Direkt zum Hauptbereich

Die Rache der Väter von S.A. Cosby - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Die Rache der Väter 


von S.A. Cosby


Der erste Satz: 

Ike versuchte sich an eine Zeit zu erinnern, als Männer mit Dienstmarken, die frühmorgens vor seiner Tür auftauchten, etwas anderes brachten als Kummer und Leid, doch sosehr er sich auch bemühte, es fiel ihm nichts ein.


Die Geschichte spielt in Virginia. Eines Tages klingelt bei Ike Randolph, einem schwarzen Ex-Sträfling, die Polizei - sein Sohn Isiah und dessen weißer Ehemann Derek wurden auf offener Straße erschossen, gezielte Kopfschüsse. Sowohl Ike und auch Dereks Vater Buddy Lee hatten die Homosexualität ihrer Söhne nie akzeptiert und pflegten seit längerem keinen Kontakt mehr zu ihren erfolgreichen Söhnen. Doch der Schmerz und die Frage nach dem Warum bringt die beiden Ex-Knackies zusammen. Als die polizeilichen Ermittlungen stagnieren, begeben sich Ike und Buddy Lee gemeinsam auf die Suche nach den Mördern und sind den Fehlern ihrer Vergangenheit auf der Spur, immer in der Hoffnung, ihren Söhnen wenigstens im Tod Gerechtigkeit widerfahren zu lassen ...


Eine knappe halbe Stunde nach Beginn der Predigt hatte er bemerkt, wie ihre Gesichter langsam hochrot wurden. Das war, als der Geistliche erwähnte, dass es keine unverzeihliche Sünde gab. Dass selbst widerwärtige Sünden von einem gütigen Gott vergeben werden könnten.


Zwei Väter auf der Suche nach der Wahrheit

Der farbige Ike hat lange im Knast gesessen, sich ein neues Leben aufgebaut. Er führt ein gutgehendes Unternehmen als Landschaftsgärtner. Nie wieder Gewalt hat er sich nach der Entlassung aus dem Coldwater State Penitentiary geschworen. Er kennt seine Dämonen, die sich verselbstständigen, wenn er ihnen freien Lauf lässt. Seither hat er nicht mal einen Strafzettel kassiert. Buddy Lee ist ein weißer, Alkoholiker, der in einem Trailerpark lebt, demnächst aus dem gemieteten Wohnwagen hinausfliegt, weil er die Miete nicht bezahlt. Ein ungleiches Paar. Doch auf der Suche nach Absolution versuchen sie, ihre Liebe zu den Söhnen auf ihre Weise auszudrücken, haben ein gemeinsames Ziel: Den zu finden, der ihre Söhne umgelegt hat: Auge um Auge. Derek war Journalist und man munkelt, ein Mädchen wollte ihm eine brisante Story erzählen – die sei nach dem Mord untergetaucht. Parallel zu diesem Strang beauftragt einer, der nicht benannt wird, eine Rockergang, das Mädchen zu finden, auch in der Wohnung der Toten nach Unterlagen zu suchen. Hier treffen sie auf die Väter, die die gleiche Idee hatten. Der Zusammenstoß geht für die Rocker nicht gut aus, dem einen Prepper gehen die Lichter aus. Und weil der verschwunden bleibt, haben die Väter nun den gesamte MC am Hals. 


Zwei beinharte Senioren, die nach Gerechtigkeit suchen 


Wenn man seine erste Leiche zerstückelt, ist das einfach nur widerwärtig. Bei der zweiten ist es schon eher lästig.


Feiner Noir. Ein brutaler Roman, voller Gewalt, Rassismus und Homophobie – voller Hass und toxischer Männlichkeit, Korruption und Verrat. Ein Priester, der sogar noch am Grab der Männer von ihren «widerwärtigen Sünden» predigt. Die hetero-Väter, die in der Schwulen-Szene herumstochern, voller Abscheu gegen diese Typen. Der Kriminalroman ist szenisch geschrieben – man hat die Handlungen direkt im Kopf und darum geht die Story nah. Cosby geht tief in seine Hauptprotagonisten hinein, blättert ihre Schuld, ihre Trauer und ihre Zweifel auf, lässt die beiden ungleichen Männer näherkommen. Die Gangster nehmen die alten Daddys zunächst nicht ernst, ein schwarzer alter Gärtner und ein weißer Alki, der sich schon fast zu Tode gesoffen hat, der aus dem allerletzten Loch pfeift. Zwei beinharte Senioren, die nach Gerechtigkeit suchen, selbst ungerecht dem Leben ihrer Söhne gegenüberstehen. Ein Buddy-Movie, fast als Filmskript geschrieben. Es steckt in den Dialogen auch etwas Humor, meistens dann, wenn es um Vorurteile geht. Z.B. wenn der weiße Lee den schwarzen Ike fragt: «Ich nehme an, du bist kein Country-Fan, oder?» Oder als sie beide das erste Mal eine Schwulenbar betreten, verunsichert, dort auf völlig normale Männer treffen und Buddy Lee feststellt, dass sie sogar Bourbon servieren: « Also denke ich, dass es mir gut gehen wird.»


So scharf wie der Schnitt einer Rasierklinge


«Nein, Hass. Die Leute reden gerne über Rache, als wäre sie eine gerechte Sache, aber es ist nur Hass in einem schöneren Anzug.»


Ein spannender, brutaler, provokanter Kriminalroman, mit rasantem Tempo und herrlichen Charakteren, eine Southern-Noir-Geschichte, der trotzdem oder gerade darum ans Herz geht. Rasierklingentränen, so heißt der Titel im Original, ein spürbarer Schmerz, so scharf wie der Schnitt einer Rasierklinge. Zwei Ex-Knackis auf dem Vergeltungsfeldzug; ihre Söhne zu rächen, ihre Schuld zu sühnen und zu begreifen, dass die Welt anders ist als die in ihren moralischen Vorstellungen. Ein Lesetipp von Ian Ranking und auch von Barack Obama - einer der Favoriten auf seiner jährlichen Summer Reading List. Wer Noir mag, dem empfehle ich diesen Kriminalroman!


S. A. COSBY ist Schriftsteller und leidenschaftlicher Schachspieler und lebt im US-Bundesstaat Virginia. 2019 gewann er den Anthony Award für die beste Kurzgeschichte. Für Blacktop Wasteland erhielt er 2020 den LA Times Book Prize.



S. A. Cosby
Die Rache der Väter
Originaltitel: Razorblade Tears
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jürgen Bürger
Noir, Kriminalliteratur, Krimi, Noirkrimi, amerikanische Literatur, Hardboiled, Whodunnit
Hardcover mit Schutzumschlag, 344 Seiten
ars vivendi, 2022






Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

  Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Stell dir vor, du wächst auf in einer Welt voller Smartphones , Likes und endlosem Scrollen, als wäre das Handy an der Hand festgewachsen. Das Handy ist das Erste, was du morgens, und das Letzte, was du abends anschaust – ganz schön viel für ein Kind, oder? «Generation Glücklich» richtet sich an Kinder zwischen 9 und 12 Jahren, die genau in dieser Welt ihren eigenen Platz finden wollen – ohne sich dabei virtuell selbst zu verlieren. Medienkompetenz , Selbstsicherheit, Selbstständigkeit im Umgang mit Medien – Fallstricke kennenlernen, Mechanismen auf Social Media verstehen an Hand von Comics und Übungen. Zu verstehen, wie Social Media funktioniert und wie sie das Gehirn verändert . Empfehlung!  Weiter zur Rezension:     Generation Glücklich: Dein Handbuch für mehr Spaß und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme von Jonathan Haidt und Catherine Price

Recherche - Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

  Die 12-jährige Bo Delafort ist eine «Schlammschwalbe» – Menschen die an der Themse leben, arbeiten als Schlammsucher, sie graben im Schlamm nach kleinen Schätzen und Angeschwemmtem, was man verwerten kann. Als Bo eine schimmernde Münze im Schlamm des Flusses findet, meint sie, der Fluss würde mit ihr sprechen. «Du wirst nicht verlieren …» raunt er ihr zu. Aber was bedeuten die Worte? Eine insgesamt spannende Fantasy ab 12 Jahren mit Tiefgang. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte

Agatha Christie Classics Der Klassiker schlechthin! Der meistverkaufte Krimi von Agatha Christie als Grafic Novel . Zehn Menschen werden von einer Familie, die sie nicht kennen, aus unterschiedlichen Gründen auf eine kleine abgelegene Insel eingeladen. Entweder sollen sie dort arbeiten oder sich vergnügen. Einige von ihnen lernt der Lesende bereits auf der Anfahrt kennen. Acht Menschen treffen vergnügt im Hafen aufeinander, sechs Männer, zwei Frauen. Auf der Insel empfängt sie ein Dienerpärchen, von dem sie erfahren, der Gastgeber wird erst erst am nächsten Tag eintreffen. Doch gleich zum Begrüßungscocktail wird ihnen offenbart, wozu sie angereist sind: Alle Anwesenden werden sterben! Klasse umgesetzt als Comicadaption, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Und dann gab’s keines mehr von Agatha Christie, Pascal Davoz und Callixte 

Rezension - Simone von Nikolaus Heidelbach

  Wally und ihre Mutter gehen zum Babyschwimmen und lernen Simone kennen. Man findet sich sympathisch, und so wird das Flusspferd als Babysitter engagiert, wird die engste Vertraute von Wally. Bevor das Mädchen in die Schule kommt, keinen Babysitter mehr benötigt, begeben sich die beiden auf eine letzte abenteuerliche Flussreise . Sie erleben Wasserfälle , wilde Picknicks und ein fröhliches Schlammbad mit Simones Familie. Ein liebevoll, atmosphärisches Bilderbuch ab 4 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Simone von Nikolaus Heidelbach

Rezension - Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve

  Woran ich zuerst bei der ersten Geschichte denken musste, war « Vater und Sohn » von Erich Ohser , der Comicstrip-Klassiker   – und richtig, Mutter und Tochter lesen eins dieser Bücher, amüsieren sich köstlich. Kleine witzige Alltagsgeschichten als Comic, Bilder ganz ohne Worte. Das Geld ist knapp und ein Restaurantbesuch ein Fest. Blöd, wenn der arrogante Kellner einen dann beharrlich ignoriert. Mutter und Tochter geben nicht klein bei, sondern lassen sich kurzerhand von einem Boten Pizzen ins Restaurant liefern. Der Abend ist gerettet – und der Kellner ziemlich sauer. Eine alleinerziehende Mutter hat es nicht leicht, weil sie nicht viel Geld hat. Aber dieses Team hat trotzdem viel Spaß, dank Kreativität – und mit ihnen der Lesende. Ich hatte jedenfalls genauso viel Freude wie damals bei den Jungs. Der Comic ist Allage – aber bereits ab 12 Jahren sich ein Vergnügen! Weiter zur Rezension:    Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve