Direkt zum Hauptbereich

Der langsame Tod der Luciana B. von Guillermo Martínez - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der langsame Tod der Luciana B. 


von Guillermo Martínez


Manchmal, selten, wird man im Leben der fatalen Abzweigung gewahr, die eine winzige Handlung birgt. Dass hinter einer trivialen Entscheidung der eigene Untergang lauern kann.


Was ist die Wahrheit? Die Frage stellt sich ein Schriftsteller in einem realen Fall. Kann es so viele unglückliche Zufälle geben? Oder schraubt jemand an den Lebensuhren dieser Familie? Luciana B. wendet sich an den Ich-Erzähler, bittet um Hilfe. Damals, als er sich die Hand gebrochen hatte, wurde Luciana von ihm als Schreibkraft engagiert, um sein handschriftliches Manuskript auf dem PC in Form zu bringen. Eigentlich arbeitete sie für den berühmten Krimiautoren Kloster, der aber genau in dieser Zeit ihre Dienste nicht benötigte. Kurze Zeit später, berichtet sie, Kloster habe sie  unsittlich berührt. Sie habe gekündigt und ihn wegen sexueller Belästigung angezeigt. Für Kloster habe sich daraus eine persönliche Katastrophe entwickelt, und er sinnt seitdem auf Rache nach der kainschen Formel: Sieben Leben für eins! Er habe Teile ihrer Familie umgebracht, drei leben noch – und die sind in Gefahr. Der Schriftsteller hört sich ihre Geschichte an.


Bin ich vielleicht das nächste Opfer?›, erkundigte er sich mit gespieltem Schrecken. ‹Ich weiß, das einige Autoren ihrer Generation mir lieber früher als später einen Dolchstoß versetzen würden, aber ich habe das immer metaphorisch verstanden, ich hoffe nicht, dass Sie vorhaben, zur Tat überzugehen.›

‹Nein; Sie wären nicht das Opfer, sondern derjenige, der sich hinter diesen Todesfällen verbirgt.»


Unglaublich – das alles ist Zufall; Luciana ist paranoid. Leidet Luciana unter einer Psychose? Na ja, theoretisch könnte die Geschichte auch stimmen. Der Schriftsteller will sich aber auch die Version von Kloster anhören. Viel mehr wird nicht verraten. Eine feine Figurenzeichnung bildet das Konstrukt des Romans, fast ein Kammerspiel. Der Erzähler ist als Person fast unwichtig, er nimmt die Position des Beobachters ein, der probiert alle Argumente und Gegenargument gegeneinander abzuwägen. Ungeahnte Wendungen, Detailgenauigkeit in der Sache, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Wittgensteins Überlegungen zum Regelfolgen, philosophische Überlegungen, Blickwinkelwechsel, Guillermo Martínez  stellt seinem Erzähler und seinen Lesern die Frage: Kann jemand so geschickt morden – der perfekte Mord, aber nicht nur einer? Ein intellektuelles Spiel zwischen den beiden Autoren macht diesen Roman zum Lesevergnügen. Aber auch ein gesetzter Machismo durchzieht das Buch. Beide Schriftsteller bewerten Frauen nach dem Äußeren, bemessen und bewerten Körbchengröße und Hintern, lassen sich von Lucianas Hals erotisch anmachen, und sie meinen beide, dass Luciana ihre sexuellen Übergriffigkeiten selbst provoziert hat, selbst schuld ist. Guillermo Martínez zeigt nicht mit dem Finger drauf. Erst Stück für Stück begreift der Leser, wie ähnlich sich diese beiden Schriftsteller letztendlich sind. Gute Unterhaltung – aber wer Hochspannung sucht, für den ist dieser Kriminalroman eher nicht der richtige Stoff.


Was erzählt denn ein Kriminalroman in erster Linie? Nicht unbedingt die Tatsachen, nicht die aufeinanderfolgenden Leichen, sondern die Vermutungen, die möglichen Erklärungen, das, was dahintersteckt.


Guillermo Martínez, geboren 1962, lebt in Buenos Aires und ist promovierter Mathematiker. Zwei Jahre seiner Doktorandenzeit verbrachte er an der Universität Oxford. Für seinen Krimi «Die Oxford-Morde» erhielt er 2003 den Premio Planeta; der Roman wurde in über 40 Sprachen übersetzt und 2008 fürs Kino verfilmt. Der Nachfolgeband «Der Fall Alice im Wunderland» wurde mit dem Premio Nadal 2019 ausgezeichnet.




Guillermo Martínez 
Der langsame Tod der Luciana B.
Originaltitel: La muerte lenta de Luciana B.; 2007
Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Angelica Ammar
Kriminalliteratur, Kriminalroman, argentinische Literatur
Klappenbroschur, 221 Seiten
Eichborn Verlag, 2021





Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi

Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai , die das Glück im Kleinen sucht und findet. Bilderbuch ab 5 Jahren, Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Die kleine Spitzmaus von Akiko Miyakoshi 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

  Wie man die Angst loswird, indem man sie annimmt - ein zartes Bilderbuch, das zum gemeinsamen Gespräch über Angst als Teil des Lebens einlädt. Der Vater erklärt, dass wir alle manchmal Angst haben. Zum Beispiel vor dem, was wir nicht kennen, oder vor dem Alleinsein, vor der Dunkelheit, in Höhen …Angst umgiebt uns, wir müssen nur lernen, damit umzugehen. Klasse Bilderbuch ab 4 Jahren, das zu Gesprächen anregt.  Weiter zur Rezension:   Was uns Angst macht: Bilderbuch von Fran Pintadera und Ana Sender

Rezension - Asa von Zoran Drvenkar

  Gesprochen von Uve Teschner Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 18 Std. und 18 Min. Entweder du bist der Jäger, oder du bist die Beute! Du hast es in der Hand. Sechs Jahre hat Asa im Gefängnis gesessen, sechs Jahre konnten sie nachts ruhiger schlafen. Sechs Jahre mussten sie nicht nervös über ihre Schultern blicken. Aber jetzt ist sie frei und sie wird Rache nehmen. Asa will die Tradition der Dörfer zerstören, die das Leben einer Gemeinschaft seit hundert Jahren beherrscht und zum Tod unzähliger Unschuldiger geführt hat. Eine Tradition, die aus Menschen Monster macht. Bei ihrem Kampf findet Asa loyale Verbündete, erfährt niederträchtigen Verrat, trifft auf mächtige Gegner und stellt sich schließlich ihrem größten Feind - ihrer eigenen Familie. Klasse Noir-Thriller ! Weiter zur Rezension:    Asa von Zoran Drvenkar

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Das große Spiel von Richard Powers

  Gesprochen von Heike Warmuth, Richard Barenberg Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 14 Std. und 7 Min. Es geht um die Freundschaft von zwei Jungen, die irgendwann im Erwachsenenalter zerbricht. Ein Roman, der fast erschlägt in seiner Komplexität, der fast alle Fragen dieser Zeit anspricht: die Auswirkungen der neuen Technik des Internets , die Rechenleistungen von Computern , das Datensammeln und Verkaufen , die der Klimakrise und die der Künstlicher Intelligenz , die auch Hoffnung sein könnte, sowie Artensterben , Verschmutzung der Meere und der Umwelt, Kapitalismus . Grandios und wortgewaltig erzählt, philosophisch hinterfragt! Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Das große Spiel von Richard Powers