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Gebrauchsanweisung für Spanien von Paul Ingendaay Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Gebrauchsanweisung für Spanien 


von Paul Ingendaay


Um Spanien zu verstehen, sollte man seine turbulente Geschichte kennen. Ein Land, das viele Kulturen vereint, verschiedene Sprachen – die unter der faschistischen Regierung von Franco verboten wurden. Die Entleerung der Dörfer – Menschen die in die Städte, in die Fabriken, gelockt wurden, Hochhäuser mit einfachen Wohnungen wurden während der Diktatur auf die Schnelle in den Vorstädten hochgezogen. 


Das geteilte Land


Im März 1977 begnadigte Juan Carlos nicht nur die Mitglieder der inhaftierten (linken) Opposition, sondern weitete den Gnadenakt auf alle Handlungen mit ‹politischer Absicht› aus. Damit hatten sämtliche Verbrecher, Folterer und Schmarotzer des alten Systems ihren Generalpardon in der Tasche.


König Juan Carlos beendete die Diktatur, als er aus dem Exil von Franco zurückgeholt wurde. Weise erließ er eine Amnestie für die immer noch inhaftierten Sozialisten – aber auch den Schlächtern der Diktatur wurde kein Prozess gemacht. Ein geteiltes Land; Menschen, die sich in Hass gegenüberstanden, aber weiter miteinander leben mussten. Tiefes Schweigen erfasste das Land. Verbrechen, die bis heute niemals aufgearbeitet wurden – Menschen, die bis heute als vermisst gelten – irgendwo verscharrt. Der langsam aufblühende Tourismus (noch unter Franco) überrollte die Küsten. Ein modernes Spanien, das in den letzten 20 Jahren sich in Emanzipation und Technik fast selbst überholte. Katalanen:innen, Bask:innen, Kastilier:innen, Andalusier:innen, Kanarier:innen, Mallorquiner:innen usw. – sie alle sind Spanien – jeder auf seine Weise – aber alle haben eins gemeinsam: sie sind durchweg liebenswert und gastfreundlich. Vier Amtssprachen, großartige Nationalparks, Unmengen von gigantischen Burgen, Kathedralen; verschiedene Kulturen und Feste, ein facettenreiches Land. Noch eins haben alle gemeinsam: Sie können die wunderschönsten Feste feiern – und davon gibt es jede Menge. Die katholische Kirche inszeniert sich selbst in Spanien zu Feiertagen mit vielen Rieten, Verkleidungen, Umzügen obendrauf. Das, obwohl die «satte Mehrheit» inzwischen als «nicht praktizierende Katholiken» bezeichnet werden kann.


In einigen Teilen veraltet


Ehescheidungsrecht, Abtreibungsgesetzgebung, Gentechnik, Schwulenehe: Auf den meisten dieser Gebiete hat die Kirche gesellschaftliches Terrain verloren und wird von der Mehrheit der Spanier als quenglige Alte wahrgenommen, die sich vergeblich bessere Zeiten zurückwünscht.


Dieses Buch ist kein Reiseführer, aber auch sicher keine Gebrauchsanweisung. Den Titel finde ich persönlich eher unpassend. Paul Ingendaay blickt in die Geschichte des Landes, berichtet von Begegnungen und erklärt Strukturen. Er berichtet von weniger bekannten Regionen, wie Aragonien oder die Extremadura – macht sie schmackhaft. Auch die spanischen Exklaven in Nordafrika, Ceuta und Melilla, sowie die britische Exklave Gibraltar werden in einem Kapitel behandelt. «Da wusste ich, dass es Tomaten und Gurken in der Provinz Almería besser haben als Menschen!» Die Gemüseindustrie Andalusiens wird angerissen, die Ausnutzung marokkanischer Arbeiter:innen in der Landwirtschaft; wobei die farbigen Flüchtlinge vergessen wurden, die heute ein übles, illegales Leben in der Landwirtschaft führen. Das Thema zum Wassermangel hat mir in dem Zusammenhang gefehlt. Der Autor berichtet vom Fußball, dem traditionellen Stierkampf, von wichtigen Literaten Spaniens, von der Lust am Kurzausflug an freien Tagen, und warum man von Spaniern nicht nach Hause eingeladen wird. Die wundervollen Paradors werden erwähnt, die staatlichen Hotels, die zum großen Teil aus jahrhundertealten historischen Gebäuden bestehen. Die Bankenkrise, Immobilienspekulation, Immobilienblase, Zwangsräumungen und der Zusammenbruch werden erwähnt. Der Autor bericht in diesem Zusammenhang, dass Spanier:innen es für wichtig erachten, eine Immobilie zu besitzen – wobei er vergessen hat zu erwähnen, dass dies staatlich gewollt ist, steuerlich in der Anschaffung belohnt wird. Denn (auch das wird nicht erwähnt) die Renten sind ziemlich niedrig. Kinder sind heilig und haben Narrenfreiheit – Mütter, eine «ungewöhnliche Mischung aus allgemeiner Fürsorge und partikularer Gleichgültigkeit». Nun ja, da kann man anderer Meinung sein – auch das hat sich geändert. Es wird von gigantischen Hochzeiten geredet – auch das war einmal. Heute sind die Gesellschaften erheblich kleiner und die kirchliche Hochzeit ist nicht mehr bei jedem beliebt. Am Sonntag zieht man sich schick an, wenn man zum Essen geht – das war einmal. In Bars und Restaurants schmeißt man Servietten usw. auf den Boden - vielleicht noch in irgendeinem abgelegenen Dorf. Das habe ich vor 30 Jahren kaum erlebt und heute ist es die pure Ausnahme. Kippen kann man sowieso nicht mehr auf den Boden werfen, das Rauchen ist selbst in den Außenbereichen verboten. Der Autor sagt, Juan Carlos I sei «auf wundersame Weise der König aller Spanier». Das ist ebenfalls längst Geschichte, hat sich a.G. diverser Escapaden eher zum Gegenteil gewandelt. Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass es früher für die Presse sogar gesetzlich verboten war, etwas Negatives über die Königsfamilie zu schreiben. Auch das ist Geschichte.


Thematische Essays

Und das chaotische Autofahren, das hier erwähnt wird, mag für Madrid gelten. In all den Jahren haben die Wagen angehalten, sowie ich den Fuß auf den Zebrastreifen stellte und bei rot habe ich niemanden fahren sehen – außer zum Rechtsabbiegen (an manchen ist es erlaubt). In zweiter oder dritter Reihe parken kann teuer werden, und der Abschleppdienst, die Grúa ist ständig unterwegs, ebenso die Parkkontrolleure. Auch das hält sich heute in Grenzen. Es gibt erhebliche Geschwindigkeitsbegrenzungen, innerstädtische oft nur 30 km/h. Seitdem schleichen alle in der Stadt durch die Straßen. Viele Städteplaner sind in aberwitzigen Aktionen dabei, die Autos aus der Stadt zu verbannen. Am besten, man steigt gleich auf das Fahrrad um. An vielen Stellen ist die mehrfach überarbeitete Version dieses Buchs von 2004 in der Überarbeitung von 2021 leider immer noch in Teilen veraltet. Insgesamt aber hat mir das Buch sehr gut gefallen, das sich aus thematischen Essays zusammensetzt. Wer eine Anregung zu Ausflügen sucht, wird hier kleine Herzenspunkte finden, aber insgesamt ist dies nicht das Ziel dieses Sachbuchs. Es blickt hinein in die Herzen der Menschen, gibt einen geschichtlichen Einblick, einen in die verschiedenartigen Kulturen des Landes, in soziokulturelle Strukturen. Wer mehr als Sehenswürdigkeiten sucht, der ist mit diesem Band gut bedient. Empfehlung!


Paul Ingendaay, geboren 1961 in Köln, lebte als Schriftsteller und Journalist lange in Madrid. 1997 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, 2006 wurde er für sein Debüt «Warum du mich verlassen hast» mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Nach dem Roman «Die romantischen Jahre» und dem Erzählungsband «Die Nacht von Madrid» erschienen von Paul Ingendaay zuletzt die «Gebrauchsanweisung für Andalusien» und der Roman «Königspark».



Paul Ingendaay
Gebrauchsanweisung für Spanien
Sachbuch, Reiseliteratur, Spanien
Flexcover mit Klappen, 224 Seiten
Pieper Verlag, 2021




Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
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