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Country Place von Ann Petry - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Country Place 


von Ann Petry


Ich habe Johnny Roane weder selbst aus dem Zug steigen sehen, noch mit eigenen Augen beobachtet, wie es danach weiterging. Aber das Wiesel hat mir Johnnys Rückkehr nach Lennox so detailliert geschildert, dass ich ebensogut persönlich auf dem Bahnsteig stehen und Johnny Gedanken hätte lesen können.


Ein amerikanischer Klassiker von 1947, erstmals ins Deutsche übersetzt – ein spannendes Buch mit Wucht, das lange nachhallt. Lennox, ein kleiner Ort in Connecticut: Johnny Roane kehrt nach vier Jahren Kriegsdienst aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Die Stadt entfacht in ihm Hassliebe. Kleinstadtmief, Getratsch, Enge, aber auch Heimat. Er freut sich auf Glory, seine Ehefrau, die er so sehr vermisst hat. Die hübsche Glory, die entzückende Glory. Aber gleichzeitig will er raus aus diesem Nest, seinen Traum leben: Er will in New York Kunst studieren – die Army stellt ihm ein Stipendium zur Verfügung. Was wird Glory dazu sagen? Im Elternhaus angekommen sind seine Eltern überrascht, freuen sich, dass der Sohn heil zurückgekehrt ist. Als Glory von der Arbeit nach Haus kommt, schlägt Johnnie Kälte entgegen und abends im Schlafzimmer erklärt sie ihm, dass sie nie wieder von ihm angefasst werden will.


Das intrigante Wiesel bringt die Sache ins Laufen


... Johnny sah in ein spitzes Frettchengesicht mit eng stehenden Augen. Eine verbeulte Kappe saß falsch herum auf dem Kopf und war eigentlich hellgrau, aber stellenweise nachgedunkelt von Fett und Schweiß.


Dreh und Angelpunkt dieses geschärften Gesellschaftspanoramas mit Krimi-Affinität ist ein widerlicher Taxifahrer, der auf Grund seines Aussehens und Charakters den Spitznamen «Wiesel» trägt, von jedem so angesprochen wird. Er hat den Ort im Überblick, spielt hobbymäßig intrigant einen gegen den anderen aus und er ist das größte Klatschmaul am Ort. Das Städtchen Lennox ist sowieso klatschsüchtig und böswillig, es herrscht Rassismus und Antisemitismus. Die Menschen verachten alles, was für sie fremd erscheint, nicht in ihr Gesellschaftssystem hineinpasst, wie das schwarze Dienstmädchen Neola, der portugiesische Gärtner, der polnische Koch, der jüdische Anwalt und die irischen Katholiken der Stadt. Glorys Mutter, Lil, eine sehr attraktive Frau, hat sich in zweiter Ehe in die alteingesessene, betuchte Familie Gramby eingeheiratet. Glücklich ist sie in diesem Haus nicht, das von ihrer Schwiegermutter und drei Katzen beherrscht wird; und den Hausangestellten. Hier darf kein Kerzenleuchter verschoben werden, ohne Mrs. Gramby um Erlaubnis zu bitten. Lil, die eben nur Lil ist, obwohl sie doch die Mrs. Gramby sein müsste, zeigt für das «ausländische» Personal offen Verachtung – aber die ignorieren sie völlig, zeigen ihr, dass sie eigentlich von ihrem Status nicht in diese Familie passt. Ihre Schwiegermutter agiert mit giftiger Höflichkeit. Lil hofft, nicht mehr lange warten zu müssen, denn Zweck der Heirat war für sie nur das Geld, der Schmuck der Schwiegermutter und das große Haus. Das Personal und die Katzen wird sie hinauswerfen, ihren schwachen Mann kann sie mit vorgetäuschten Liebkosungen um den Finger wickeln.


Alles für finanzielle Sicherheit und Macht


Momma hatte ihr mit kalten Lippen ein Küsschen auf die Wange gehaucht und ins Ohr geflüstert: ‹Jetzt bist du versorgt und abgesichert. Ich muss mir deinetwegen keine Gedanken mehr machen. Ich kann mich auf mich konzentrieren.› Dann hatte sie sich eilends abgesetzt von der kleinen Hochzeitsgruppe auf den Kirchenstufen.


Malerisches Long Island, eine zauberhafte Küstenstadt, aber ein Sturm zieht auf. Wie schlimm wird es dieses Mal werden? Mit dem aufkommenden Sturm geht auch die Handlung einher: zunächst ein paar Blähungen, bis am Ende die Geschichte im Orkan zu Ende geht, der beileibe nicht nur unter Donnergrollen durch die Straßen fegt und Bäume entwurzelt. Die Erzählstimme gehört dem Drugstore-Besitzer, Doc Fraser, bei dem die Einwohner täglich ein und ausgehen, ihren Klatsch, aber auch Geheimnisse zurücklassen, denn der Apotheker ist vertrauenswürdig. Der freundliche, moralische Mann ist der Gegenpart zum Taxifahrer. Interessanterweise nimmt man irgendwann gar nicht mehr wahr, wer die Geschichte erzählt – hin und wieder wird man wieder draufgestupst. Die Story nimmt an Fahrt auf, immer mehr Geheimnisse treten ans Licht, dem ein oder anderen Protagonisten werden die Augen geöffnet, und er ist am Zugzwang. Eine spannende Erzählung, die das damalige amerikanische Gesellschaftsbild offenlegt – denn die Figuren sind scharf gezeichnet, fein auf den Punkt gebracht Ann Petry hat es geschafft, mich im Sturm zu erobern, mit ihrer Art der präzisen Beobachtung, die sie spannend präsentiert.


Ann Petry (1908-1997) war Journalistin, Pharmazeutin, Lehrerin und Gemeindeaktivistin. Ihre drei Romane, zahlreichen Kurzgeschichten, journalistischen Texte und Kinderbücher beschäftigen sich mit der Frage, was es bedeutet, Afroamerikaner bzw. weiß zu sein, sowie mit Rassismus in all seinen Facetten. «The Street» war der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.



Ann Petry 
Country Place 
Aus dem Englischen übersetzt von Pieke Biermann 
Mit einem Nachwort von Farah Jasmine Griffin
Roman, zeitgenössische Literatur, Klassiker, Drama, amerikanische Literatur 
Hardcover, 296 Seiten
Nagel & Kimche Verlag, 2021



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

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