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Das Farbenbuch von Stefan Muntwyler, Juraj Lipscher und Hanspeter Schneider - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Das Farbenbuch 


von Stefan Muntwyler, Juraj Lipscher und Hanspeter Schneider


Als ich dieses Kraftpaket von Buch in den Händen hielt, war ich zunächst einmal platt. Wer dieses Sachbuch hat, benötigt keine Hanteln mehr! Aber Spaß beiseite, wer dieses Buch gelesen hat, hat auch keine Fragen mehr zum Thema Farben. Farben werden aus Pigmenten hergestellt, soweit bekannt. Die beiden Herausgeber sind der Kunstmaler Stefan Muntwyler und der Chemiker Juraj Lipscher, beide lebenslange Farbspezialisten, und dies ist ein Kompendium der Pigmente und Farbstoffe par exellece. Ein Buch, das allesämtliche Aspekte von Farben, ihre chemische Zusammensetzung, ihrem allgemeinen Gebrauch, ihre Wirkung, und ihre Verwendung in der Kunst abhandelt. Ein fantastisches allumfassendes Werk.




Das Kompendium mit über 367 Pigmenten und Farbstoffen umfasst eine erweiterte Palette an Farbmitteln und ist neu nach chemischen Kriterien gegliedert. Der regelmäßige Einbezug von über 30 Gemälden und anderen Kunstwerken (z.B. Fresken) aus allen Epochen der Malerei verknüpft die Welt der Farbmittel direkt mit der Kunstgeschichte. Kenntnisreich und innovativ hat Juraj Lipscher die Auswahl der Werke vorgenommen und die Analyseergebnisse dargestellt. Darum auch der aufwendige 18-Farbdruck, um feinste Unterschiede deutlich zu machen. Welche Farben verwendete Johannes Vermeer im Gemälde «Mädchen mit rotem Hut»? Maler lebten damals gefährlich, so weit so klar. Hier gibt es einige toxische Beispiele, wie das Schweinfurter Grün, das so wundervoll leuchtete, doch sich wegen seines Arsengehalts als hochgiftig entpuppte. Die grüne Tapete in Friedrich Schillers Arbeitszimmers enthielt ebenfalls Arsen. Ob es ihn letztendlich getötet hat, oder zumindest dem Tod nachgeholfen hat, ist allerdings unbekannt. Auch die Geschichte zum Ferrari-Rot aus den 1980er-Jahren ist sehr interessant. Tageslichtfarben – «dass sie mehr sichtbares Licht abgeben» – hier schrille Beispiele, die fast in den Augen brennen. Ebenso interessant das Beispiel von Max Beckmans Selbstporträt mit seiner sanfteren Variante; die Farben enthalten Phosphoreszenz. Die Leuchtkraft lässt mit der Zeit nach, was für die Konservierung eine Herausforderung ist.






Mich bat mal jemand beim Malen um schwarze Farbe. Ich fragte welches Schwarz und sah in ein irritiertes Gesicht. Schwarz ist eben nicht gleich Schwarz. Wer sich mal mit der Herstellung von Tinte in frühen Zeiten befasst hat, weiß was ich meine – teilweise ein recht toxisches Zeug! Wir erfahren hier, dass diese Farbe oft durch getrocknete, verkohlte Kerne hergestellt wurde, wie das Rebschwarz. Verschiedene Kerne, verschiedene Farbgebungen. Das Ägyptische Mumienschwarz – ganz lecker – Rippenknochen eignen sich besonders gut; Asphalt, Bitumen, Sepia, Hirschhorn. Vantablack, das durch die Anordnung von Nanoröhrchen aus reinem Kohlenstoff erzeugt wird. Cochinelle, aus der Schildlaus hergestellt; Indischgelb, Schüttgelb, Saftgrün usw., Farben, die aus Blättern, Beeren und Hölzern hergestellt werden. Karminrot, einst für edle Stoffe, heute für Food, Drinks und Lippenstift. Malerei, Stofffärbung, Industrieelle Herstellung, die Verwendung von Farben ist ein Teil der menschlichen Kultur. 17 Pigmentanalysen von Gemälden und anderen Kunstwerken bereichern das Thema der Kunstgeschichte.​ Ein Buch, das in die Tiefe der Farben geht. 








Ursprünglich wurden Farben fast ausschließlich aus natürlichen Stoffen hergestellt, Mineralien, Pflanzen und tierische Stoffe waren die Basis zur Herstellung von Pigmenten und Farbstoffen. Durch die Entwicklungen in der Chemie ging man seit dem 18. Jahrhundert dazu über, Farben synthetisch herzustellen, sodass heutzutage eine fast unbegrenzte Zahl an Pigmenten und Farbstoffen zur Verfügung stehen. Das Farbbuch stellt eine reichhaltige Auswahl davon vor: Alle Farbmittel, die historisch von Bedeutung waren, sind dargestellt, von der Ur- und Frühgeschichte bis hin zur Gegenwart. Alle bisher bekannten Pigmente und Farbstoffe lassen sich in organische und anorganische Farbmittel unterteilen. Natürliche Mineralpigmente werden seit Jahrtausenden aus Erden, Mineralien und Gesteinen, auch aus Edelsteinen gewonnen. Natürliche Mineral- und Erdfarben werden aus den Rohmaterialien durch Mahlen, Sieben und Schlämmen hergestellt. Durch das Brennen von Erden können weitere Farbnuancen, wie zum Beispiel gebrannter Ocker oder gebrannte Umbra, erzeugt werden. ​Bereits in der Antike (Ägyptisch Blau, Bleiweiss), aber vor allem in neuerer Zeit (etwa ab 1700) werden durch chemische Verfahren aus Mineralien künstliche Pigmente mit vielen verfügbaren Farbnuancen gewonnen. Als Rohstoffe für die Herstellung dieser Pigmente können natürliche Mineralien oder auch andere chemische Stoffe dienen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es, aus Steinkohleteer Phenol und Anilin zu gewinnen und daraus dann die ersten synthetischen organischen Farbstoffe herzustellen. Bis heute hat die chemische Industrie weit über hunderttausend synthetische Farbstoffe für die verschiedensten Anwendungen entwickelt. Das sind nur kleine Ausschnitte aus dem gewaltigen Werk.




Anorganische Farbmittel
1.  Natürliche anorganische Farbmittel
2. Synthetische Mineralfarben

Organische Farbmittel
3. Natürliche Tier- und Pflanzenfarben
4. Synthetische organische Farben

Ein Lexikon für alle Farbinteressierten, Künstler, Lehrer, Designer, Textiler usw. Ein gewaltiges Werk zum Thema Farbe, das keine Fragen mehr offenlassen sollte. Grandios! 



Stefan Muntwyler, Juraj Lipscher, Hanspeter Schneider 
Das Farbenbuch
Hardcover, 496 Seiten, 24 x 33.5 cm; einzigartiges Druckverfahren:18-Farbendruck
693 Farbmuster, 78 textile Färbungen, 17 Pigmentanalysen, 19 Farbgeschichten
Sachbuch, Farben, Farbgewinnung, Kunstgeschichte, Farb-Kompentium, Lexikon
Die Beteiligten: Stefan Muntwyler, Maler, Farbforscher, Juraj Lipscher, Chemiker, Spezialist für Pigmentanalysen, Hanspeter Schneider, Grafiker, Spezialist für Druck, 78 textile Färbungen: Inge Boesken Kanold, Purpurfärbungen, Hannelore Stein, Pflanzenfärberei, Neckeroda, Reinhard Buchholz, TU Dresden, Historische Farbstoffsammlung
alataverlag, 2022




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