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Die Sonnenwächterin – Eine Frühlingsgeschichte von Maja Lunde und Lisa Aisato - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Sonnenwächterin – Eine Frühlingsgeschichte 


von Maja Lunde und Lisa Aisato


Der Anfang: 


Wenn ich die Augen schloss, konnte ich auf den Wangen und der Nase noch die Sonne spüren, die prickelnde Wärme, die sich in mir ausbreitete und mit nichts zu vergleichen war, die mein Herz erweichte und meine Gedanken beruhigte. In gewisser Weise hatte ich also eine Vorstellung von der Sonne, obwohl sie vor langer Zeit verschwunden war, damals war ich gerade ein Jahr alt gewesen.

In meiner Welt gab es keine Sonne. In meiner Welt fiel der Regen schwer auf Äcker und Wald, die Tropfen hüpften auf den Dächern und klatschten tausendfach in Pfützen.


Maja Lunde ist mit ihren Umwelt-Romanen (die Geschichte der Bienen / des Wasser ...) bekannt geworden. Im Prinzip folgt sie mit diesem Märchen die Linie. Das Mädchen Lilja kann sich nicht an die Sonne erinnern, auch nicht an ihre Eltern, die lange verstorben sind. Sie lebt mit ihrem Großvater in einer Welt, in der es unaufhörlich regnet und in der es düster ist. Der Opa zieht Gemüse in seinem Gewächshaus, versorgt das Dorf, denn nirgendwo sonst wächst etwas. Doch dieses Treibhaus darf außer ihm niemand betreten. Eines Tages schleicht Lilja hinein. Hier wächst überhaupt nichts! Woher kommt das Obst und Gemüse? Hinter dem Haus entdeckt sie einen geheimen Pfad, der in den Wald führt. Es ist verboten, in den Wald zu hineinzugehen. Doch die Neugier überwiegt. 



Großvater sprach oft langsam. Er war nach der Arbeit ständig müde und kaputt, das war bestimmt der Grund. Oder er war traurig, unendlich traurig darüber, dass wir alles verloren hatten. ...

‹In deinem allerersten Lebensjahr war die Sonne da›, sagte er.

‹Ich kann mich an sie erinnern›, sagte ich. ‹Ich glaube, ich kann mich an sie erinnern.›

‹Aber du warst doch noch so klein?›

‹Sie kribbelt auf der Nase, stimmt’s?›

‹Das kann man tatsächlich ein Kribbeln nennen›, sagte er.


Im Wald ist es unheimlich und dunkel. Plötzlich hat sich Lilja verlaufen. Mutig sucht sie nach dem Pfad. Plötzlich schimmert ein Licht aus einer Felsspalte. Hier entdeckt sie eine völlig andere Welt, eingeschlossen zwischen Bergen liegt dort ein Tal: Blumen, Obst und Gemüse in Fülle – und dann erblickt sie einen einsamen Jungen. Es ist völlig rätselhaft. Weshalb blüht und gedeiht hier alles? Holt der Großvater von hier die Lebensmittel? Und warum weiß niemand etwas von diesem Ort? Was ist in der Vergangenheit passiert, warum scheint in ihrem Land plötzlich die Sonne nicht mehr? Lilja ahnt nicht, das die Ereignisse eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden ist.



Dies Kinder- und Jugendbuch ist auf jeden Fall auch etwas für märchenverliebte Erwachsene. Denn Lisa Aisatos ausdrucksstarke, großflächige Illustrationen sind fantastisch! Das Format des Buchs großformatig und quadratisch, so kommen die Grafiken voll zur Geltung. Der Anfang der Geschichte liegt im düsteren Land, regnerisch, melanchonisch-depressiv; Angst, Hoffnungslosigkeit, Hunger und Krankheit beherrschen die Welt. Und als Lilja das Tal betritt, tritt nicht nur Farbe in das Buch, sondern auch Freude und Glückseligkeit auf die Gesichter der Menschen. Licht durchflutet die Seiten, man spürt förmlich die Sonnenstrahlen. Aber die Gefahr ist noch lange nicht gebannt ... Die Illustrationen sind hochkarätig, Mensch werden, besonders, wenn es in den Portraitbereich geht, fast fotorealistisch dargestellt. Und hier liegt die Stärke von Lisa Aisato  Sie geht stark in die Emotionen ihrer Charaktere hinein, bringt sie aufs Papier. Text und Bild passen sich optimal als Einheit zusammen. Wobei, ganz ehrlich, ich mich total in diese Illustrationen verliebt habe. Was passiert, wenn der Mensch versucht, die Natur zu beherrschen; Klimawandel, das Leitmotiv dieser Geschichte. Lassen wir den Frühling aufleben, er steht vor der Tür und öffnet sich mit diesem Buch, das in der optischen Gestaltung ein Kunstwerk ist. Eine Altersempfehlung gibt der btb Verlag nicht. Es ist auch ein Allagebuch. Ein Märchen für Kinder ab 10, eher 12 Jahren.

.

Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie mit ihrer Familie auch lebt. Sie war bereits eine bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin, als ihr erster Erwachsenenroman, »Die Geschichte der Bienen«, international für Furore sorgte. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war der meistverkaufte Roman 2017. »Die Schneeschwester«, der erste Teil eines grossen Jahreszeitenquartetts für die ganze Familie, zusammen mit der Illustratorin Lisa Aisato, war das meistverkaufte Buch 2018 in Norwegen, wurde vielfach ausgezeichnet und in 29 Länder verkauft..

Lisa Aisato, 1981 geboren, ist eine gefeierte norwegische Illustratorin, Autorin, Künstlerin. Sie wurde nominiert für den Astrid Lindgren Memorial Award, den H.C. Andersen Award, den Brageprisen, den norwegischen Kritikerpreis und den Preis der Buchblogger. 2016 erhielt sie den Sørlandet Literaturpreis. Aisato lebt mit ihrer Familie auf einer südnorwegischen Insel, wo sie eine eigene Galerie betreibt.



Maja Lunde, Lisa Aisato
Die Sonnenwächterin – Eine Frühlingsgeschichte
Originaltiel: Solvokteren, 2020
Aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger
Märchen, Klimawandel, norwegische Literatur, Kinderbuch, Jugendbuch, 
Gebunden, 208 Seiten, 24.9/22.3
btb Verlag, 2021




Die Windmacherin: Eine Sommergeschichte von Maja Lunde und Lisa Aisato

In dem Land, in dem Tobias lebt, sind endlich wieder bessere Zeiten eingekehrt, und alle Kinder sollen zur Erholung die Sommerferien auf dem Land verbringen. Doch statt zu zweit oder zu dritt auf einem idyllischen Bauernhof, landet der 11-jährige Tobias allein auf einer Insel weit draußen im Meer, wo er bei einer menschenscheuen Frau namens Lothe unterkommt. Lothe wollte kein Ferienkind haben, man hat ihr Tobias aufgedrückt – was die mürrische Frau ihn spüren lässt. Ein Geheimnis gilt es zu lüften, Menschen und Handeln zu verstehen; Freundschaft, Kriegstraumata, vom Dunkel ins Licht gehen … Allage, Jugendbuch ab 12 Jahren.

Weiter zur Rezension:   Die Windmacherin: Eine Sommergeschichte von Maja Lunde und Lisa Aisato








Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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