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Die Rezepte meines Vaters von Jacky Durand - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Rezepte meines Vaters 


von Jacky Durand


Der Anfang:  Ich nehme den Blick nicht von deinen Händen auf der Krankenhausdecke. Sie sind durchscheinend wie Seidenpapier. Wie Wurzeln, die sich in einem Bachbett verlieren.

 

Als Henri, ein bekannter Koch, im Sterben liegt, sitzt sein Sohn Julien viele Stunden am Sterbebett und erinnert sich an seine Kindheit im «Le Relais Fleuri», ein Bistro im Osten Frankreichs. Vater und Sohn waren sehr miteinander verbunden. Der kleine Henri schaut zu, wie der Vater und sein Freund Lucien, ein Kamerad aus dem Algerienkrieg, in der Küche die Gerichte vor- und zubereiten. Auch zu seiner Mutter hat er ein gutes Verhältnis. Seine Eltern scheinen sich zu lieben, aber andererseits führen sie ein paralleles Leben, denn wenn die Mutter von der Arbeit nach Hause kommt, steht Papa in der Küche bis spätabends. Die Mutter darf die Küche nicht betreten. Mutter und Sohn essen in der Gaststube, oder der Vater stellt ihr das Essen auf die Treppe, denn in der kleinen Wohnung über dem Restaurant gibt es keine Küche. Nur sonntags haben alle frei. Die Mutter schläft aus, während der Vater für Julien Brioches backt und der Mutter einen Teller voll Austern fertigmacht. 


Kein Mensch konnte die resignierte Wut in deiner Stimme nachvollziehen bei dem Satz: ‹Von irgendwo muss man ja leben.› Nicht einmal meine Mutter. Eine Französischlehrerin, die ihre Dissertation über Crébillon den Jüngeren wieder aufgenommen hatte. Ein Rezeptbuch also? Warum nicht einen Michelin-Stern? Schlimmer noch, Mama hatte dir erklärt, dass sie sich die Rezepte von dir diktieren lassen wollte.


Henri ist ein störrischer Mann, manchmal sehr ruppig, hat seine eigenen Regeln, Rezepte hat man im Kopf, die hohle Hand ist die Waage. Doch einmal lässt er sich ein, seiner Frau Rezepte zu diktieren, die für ihn ein Kochbuch schreiben will. Das geht nur kurze Zeit lang. Henri will das Notizbuch sogar vernichten. Schweinskopfsülze, Schweinefüße in Vinaigrette, überbackene Kalbsnieren, Kaldaunensalat, Königinpasteten, Kartoffelgratin der Franche-Comté, Schinken im Heumantel, pochierte Eiern mit Pfifferlingen, Potaufeu, Zitronentarte, oder Clafoutis mit Kirschen, Julien saugt alles auf. Doch eines Tages geht die Mutter. Nur warum und wohin? Er versteht es nicht. Henri bestimmt: Koch ist nichts für dich, Julien, du wirst studieren! Doch das Herz des Jungen bleibt in der Küche hängen, auch wenn er sich fügt. 


Ohne dich hätte meine Kochkunst keine Richtung, keinen Geschmack. Ohne Worte hast Du mir Dinge beigebracht. Jetzt kannst Du gehen, Papa. Wir hatten ein gutes Leben zusammen.


Mit Wehmut und Traurigkeit blickt Julien zurück. Es ist eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung, es ist eine innige Beziehung; es ist nicht einfach für den Jungen, mit dem groben Vater umzugehen. Das Thema Mutter ist tabu. Erst als der Vater erkrankt, kommt Julien einem Familiengeheimnis auf die Spur. Der Bestseller aus Frankreich berührt, trotz aller Melancholie spürt man die Liebe von Julien zu Henri – und die zum Kochen. Familiengeschichte in der Küche, denn dort hielten sie sich den ganzen Tag auf: Traditionelle Rezepte, der Topf, in dem ständig das Wasser simmerte, der Kohleofen, fein beobachtend zieht Jacky Durand den Leser in diese Welt hinein, lässt in Töpfe und Seelen blicken. Typisch französische Literatur, die mit so wenig auskommt, um große Dramaturgie zu schaffen. Am Ende gibt es obendrauf ein paar Rezepte. Ein Familienroman, aber auch ein Entwicklungsroman, mit erzählerischer Kraft, eine literarisch-kulinarische Köstlichkeit!


Jacky Durand 
Die Rezepte meines Vaters
Originaltitel: Le cahier de recettes, 2019
Aus dem Französischen übersetzt von Ina Kronenberger
Gegenwartsliteratur, Kulinarisches, Familiengeschichte, Vater-Sohn-Beziehung, Entwicklungsroman
208 Seiten
Kindler Verlag, 2020


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

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