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Der Freund von Tiffany Tavernier - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Der Freund 


von Tiffany Tavernier


Und nun sitzt Elisabeth wie gebrochen im Wohnzimmer. Elisabeth, die beim kleinsten Wehwehchen von Chantal angelaufen kam und dir jedes Mal, wenn sie Nachtisch gemacht hatte, etwas rüberbrachte, dir, Guy, weil du ihren Nachtisch so gern mochtest und weil ihr bei deinen Komplimenten das Herz aufging. Wichser! Als wäre es nicht schon schlimm genug, kleine Mädchen zu zerstückeln! Nein, du musstest obendrein noch den grössten Trottel, der dir je untergekommen ist, veräppeln. Musstest ihn zum Zeugen machen. Musstest ihn manipulieren und zu deinem Komplizen machen! ‹Kannst du mir deine Säge leihen? Ich bräuchte mal deinen Hammer.› Wofür, Guy? Um sie damit umzubringen? Und ich immer mächtig froh, dir helfen zu können! Währenddessen hast du eine nach der anderen vergewaltigt und verscharrt, aber wo? Wo, du verdammtes Schwein? Wenn ich daran denke, welche Sorgen ich mir jedes Mal um dich gemacht habe, wenn ich dich nachts im Lieferwagen davonfahren sah, wie ich hoffte, dass es zwischen dir und Chantal wieder besser würde.

Mit dem Haus im Grünen hat sich Thierry einen Traum erfüllt. Zusammen mit Élisabeth genießt er die Ruhe und Abgeschiedenheit des Wohnens nahe einem Wald. Die einzigen Nachbarn weit und breit, gleich nebenan, Guy und Chantal. Eins Tages im Morgengrauen stürmt die Polizei das Gelände. Die GIGN umstellen das Nachbarhaus, Polizei und Krankenwagen fahren auf den Hof. Der Polizist bittet Thierry und Elisabeth, sich auf den Boden zu legen, sich nicht zu rühren. Die Nachbarn und gute Freunde, werden in Handschellen abgeführt. Was haben sie getan? Journalisten belagern das Gelände.


Der Nachbar ein Serienmörder 

Tavernier schreibt aus der Ich-Perspektive von Thierry. In den vier Jahren ihrer Nachbarschaft haben sich die Paare angefreundet. Die Männer pflegen gemeinsame Interessen, gehen angeln, züchten Insekten. Die Frauen tauschen Rezepte, immer wieder verbringen sie zusammen gemütliche Abende. Akribisch werden von der Polizei die Gärten und der nahe gelegene Wald durchkämmt. Thierry und Élisabeth erfahren, dass der freundliche Nachbar seit Jahren als Serienmörder gesucht wurde, seine Frau eine Handlangerin. Eine Welt bricht für sie zusammen, ihr gemeinsames Leben zerfällt. Von seiner Frau verlassen, sieht Thierry sich gezwungen, sich seiner eigenen verdrängten Lebensgeschichte zu stellen.


Was macht das aus einem, wenn man hautnah mit einem Mörder befreundet ist?

‹Ich pflanze Bambus an. Dann sieht man nichts mehr›, sagt er. 
‹Bambus! Liebe Güte, ich glaube nicht, dass du es verstanden hast. Selbst wenn ihr Haus abgerissen werden sollte, würde ich jedes Mal wenn ich aus diesem Fenster sehe, daran erinnert werden!›

Élisabeth will nur noch weg von diesem schrecklichen Ort, wo man eine Reihe von Leichen ausgräbt. Die beiden erinnern sich, Kleinigkeiten ergeben winzige Puzzleteile zum Ganzen. Die kleine Hütte im Wald, die Schreie in der einen Nacht … Thierry allerdings trauert dem Freund hinterher, zeigt sich als unzuverlässiger Erzähler. Ein Eigenbrötler, der gar nicht merkt, dass andere Menschen mit ihm nicht klarkommen. Er arbeitet in der Wartung und Reparatur von Maschinen verantwortlich, aber niemand von seinen Arbeitskollegen will mehr im Team mit ihm arbeiten. Und so wird er entlassen. 

Sie machen sich Vorwürfe

Ein psychologischer Kriminalroman, der sich mit den Folgen der «Opfer» befasst, denn letztendlich sind die schockierten Freunde auch Opfer des Massenmörders. Sie machen sich Vorwürfe, weil sie als direkte Nachbarn nichts gemerkt haben. Kann es sein, dass nebenan ein Mann Mädchen entführt, vergewaltigt, direkt vor ihrer Nase verscharrt, ohne dass man etwas mitbekommt. Thierry verleiht seine Schaufel, seinen Hammer, er hilft sogar, ein Grab auszuschachten! Er macht sich Vorwürfe. Elisabeth kann es nicht fassen, ihre beste Freundin hat ihrem Mann Hilfestellung gegeben, junge Frauen derart brutal zu misshandeln. Wieso hat sie ihr das nicht angesehen? 

In der Mitte kippt die Geschichte

Bis zur Mitte konnte ich der Story gut folgen, es war interessant, wie verschieden das Ehepaar mit der Situation umgeht. Elisabeth sachlich, sie will alles hinter sich lassen. Thierry kann es nicht fassen, sucht Entschuldigungen für seinen Freund, den er immer noch so nennt. In der Mitte ist Elisabeth ausgezogen, Thierry arbeitslos und für mich als Lesenden wird es langweilig. Er kann sich nicht von seinem Haus trennen, dass er in jahrelanger Arbeit liebevoll eingerichtet hat. Er fährt aber doch in die Heimat, sucht das Haus des Großvaters auf und tastet sich durch seine Vergangenheit. Hier war ich heraus aus der Story. Tiffany Tavernier versucht zu erklären, warum Thierry so geworden ist, wie er ist. Das gelingt für mich nur mäßig und hat mich aus der Geschichte herauskatapultiert, die so gut begonnen hat.
 

Tiffany Tavernier, geboren 1967 als Tochter der Drehbuchautorin Colo Tavernier und des Regisseurs Bertrand Tavernier, ist eine französische Roman - und Drehbuchautorin.



Tiffany Tavernier
Der Freund 
Original: L’Ami. Sabine Wespieser Editeur, Paris 2021
Aus dem Französischen übersetzt von Anne Thomas
Psychologischer Kriminalroman, Kriminalliteratur, Französische Literatur
Gebunden, 262 Seiten
Lenos Verlag, Basel 2024







Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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