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Der Horror der Frühen Medizin von Lindsey Fitzharris - Rezension

Rezension



von Sabine Ibing




Der Horror der Frühen Medizin

Joseph Listers Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber & Knochenklempner 


von Lindsey Fitzharris


Der erste Satz: Hunderte von Männern strömten am 21. Dezember 1846 in den Operationssaal des University Collage Hospital, wo sich der berühmteste Chirurg Londons anschickte, sein Publikum mit einer Oberschenkelamputation zu fesseln.

Eigentlich ist dies Buch ein Sachbuch, eins über den Mediziner Joseph Lister, aber es liest sich wie ein spannender Roman. Und Man darf nicht zimperlich sein, die gute alte Zeit wird in ihren ganzen Facetten dargestellt. Das Wohnen im schicken London war nicht so attraktiv wie heute, wer es sich leisten konnte, zog aufs Land. Die hygienischen Zustände sind für uns kaum vorstellbar. Zu dieser Zeit wusch sich auch kein Arzt die Hände, blut- und eiterverkrustete Schürzen zeigten von OP-Ruhm, das OP-Besteck, Säge und Messer, trug man am in der Hosentasche. Ach ja, zu dieser Zeit waren die Chirurgen gerade mal in der Garde der Mediziner aufgenommen worden. Vorher waren sie schlicht Chirurgen, Zahnklempner, oft konnten sie weder lesen noch schreiben. Gerichtssäle, Operationssäle und Hinrichtungen waren öffentlich, hier versammelte sich das neugierige Volk, endlich war mal was los am Ort. Es gab ja weder Netflix noch Youtube.

Die Clement’s Lane im Londoner Zentrum grenzte direkt an einen Friedhof, aus dessen Gräbern Faulschlamm sickerte. Der Verwesungsgeruch war so penetrant, dass die Anwohner das ganze Jahr über die Fenster geschlossen hielten.

OP auf dem Küchentisch ohne Narkotikum

Joseph Lister fing 1844 an zu studieren, war aber schon als Kind fasziniert vom Mikroskopieren, hatte sozusagen schon hier sein späteres Interesse an der Erforschung von Bakterien festgelegt. Das Mikroskop wurde sein ständiger Begleiter, eine Form der Wissenschaft, die lange von Medizinern abgelehnt wurde. Zu dieser Zeit operierten Chirurgen gern auf dem Küchentisch der gutbetuchten Patienten, da die Sterblichkeit in Krankenhäusern extrem hoch war. Narkosemittel waren noch nicht erforscht, maximal wurden den Patienten Alkoholika verabreicht. Die Operation überstanden die meisten Patienten, die Chirurgen waren sehr fingerfertige Männer, die in Sekunden ein Bein amputieren konnten. Allerdings starben die meisten Operierten nach dem Eingriff an einer Sepsis. Wer ins Krankenhaus wollte, musste das Geld für die OP und die Beerdigung im Voraus hinterlegen.

Listers Neugier war entfacht. Warum heilten die meisten Geschwüre ab, wenn man eine Wundtoilette durchführte und sie mit einer ätzenden Lösung reinigte?

Chloroform und Phenol revolutionierte die Chirurgie

Lister fand heraus, dass Wunden heilten, wenn man sie nach der Operation abdeckte und die Wunde immer wieder behandelte, den Arbeitsbereich sauber hielt. Er benutzte Phenol, das damals als Karbolsäure bekannt war. Er kämpfte allerdings gegen die Arroganz seiner Professoren und Kollegen, die seine Untersuchungen und Erfolge für lächerlich hielten. Während des Bürgerkriegs in Amerika wurde das Chloroform erfunden. (1831 unabhängig voneinander von dem US-Amerikaner Samuel Guthrie, dem Deutschen Justus Liebig und dem Franzosen Eugène Soubeiran) Viele hielten den Stoff erst für Teufelszeug, doch nach und nach zog das Narkosemittel auch in Europa ein. Lister war inspiriert von den Untersuchungen von Louis Pasteur über Keime als Ursache von Fermentations- und Fäulnisprozessen und forschte in diese Richtung weiter. Er führte eine neue Methode ein, bei der der Operationsbereich und die Hände von Ärzten und Assistenten mit Karbolsäure abgewaschen wurden, ebenso führte er die Desinfektion von Instrumenten und Verbänden ein, wie die nachhaltige Wundpflege, später führte er Gummihandschuhe in den OP ein.

Die Widerstände gegen Lister waren groß, aber es gab auch Mediziner, die den revolutionären Ansatz seiner Arbeit erkannten. Beifall für sein antiseptisches System kam zunächst vor allem vom Kontinent.  ...  Der deutsche Chirurg Richard von Volkmann wurde zum glühenden Anhänger Listers, nachdem er die antiseptische Behandlung in Halle eingeführt hatte und die Sterberate kurz darauf massiv gesunken war.

Lindsey Fitzharris schreibt in lässigem Ton, teils süffisant und mit einer Spur von Voyeurismus zu lesen. Fasziniert und leicht angeekelt liest man über die Wohn- und Lebensverhältnisse der Menschen vor fast zweihundert Jahren. Man schüttelt den Kopf vor Erstaunen, mit welcher Vehemenz man Listers Methoden seitens der Ärzteschaft ablehnte, wie wenig Interesse es an Ursachenforschung gab.






Chirurgisches Besteck aus der Maurenzeit
(Größenverhältnis: max. Zigarettenlänge)
 Museum Cordoba 
Und wenn wir noch einen Schritt weiter zurückgehen, dann fragt man sich, welchen Einfluss die katholische Kirche auf das Teufelszeug der Medizin hatte. Die jüdischen und muslimischen Ärzte im 11. Jahrhundert benutzten bereits Betäubungsmittel aus Opiaten, kannten sich mit antiseptischen Methoden aus, operierten bereits am Gehirn und besaßen feines kunstvolles OP-Besteck,  und kannten sich mit vielen Krankheiten  gut aus. Sämtliche Bücher in arabischer Schrift und Bücher von Juden wurden in der Zeit der Reconquista von den Christen als Teufelswerk verbrannt, die Ärzte verließen das Land oder wurden umgebracht. Man kann noch heute in Museen Arztbestecke und Bücher bewundern die aus dieser Zeit gerettet werden konnten. Viel Wissen ging verloren. So mussten wir ein paar Jahrhunderte warten, bis wieder alles neu erfunden wurde ...

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