzes Leben, das chronologisch in Schritten aufgerollt wird … 

Es heißt, wenn wir etwas tun, wovon wir später nicht wissen, warum wir es getan haben, es aber ein schicksalhaftes Ereignis auslöst, dass uns in diesem Moment ein Engel etwas ins Ohr flüstert, was wir zwar nicht hören, aber doch mit dem Herzen verstehen können.

Ein berührendes Buch! Walter, der strebsam ist, immer alles gut macht, bis ein Unglück, ein Missverständnis, alles zerdeppert. Ihm klebt das Pech an den Hacken. Mit Schuld beladen – ist er das wirklich? – wird er von der Familie ausgeschlossen. Nur seine Tochter hält zu ihm Kontakt. Aber die wohnt mit einem Typen zusammen, der sie ausnimmt wie eine Weihnachtsgans und sie schlägt. Walter kann nicht mehr lange zusehen … Das Leben hat ihn geprägt. Einst der Sonnyboy, den alle liebten – heute ein alter Griesgram, dem sein Sarkasmus und sein Zorn auf der Zunge liegen. Was passiert, wenn man im Leben einmal die falsche Entscheidung trifft und man entgleist? Walter, ein Mann mit Prinzipien, mit Ecken und Kanten, mit Stolz, ein Korinthenkacker – einer mit einem ganz großen Herz. Ein tiefgründiges Buch mit viel Humor unterfüttert, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Die Charaktere sind gut herausgearbeitet, ein Drama, das ganz ohne Kitsch und Klischee auskommt und mir am Ende ein Tränchen herauskitzelte. Schon der erste Satz ist voller Ironie und er knistert, dass man weiß: Hier muss man weiterlesen! Unbedingt lesen! 


Andreas Izquierdo ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte den mit dem Sir-Walter-Scott-Preis ausgezeichneten historischen Roman 'König von Albanien' (Neuausgabe DuMont 2024) und zahlreiche weitere Romane, u. a. den SPIEGEL-Bestseller 'Der Club der Traumtänzer' (2014) und 'Fräulein Hedy träumt vom Fliegen' (2018). Zuletzt erschien die 'Wege der Zeit'-Trilogie, die die Bände 'Schatten der Welt' (2020), 'Revolution der Träume' (2021) und 'Labyrinth der Freiheit' (2022) umfasst. 


Andreas Izquierdo Kein guter Mann
Gesprochen von Uve Teschner 
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 7 Std. und 28 Min. 
Zeitgenössische Literatur, Drama, Audible 
Der Audio Verlag, 2023  
Dumont Verlag, 396 Seiten, 2023



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane



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