Direkt zum Hauptbereich

Die Ruchlosen von Philippe Djian - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Ruchlosen

 
von Philippe Djian


Der erste Satz: «Aber er wollte, dass sie ihre Hände wegnahm, dass sie aufhörte, ihn anzufassen, dass sie beiseite ging, verschwand, er versuchte, ihr zu sagen, dass sie abhauen, nach Hause gehen sollte, aber sein Mund war voll Blut, und sie weigerte sich, ihn loszulassen.


Es ist ja alles Geschmackssache. Ich mag komprimierte Texte. Doch wenn alles so komprimiert ist, dass der Lesende hochkonzentriert bleiben muss, um zu folgen – und mache Zusammenhänge ein Rätsel sind, dann war das für meinen Geschmack zu viel. Letztendlich hat mir der Roman erst im letzten Drittel Spaß gemacht. Die Charaktere sind fein aufgestellt und die Handlung ist eigentlich gut konstruiert, doch leider gibt es eine Menge Nebenstränge in dem ohnehin dünnen Buch, die nicht aufgelöst werden, Literatur als Essenz in Sätzen und Absätzen. Das muss man mögen.


Drei Päckchen Koks


Die Luft roch gut. Der Sand war noch feucht. Er nahm seine Schuhe in die Hand und spazierte an der Küste entlang. Es war frisch, Es war frisch, die Sonne wärmte noch nicht wirklich, sie glänzte im Tau auf den Binsen, die in Büschel wuchsen, auf ihren Strahlen trug sie die Möwen durch einen schweren, aber fernen, unbeweglichen Himmel, von stillem Licht durchbrochen.


Eine Stadt am Meer. Marc wohnt derzeit bei seiner zwanzig Jahre älteren Schwägerin Diana, die immer noch sehr attraktiv ist. Die Zahnärztin hatte ihren Mann, Patrick, kürzlich bei einem Attentat verloren, bei dem sie selbst schwer verletzt wurde; sie ist fragil, hat bereits mehrere Suizide hinter sich. Sie hat eine Liaison mit Serge, dem Sohn des Bürgermeisters, der regelmäßig seine Frau betrügt. Der spielsüchtige Marc liebt Diana, wacht über sie; und als er beim Morgenspaziergang am Strand drei Päckchen findet, die mit Kokain gefüllt sind, scheint das die Lösung seiner Probleme zu sein. Er glaubt, es wäre die Gelegenheit, seine Spielschulden zu bezahlen. Dianas Bruder, Joël, ist so etwas wie sein väterlicher Freund, sie bauen zusammen Boote – allerdings spricht Diana seit Jahrzehnten nicht mehr mit ihm – soll den Verkauf in die Wege leiten. 


Leerstellen und Ellipsen


Sie saßen zusammen und sprachen über Verrat, Freundschaft, Rache, Verlangen.


Alle Figuren in diesem Roman sind fragil, kämpfen mit ihren Dämonen, manche treiben Erlebnisse in den Wahnsinn. Sex, Alkohol und Drogen betäuben – ebenso Aggressionen – und man ahnt, irgendwann wird diese Story eskalieren. Jeder dieser Ruchlosen überschreitet Grenzen, muss sie überschreiten und letztendlich geht es in diesem Roman darum, wie den Protagonisten das Leben entgleitet, sie an den Rand des Wahns getrieben werden. Das ist psychologisch wunderbar aufgebaut, gibt einen Sinn, ohne Frage. Ich mag Leerstellen. Philippe Djian arbeitet mit Ellipsen. Aber hier gab es mir zu viele. Der Leser wird nie erfahren, unter welchen Umständen Dianas Ehemann Patrick ermordet wurde – war er ein Krimineller? Kartelle, Probleme - wer mit wem, keine Ahnung. Joël soll den Stoff verkaufen – wie tief steckt er drin in solchen Geschäften und welche Beziehungen pflegte er mit Patrick? Man sagt, einer wäre vielleicht ein verdeckter Ermittler. Die Fantasie des Lesers ist gefordert. 


Das Spiel zwischen den Protagonisten


Marc, sag mir nicht, dass da nichts ist. Da ist nicht nichts, nie und nimmer.

Ja, aber das klärt sich. Joël kümmert sich darum.

Ach so, dann ist es ja gut, wenn Joël sich darum kümmert, sind wir gerettet.

Er lachte. Auf dieses Eis wollte er sich nicht begeben. Er schenkte sich Wein nach.


Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen zwischen den Protagonisten: Marc und Diana (ohne Beziehung), Joël und Brigitte, die in Scheidung leben und Serge mit Frau Charlotte und Denise, die nicht verheiratet ist; natürlich die Beziehungen der Männer untereinander. Ein Noir-Roman, französische Literatur, ein Thriller, ein Psychodrama, so würde ich es zusammenfassen. Philippe Djian setzt seine Protagonisten in unübersichtliche Situationen, in denen es um Liebe, Freundschaft, Verrat und Gewalt geht. Der tote Patrick ist hier eine wichtige Figur! Er ist immer präsent in seiner Abwesenheit! Denn genau das Fehlen von Patrick macht die Figuren fragil, lässt sie erschüttern. Die Protagonisten sind weder gut noch böse – sie besitzen zwei Gesichter, Grauzonen, das macht gute Literatur aus. So weit so gut. Trotz all dieser Kunst liest sich das alles für mich zu ungegoren – zu viele Ellipsen, Leerstellen, Zeitsprünge, Szenenwechsel, zu viel Ungesagtes – literarisch zu fragmentiert für mich. Alles Geschmackssache. 


Philippe Djian, geboren 1949 in Paris, ist viel herumgekommen. Er lebte in New York, Florenz, Bordeaux und Lausanne und wohnt heute in Biarritz und Paris. Auf einer Autobahnmautstelle, bei einem seiner Gelegenheitsjobs, tippte Philippe Djian sein erstes Manuskript. Sein dritter Roman, «Betty Blue» wurde zum Kultbuch. «Oh …» erhielt 2012 den Prix Interallié und wurde mit Isabelle Huppert unter dem Titel «Elle» verfilmt.



Philippe Djian
Die Ruchlosen
Originaltitel: Les inéquitables
Aus dem Französischen von Norma Cassau
Noir-Roman, französische Literatur, Thriller, Psychodrama
Kriminalliteratur, Thriller
Gebunden, 202 Seiten
Diogenes Verlag 2021





Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne