Direkt zum Hauptbereich

Hana von Alena Mornštajnová - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Hana 


von Alena Mornštajnová


Der Anfang: 

Ich habe noch nie verstanden, warum die Erwachsenen den Kindern einreden, es lohne sich, artig und gehorsam zu sein. Wäre ich eine gehorsame Tochter gewesen, stünde heute mein Name in den Grabstein gemeißelt – so wie die Namen von Mamas Eltern, Oma Elsa und Opa Ervin, die lange vor meiner Geburt verstorben waren, oder Oma Ludmila und Opa Mojmír, an deren Grab Mama und ich jedes Mal kleine braune Grablichter anzündeten, obwohl wir dafür bis ans Ende des Friedhofs gehen mussten.


Ein Kind will dabei sein, schon gar nicht als feige gelten. 1954, der zugefrorene Fluss taut, und es ist Zeit für den wagemutigen Ritt auf einer Eisscholle. Trotz Verbot der Mutter versucht Mira, auf eine Scholle zu springen. Triefend nass erwartet sie zu Hause als Bestrafung das wohl das Übliche: Erbsenpüree zum Abendessen, während alle anderen schlemmen. Denn Mira hasst nichts mehr als Erbsenpüree. Doch weil Mama Geburtstag hat, darf sie das Festmahl mitessen – bis auf ... Am nächsten Tag bricht eine Typhus-Epidemie in der mährischen Kleinstadt aus, Quarantänemaßnahmen werden eingeleitet. Die Erinnerung an die Corona-Pandemie wird beim Lesenden wach. Innerhalb weniger Tage platzt das Krankenhaus aus allen Nähten und viele Menschen sterben. Die neunjährige Mira, muss bei der Familie der Freundin ihrer Mutter einziehen, weil der Rest der Familie im Krankenhaus liegt. Ein weiteres Drama entwickelt sich, als ihre gesamte Familie verstirbt, sie nun Vollwaise ist. Die Kinder in dieser fremden Familie hassen sie. Doch dann steht plötzlich Tante Hana vor der Tür und holt Mira ab. Wie hatte sie als Einzige überleben können? Was will diese spindeldürre verhuschte Frau von ihr, die immer die gleichen schwarzen Sachen anhat, trockenes Brot in den Taschen trägt, die nur einmal in der Woche zum Einkauf das Haus verlässt? «Weil ich jetzt nicht mehr sterben kann,» sagt sie zu Mira. Kann es gutgehen, allein mit ihr im Haus der Großeltern zu wohnen, einer Frau, die sich versteckt, die nur spricht, wenn es nötig ist?


Eine facettenreiche Familiengeschichte

Mein Name ist nur deshalb nicht unter den in Gold ausgeführten Inschriften auf den Grabsteinen, weil es sich manchmal lohnt, ungehorsam und frech zu sein. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, lesen Sie nicht weiter. Und geben zur Sicherheit dieses Buch nie Ihren Kindern in die Hand.


Selten konnte eine Autorin mich so offensichtlich – aber eben mit Erfolg – in ihre Geschichte locken. Was ich euch erzähle, ist schrecklich. Verbotenes! Ungeheuerliches. Die Namen von Generationen einer Familie auf dem Grabstein, alle viel zu jung gestorben – nur zwei haben überlebt. Und es lohnt sich absolut, hier weiterzulesen! Im zweiten Teil erfahren wir die Geschichte der halbjüdischen Familie während der Zeit der Pogrome, die die Möglichkeit zum Auswandern im Dritten Reich gehabt hätte, sie gutgläubig verpasste. Die patente Mutter ahnt nichts Gutes, als alle Juden zur Deportation nach Theresienstadt antreten müssen. Die jüngere Tochter, Rosa, kann sie bei einer Familie verstecken, für Hana findet sich niemanden, der das Risiko auf sich nimmt. Rosa überlebt unversehrt und bringt später Mira zur Welt. In Theresienstadt wird der Rest der Familie getrennt. Hana wird später nach Auschwitz verlegt; sie überlebt völlig traumatisiert. Perspektivwechsel von Mira zu Hana nach dem ersten Abschnitt. Nun hat Hana das Wort, und ihre Geschichte im dritten Abschnitt erschüttert. In der Mitte finden wir eine Familiengeschichte, die mit Intrigen, Eifersucht, Liebe, Leid, Lüge, Enttäuschung und Verrat gespickt ist, voll gesellschaftlicher Ausgrenzung durch den wachsenden Antisemitismus. 


Spannend und literarisch klug geschrieben


Eine Seele, die aus dem Menschen einen Menschen macht, gab es in mir nicht. Sie war mit meiner Familie nach Osten gefahren, in den Theresienstädter Straßen verlorengegangen, im Viehwaggon Richtung Osten hängengeblieben, im Lagermorast steckengeblieben und in den Auschwitzer Öfen verbrannt.


Eine spannende Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert, temporeich, schnörkellos, mit Humor dort, wo er hinpasst. Was kann ein Mensch alles ertragen? Und was wird aus ihm, wenn er sich ständig die Schuld für Geschehnisse gibt? Hier hängt alles mit allem zusammen. Fein gezeichnete Charaktere zeichnen die Geschichte aus. Die erste Perspektive gehört der temperamentvollen Mira, dem Kind, das Schreckliches erlebt, das der gebrochenen Tante Hana zugeteilt wird. Und dann erleben wir eine junge Hana, voller Lebenslust und Pläne ... Das ist geschickt gesetzt, gibt einen emotionalen Kitzel; der Leser will wissen, was geschah. Alena Mornštajnová hat für diesen Roman den Tschechischen Buchpreis erhalten, ganz sicher verdient. Eine wahre Familiengeschichte verwoben mit historischen Ereignissen, spannend und literarisch klug geschrieben. Ein Familienroman, der unter die Haut geht. Empfehlung!


Alena Mornštajnová, geboren 1963, ist eine tschechische Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie schrieb vier Romane und ein Kinderbuch. Sie studierte Englisch und Tschechisch an der Universität Ostrava. Ihr Debüt gab sie 2013 mit dem Roman «Slepá mapa» (Blinde Karte) und 2015 erschien ihr zweiter Roman «Hotýlek» (Das kleine Hotel). Vor allem auf Grund ihres dritten Romans, «Hana», für den sie den Tschechischen Buchpreis erhielt, zählt Alena Mornštajnová seit 2017 zu den beliebtesten zeitgenössischen tschechischen Schriftsteller:innen.



Alena Mornštajnová
Hana
Originaltitel: Hana, 2017
Aus dem Tschechischen übersetzt von Raija Hauck
Zeitgenössische Literatur, Familiengeschichte, Pogrome, Drittes Reich, Judenverfolgung, Tschechische Literatur, Mähren
Hardcover mit Schutzumschlag, 380 Seiten, Lesebändchen
Wiesner Verlag, 2020



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Wasser von John Boyne

Vanessa Carvin ist vom Festland auf eine kleine irische Insel geflohen, versucht, ihrem alten Leben zu entkommen. Sie ändert ihren Namen in Willow Hale, schneidet sich die Haare kurz und hofft, dass niemand sie erkennen wird. Sie hat ein gutes Leben geführt, das endete, als ihre ältesteTochter Suizid begann und kurz darauf ihr Mann, des Missbrauchs an jungen Schwimmerinnen angeklagt wird. War sie blind oder ahnte sie etwas, was sie nicht wissen wollte? Sie weiß es nicht. Das Psychogramm einer Frau, die versucht herauszufinden, was Schuld bedeutet. Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Wasser von John Boyne 

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Genial! von Gareth Harmer, Katja Spitzer

  16 Erfinderinnen und ihre Geschichten Frauen, was haben sie erfunden? Viele kluge Frauen haben praktische Utensilien  erfunden, die wir noch heute nutzen, wie das zusammenklappbare Bügelbrett , Kaffeefilter , Eismaschine , Klappbett , Geschirrspüler , Papiertüte . Klar, Haushaltskram. Eben nicht nur, sondern auch Dinge wie das Frequenzsprungverfahren , elektrische Lampen , faltbarer Fallschirm , das erste Computerprogramm , die Nutzung von Sonnenenergie , das Aquarium und die Currywurst . Ein unterhaltsames und interessantes Sachkinderbuch ab 8 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Genial! von Gareth Harmer, Katja Spitzer

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...