Direkt zum Hauptbereich

Der kleine Fuchs von Edward van de Vendel und Marije Tolman - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der kleine Fuchs 


von Edward van de Vendel und Marije Tolman


Ein Bilderbuch, an dem man nicht vorbeigehen sollte – denn inhaltlich wie künstlerisch konnte es mich begeistern. Der kleine Fuchs ist neugierig, wie alle Kinder, denn in der Welt gibt es spannende Dinge zu entdecken. Zu Beginn gibt das Buch den Grafiken den Raum. Der Leser entdeckt mit dem Fuchs seinen Lebensraum: Die Wiese mit Rebhühnern und Reihern – Strand, Meer, Möwen – am Binnengewässer probiert er den Reihertanz – Wald mit seinen Waldtieren – Dünen – und nun verfolgt er einen Schmetterling, achtet nicht auf den Weg … stürzt einen Abhang hinunter, und er fällt in einen tiefen Traum.

Der kleine Fuchs rennt zwei Schmetter-lingen hinterher, denn die sind lila.




 Er träumt von der Zeit, als er gerade geboren wurde – hier setzt der Text ein – als er noch «klein war wie ein Äpfelchen», Wärme, Gerüche, Eltern, die Geschwister, mit ihnen herumtollen und die erste feste Nahrung aufnehmen: Mäuse. Es folge die ersten Erkundungen außerhalb des Baus, verschiedene Tiere und Pflanzen – und der kleine Fuchs beobachtet Menschen. Nun gibt es wieder viel Raum für die Grafiken. Der Vater gibt ihm einen weisen Ratschlag:

In dem Traum sagt Papa, der kleine Fuchs solle nicht so neugierig sein.
Papa sagt: Neugier ist Todesgier.
Das versteht der kleine Fuchs nicht ganz.
Papa und Mama wissen alles.
Sie zeigen ihm, wie die Welt geht.




Das ist der Midpoint, an dem das Buch eine Wendung nimmt. Der Fuchs ist größer, geht weiter hinaus in die Welt. Die jungen Füchse lernen zu jagen, sie finden eine Tüte Müll im Wald. Der kleine Fuchs frisst mit dem Bruder etwas leckeres Süßes, und sie entdecken einen Ball. Menschen sind gefährlich, sagen die Eltern. Da kommt ein Menschlein mit einer kleinen Kiste vor dem Auge, macht «klick». Und plötzlich findet der kleine Fuchs einen Glaspott. Mal sehen, was da drin ist – und schon bekommt er den Kopf nicht mehr heraus. Neugier ist Todesgier. Es wird alles gut … die Welt ist interessant und schön – doch nicht alles – man muss aufpassen.





Die Illustratorin von Marije Tolman ist klasse! Sie arbeitet mit Mehrfachtechnik. Fotografien, Stift- und Kreidezeichnungen bilden den Hintergrund, darauf wird mit Deckfarbe und Stift gezeichnet. Mit neonoranger Leuchtfarbe ist der kleine Fuchs deutlich in Szene gesetzt. Der Wechsel der Technik erfolgt situationsbedingt. Das ist große Kunst! Ein tiefer Traum in der Bewusstlosigkeit – mit dem Vorbeiziehen des Lebens erinnert das fast an eine Nahtoderfahrung, denn Neugier ist Todesgier, wird mehrfach erwähnt. Edward van de Vendels warnt nicht vor der Entdeckerlust – ganz und gar nicht – er warnt nur vor eventuellen Gefahren, und er zeigt, wie gut es ist, einen Freund an der Seite zu haben, der einem immer wieder aus der Patsche hilft. Und der Freund ist diesem Fall ein kleiner Junge, ein Mensch. Die Menschen sind ziemlich gefährlich, warnen die Eltern. Eine gewisse Neugier gegenüber anderen kann zu wundervollen Freundschaften führen. Wie sähe das Leben aus, wenn wir alles unterlassen hätten, wovor unsere Eltern uns gewarnt haben … Die Altersempfehlung vom Gerstenberg Verlag, ab 4 Jahren, ist für mich stimmig.



Edward van de Vendel, geb. 1964, schreibt Gedichte, Lieder, Comics, Romane und Sachbücher für Kinder und Erwachsene. 2016 erhielt der vielseitige und vielfach preisgekrönte Autor den Deutschen Jugendliteraturpreis. Für Der kleine Fuchs wurde er mit dem Silbernen Griffel ausgezeichnet.

Marije Tolman, geb. 1976, studierte Grafik und Illustration an der Königlichen Akademie in Den Haag und am Edinburgh College of Art in Schottland. Sie wurde u.a. mit dem Bologna Ragazzi Award sowie dem Bilderbuchpreis Troisdorf ausgezeichnet. Für Der kleine Fuchs erhielt sie den Silbernen Pinsel .


Edward van de Vendel und Marije Tolman 
Der kleine Fuchs
Originaltitel: Fosje, 2018
Übersetzt aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Bilderbuch
Fester Einband, 88 Seiten, 18 x 24 cm
Gerstenberg Verlag, 2020
Altersempfehlung: ab 4 Jahren



Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Young Agents: Operation «Boss» von Andreas Schlüter

Offiziell gibt es sie gar nicht. Jeder Insider würde ihre Existenz leugnen. Und doch leben sie unter uns: Die Young Agents, europäische, jugendliche Geheimagenten, ausgebildet an einer EU-Agentenschule, fast unsichtbar, denn wer achtet schon auf Kinder? Sie sind im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, leben bei ihren Familien und gehen ganz normal zur Schule. Der zwölfjährige Billy, ein Agent aus Deutschland, ist der Icherzähler dieser Geschichte. Gleich am Anfang erklärt er, man soll sich das nicht so vorstellen wie bei 007, James Bond, denn wir befinden uns ja in der Realität. Aber genau das ist es letztendlich! Ein Plotaufbau nach James Bond, eine Heldenreise in drei Akten, beginnend mit einem nervenzerreißenden Intro, in dem der Agent hoher Gefahr ausgesetzt wird – sehr spannend geschrieben  – und mit Action pur geht es weiter, Seite für Seite. Ein Pagemaker zum Entspannen für Jugendliche ab 11 Jahren. Mir fehlte ein wenig Ruhe und Atmosphäre. Wer auf American-Hero-Storys steht...

Rezension - Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund

  Er hat das Haar eines Raben und die Augen eines Uhus: Munk. Und in seinen Träumen sieht er die Toten. Munk lebt mit seiner Schwester Enna auf der kleinen Insel Nyt. Eines Tages holen ihn die Schergen des tyrannischen Greifen von Amser ab, bringen ihn auf die Burg, wo er als Falkner arbeiten muss. Die Greifenkriegerin Magwit ist sehr interessiert an dem Jungen. Munk besitzt besondere Fähigkeiten, er ist einer der wenigen, die die Vogel- und Menschenwelt vereinigt. Während seine Schwester sich trotz Warnung von Magwit auf die Suche nach ihm macht, entdeckt Munk tief im Burgberg ein grauenvolles Geheimnis ... Weiter zur Rezension:    Die Kathedrale der Vögel von Wieland Freund

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Wunderwelt der Insekten von Ross Piper und Carim Nahaboo

70 besondere Arten, brillant illustriert Nach einer kurzen Einführung zu Insekten im Allgemeinen und der Liebe des Autors zu den Tieren, geht es gleich los. Das Buch ist in vier Kapitel geteilt: Farbenfroh – Großartig – Mustergültig – Formvollendet. Dieses Buch stellt 70 der schillerndsten, außergewöhnlichsten und manchmal auch beunruhigendsten Insekten der Welt vor. In diesem reich bebilderten Sachbuch werden die bemerkenswerten Anpassungen der Insekten vorgestellt, ihre verborgenen Welten und wie sie auf überraschende Weise das menschliche Leben beeinflussen. Klasse Illustrationen und ein sehr interessantes Sachbuch. Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Wunderwelt der Insekten von Ross Piper und Carim Nahaboo  

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler

  Mischa und Nits sind beste Freunde. Mischa liebt die Poems von Nits. Und der bewundert Mischa, weil er schlau ist und ein wandelndes Lexikon über Tiere zu sein scheint. Lügen geht gar nicht, so Nits Überzeugung. Darum fragt er sich, warum Mischa dem Lehrer weismachen will, er hätte eine Chlorallergie, als der Schwimmunterricht beginnt – Nits erzählt er, die Badehose sei von Mäusen angefressen worden. Überhaupt scheint Mischa in Schwierigkeiten zu stecken – doch wohl eher sein Vater ... Nits betritt in dieser Familie plötzlich eine völlig andere Welt – die der Armut. Aber das ist ein Unterthema – Mischas Vater ist untergetaucht; Mischa und Nits werden ihn nicht im Stich lassen – aber das könnte gefährlich werden ... Spannung, Humor und ein wenig Tragik machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Meine Empfehlung ab 11 Jahren für diesen exzellenten Kinderroman.  Weiter zur Rezension:    Feuerwanzen lügen nicht von Stefanie Höfler 

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl