Rezension
von Sabine Ibing

In besserer Gesellschaft
Der selbstgerechte Blick auf die anderen
von Laura Wiesböck
Der erste Satz: Was haben eine junge Frau, die denkt, dass Wähler rechtspopulistischer Parteien dumm sind, und ein Mann, der alle Migrant*innen für Sozialschmarotzer hält, gemeinsam? Wahrscheinlich mehr, als sie sich eingestehen wollen.
Wie bewerten wir andere Menschen, was halten wir von Ihnen? Was bist du für eine*r? Weltverbesserer, Gutmensch, Bösmensch, Emanze, Alt Right, linke Socke, rechter Nazi, Assi oder reicher Schnösel, etwa so ein Fatzke, der alles besser weiß, ein Oberlehrer, ein antiquarischer Hinterwäldler oder ein Nerd, ein Mohamed, ein Tierstreichler, Rabenmutter-Karrierefrau, Hausfrauentussi, Grasfresser, Ökoschlampe, Umweltschwein oder Rassist? – Egal was, ich bin der Bessere von uns beiden. Ich bin tadellos, mein Leben ist richtig und du bist falsch – ab in die Schublade. Wir in unserer Filterblase, in unserer sozialen Gruppe, gegen die, die wir verachten, auf die wir herabsehen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, die wir hassen.
In Gesellschaften, die von Leistung, Konsum und Vergleichen gelenkt werden, liegen Urteile über andere nahe.
Der selbstgerechte Blick auf andere
Laura Wiesböck plädiert dafür, die Schubladen zu öffnen, miteinander zu reden, den anderen versuchen zu verstehen, denn Kommunikation schafft Verständnis. Wir müssen nicht jeden Menschen lieb haben, selbstverständlich soll jeder Mensch für seine Ziele einstehen, doch ohne selbstgerechten Blick auf andere Menschen wäre das Miteinander leichter. Die Psychologie lehrt uns: um uns selbst gut zu fühlen, müssen wir uns vergleichen, und der Hang, dabei andere zu bewerten, sich auf ein Treppchen zu stellen, um sein Selbstvertrauen zu stärken, ist nicht neu. Allerdings stärkt eine Leistungskonsumgesellschaft dieses Verhalten enorm. Gegenbewegungen bilden sich, suchen nach Akzeptanz, bilden dann plötzlich die neue moralische Elite. Wir stehen für Gleichheit, aber eine Karrierefrau ist negativ belastet, ein Karrieremann ein Held, ein Playboy ist ein begehrenswerter Mann, eine Frau mit mehreren Beziehungen eine Schlampe. Sehr interessant fand ich die Kapitel, bei denen es darum ging, sich selbst zu belügen.Der Drang, die aufregenden Facetten des eigenen Lebens online zu inszenieren, kann nun nicht nur einem selbst, sondern auch anderen Menschen Leid zufügen. Neben Formen der Entfremdung von sich selbst und der eigenen Umgebung können auch Neidgefühle initiiert werden. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien ist der Vergleich mit anderen zu jeder Sekunde möglich. Via Smartphone ist man rund um die Uhr im Bilde über seine vermeintlichen Freund*innen und deren angebliche Erfolge. Menschen lassen sich von visuellen Selbstdarstellungen im Internet beeinflussen, selbst wenn sie wissen, dass diese nicht der Realität entsprechen.
Selbsttäuschung
Es herrscht das Matra: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst. Das funktioniert aber nicht, bzw. nur in seltenen Fällen und hat oft etwas mit Glück zu tun. Kreativ zu sein ist hipp, ein Bürojob mit Muff behaftet, selbstständig zu sein, bedeutet, sein eigener Herr zu sein, oben auf der Leiter. Beides ist letztendlich ein unermüdliches Rackern, selbst und ständig, schöpferisch unterbezahlt und ausgebeutet. Aber man ist cool, kann auf die in ihre Jobs gefangenen Angestellten herunterblicken. Arbeit schützt nicht vor Armut! Und dort ist eine junge Frau, die einen begehrten Praktikumsplatz in einem Kulturbetrieb einer Hauptstadt ergattert hat – cool aber unbezahlt. Und selbstverständlich bringt sie ihren Laptop mit, spricht perfekt Englisch (sie hat mindestens ein Auslandssemester absolviert). Nach ihrem Zehnstundentag an 6-7 Tagen wöchentlich entspannt sie sich bei Yoga und Avocadosalat. Sie zeigt kein Engagement, Sklavenjobs wie den ihren für die Zukunft zu verhindern, kann sich mit etablierten Parteien nicht identifizieren, die von Arbeitsplatzbedingungen und Mindestlohn reden, dabei weder Homework-Arbeitsplätze und Verträge für sogenannte Selbstständige im Visier haben, die projektorientiert angestellt werden. Denken wir weiter mit unserer Praktikantin im Sinn der Autorin: sie postet in sozialen Medien von ihrem so kreativen Medienjob, zeigt das das Yogacenter (sie muss schlank und attraktiv bleiben), ihren Avocadosalat – sie ist vegan, ein It-Girl. Sie postet nichts über ihre Depressionen und dass sie noch immer von Mami und Papi finanziert wird, die Omi finanziert das Fitnesscenter. Sie kann sich kein Auto leisten, keinen Urlaub – drum postet sie ihr umweltbewusstes Fahrrad und wie wundervoll eine Paddeltour auf den mecklenburgischen Seenplatten ist. Selbstbetrug am laufenden Meter. Ich bin hipp, mir geht es gut.Die Liste zum Thema ist ellenlang
Es geht um die Stellung der Frau, die gleichgestellt ist, in der Realität aber unterbewertet wird, für gleiche Arbeit weniger Gehalt bekommt und das bisschen Hausarbeit neben dem Vollzeitjob auch noch erledigt, Kindererziehung nicht zu vergessen, es geht um die Wahrnehmung von Frauen. Welche Sicht habe ich auf Migranten, und Arbeitslose, weshalb bleiben Vorteile haften. usw.. Geltungskampf, Ideologien, Aufmerksamkeit, Geltungskonsum, Abwertung durch Schuldzuweisung, ziemlich viel wird in diesem schmalen Buch angesprochen. So viel Neues habe ich nicht gefunden, das haben wir alles schon vor 40 Jahren im Studium durchgekaut. Neu sind die Perspektiven auf die moderne Selbstausbeutung, ein Blick, den ich ziemlich interessant fand. Laura Wiesböck fordert auf, sich selbst ein Bild über eigene Privilegien zu machen, sich klar zu werden, in welcher Filterblase man sitzt, regt an, mit anderen Menschen in Kommunikation zu treten und sie oder ihre Meinung nicht gleich abzuwerten. Elternhaus, Hautfarbe, Bildung, Ethnie, Sexus, alles Dinge, in die ein Mensch hineingeboren wird, die er nicht abwaschen kann – wir alle sind Menschen, eben ein Mensch, wie ich einer bin.Ein Buch, über das es sich lohnt nachzudenken
Ein recht gutes Buch, wenn man sich noch nie mit dem Thema Denkmuster, Abgrenzung und Gruppenzugehörigkeit beschäftigt hat. Der Mensch ist ein Herdentier – zwischendurch sollte man über triebgesteuertes Handeln in Verbindung mit Fremdsteuerung nachdenken und sich selbst wieder erden. Hier wird eine Menge zum Thema angerissen, über das es sich lohnt nachzudenken. Jedes Kapitel beginnt mit einer Grafik.
Laura Wiesböck ist Soziologin an der Universität Wien. Sie forscht zu Formen, Ursachen und Auswirkungen von sozialer Ungleichheit. Für ihre akademische Arbeit wurde sie mit dem Theodor- Körner-Preis und dem Bank Austria Forschungspreis ausgezeichnet.
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