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Die Nickel Boys von Colson Whitehead - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing


Die Nickel Boys 

von Colson Whitehead


Sprecher: Torben Kesslerungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 6 Std. und 56 Min.


Am ersten Tag des Schuljahres bekamen die Schüler der Lincoln High School die gebrauchten Lehrbücher der weißen Schule gegenüber. Die weißen Schüler wussten natürlich, an wen ihre Bücher gingen, und hatten Botschaften an die nächsten Besitzer hineingekritzelt: Krepier, Nigger! Du stinkst. Friss Scheiße.

Der farbige sechzehnjährige Elwood lebt Anfang der 60-er mit seiner Großmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee in Florida und er ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Die Oma erzieht ihn liebevoll, aber hart zu Fleiß und Ordnung und der strebsame Junge schafft es auf die Highschool und später erhält er einen Platz an einem College. Sein Traum scheint in Erfüllung zu gehen. Auf dem Weg ins College lässt er sich als Anhalter von weißen Jugendlichen mitnehmen. Der Wagen gerät in eine Polizeikontrolle, wobei herauskommt, dass Elwood in einem gestohlenen Auto sitzt. –  »Dachte ich mir doch gleich, als es hieß, wir sollten auf einen Plymouth achten«, sagt ein Polizist, »den klaut nur ein Nigger.« – Natürlich kann es nur der Schwarze gewesen sein und so wird Elwood ohne ein juristisch ordentliches Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt.

Nicht jeder überlebt die Folter.

Wenn man hier landet, dann deshalb, weil man nicht weiß, wie man sich anderen Menschen gegenüber anständig benimmt. Aber das ist halb so wild. Dies ist eine Schule, und wir sind Lehrer. Wir bringen euch bei, euch so zu verhalten wie alle anderen. … Ihr seid erst einmal Würmer

Er kommt auf ein hübsches Anwesen mit üppigem Garten, ganz ohne einen Stacheldraht oder Zaun drum herum, Elwood ist erstaunt. Schnell lernt er, was hinter den Türen passiert, was es heißt, ins White House geschleppt und mit Black Beauty gefoltert zu werden. Dort sind die Jungen, die sich selbst Nickel Boys nennen, einem sadistischen System der Körperverletzung und des Missbrauchs ausgesetzt und sie werden als gratis Arbeitskräfte von den Bürgern in der Umgebung ausgenutzt. Jeder Junge beginnt im Nickel als »Wurm«, kann sich zum »Ass« hocharbeiten. Wer protestiert, wird vom Aufsichtspersonal malträtiert und nicht jeder überlebt die Folter. Es herrscht Rassentrennung und besonders hart geht man mit den Farbigen um.


Jeder Junge kannte diesen schlimmen Ort, aber es musste erst eine Studentin der University of Tampa kommen, um den Rest der Welt darauf hinzuweisen, Jahrzehnte nachdem man den ersten Jungen in einen Kartoffelsack verschnürt und in einer Grube versenkt hatte.

Die Geschichte  der Dozier School for Boys

Die Nickel-Academy gab es nicht, aber es gab die »Dozier School for Boys«. Colson Whitehead hat recherchiert, wie diese Schule konzipiert war, einschließlich der grausamen Einzelheiten, und er hat hieraus wieder einen brillanten historischen Stoff vorgelegt. 2014 stießen Archäologiestudenten bei Ausgrabungen auf dem Gelände der vormaligen »Dozier School for Boys« auf mehr als 20 versteckte Gräber und im April 2019 sind weitere 27 mutmaßliche Gräber entdeckt worden. Die Skelette wiesen unter anderem gebrochene Handgelenke, Schädelbrüche und ganze Ladungen von Schrotkugeln im Brustbereich auf. »Sogar als Tote machten die Jungs noch Ärger«, erfahren wir gleich im ersten Satz. Die Geschichte von Elliot und den Jungs wird durch einen auktorialen Erzähler berichtet, abwechselnd mit personaler Sicht. Elliot und sein Freund Turner stehen im Focus. Die Sprache von Whitehead ist relativ sachlich, unaufgeregt, aber trotzdem sitzt jeder Satz wie ein Beilhieb. Er geht nicht ins Detail der Misshandlungen, aber die Andeutungen lösen Kopfkino beim Leser aus. Es geht aber nicht nur um Rassismus, denn den weißen Jungs im Nickel geht es ja nicht viel besser: Nach außen hin vorbildlich, sauber, pädagogisch, die Jungs zu anständigen Menschen erziehend – nach innen hin fällt der Schulunterricht so wie auch das Essen für die Jungen mager aus, dafür müssen sie hart auf den Feldern und für Handwerker arbeiten. Pädagogen und Aufsichtspersonal nennen sich diese Pädophilen, Sadisten, Kriminelle, Mörder, die ihr grausames Spiel mit den Jungen treiben. Heimerziehung, Besserungsanstalten, meist ein widerliches Thema aus den letzten Jahrhunderten. Kinder, die sich nicht wehren können, sind der Willkür von verabscheuenswertem Personal ausgesetzt.

Zitat aus Die Welt« zur »Dozier School for Boys«: »Erahnbar allerdings wurde manches, als die White House Boys, eine Vereinigung ehemaliger Insassen, an die Öffentlichkeit ging und die örtliche ›Tampa Bay Times‹ zu berichten begann. Ein Junge namens Gregory Sampson etwa hatte die Dozier School 1965 nur für wenige Monate besucht: Zurück nach Hause kehrte er einäugig, sprachlos und im Rollstuhl.

Colson Whitehead schreibt über den tief verwurzelten Rassismus in Amerika, breiten Graben durch die Gesellschaft pflügt.  Vor zwei Jahren gewann er mit seinem Roman »Underground Railroad« erhielt den Pulitzer Preis sowie auch den »National Book Award«.



Hier geht es zur Rezension von:  Underground Railroad von Colson Whitehead

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