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Brooklyn soll mein Name sein von Eduardo Lago - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Brooklyn soll mein Name sein 


von Eduardo Lago


Du hast eine offene Rechnung mit der Vergangenheit.


Um in diesen Roman hineinzulesen, braucht es ein wenig. Zwischendurch wurde ich immer mal wieder herauskatapultiert. Gal Ackerman ist Journalist und schreibt für viele Zeitungen Kolumnen, Essays; aber er schreibt insbesondere für sich selbst in privaten Aufzeichnungen über sein Leben, über das New Yorker Stadtteil Brooklyn und über seine große Liebe. Meist sitzt er im «Oakland», um zu schreiben, einer kleinen Kneipe, in der sich viele Künstler die Hand geben. Irgendwann wird er einen Roman schreiben: Brooklyn. Genau das fällt ihm schwer, und als er erfährt, seine Lebenszeit sich dem Ende naht, bittet er einen jungen Journalisten, aus seinen Notizen, Notizbüchern, Tagebüchern, Abschriften von Zeitungsmeldungen, Briefen, diesen Roman für ihn zu schreiben: Brooklyn. Der Roman soll für Nadja bestimmt sein; nur für sie; Ackermanns große Liebe. Unmengen von Material stehen Néstor Oliver Chapman im zur Verfügung, bis hin zu den Notizen von Gals Vater und Geschichten, die der Großvater berichtete, aufgezeichnet von Gal. 


Eine Liebe, die Gal verzehrt


Ich meine, dass es für sie wohl tatsächlich unmöglich war, sich endgültig von ihm zu trennen. Auf ihre Art brauchte sie ihm weiterhin. Auch wenn sie sich nicht mehr sahen, hat sie ihm immer weiter geschrieben. Sie erzählte ihm von ihren intimsten Sorgen.


Aber hier geht es nicht nur um Ackermanns Leben in Brooklyn. Denn Gal wurde während der Bürgerkriegszeit in Spanien von David sozusagen adoptiert. Denn er gab sich als Vater des Babys aus; die spanische Mutter war bei der Geburt verstorben, der Vater, ein italienischer Brigadist war gefallen. Erst als Jugendlicher erfährt Gal davon und begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Gal wird eines Tages auf Nadja aufmerksam – zunächst muss er sie wiederfinden, herausfinden, wer sie ist. Und er stalkt sie, bis er sie erstmalig anspricht. Eine Liebe, die Gal verzehrt, denn Nadja will unabhängig sein, nicht einem gehören, eine sehr distanzierte Frau, die ihm immer wieder auf längere Zeit entflieht. Und es geht um Brooklyn und Conny Island, um die Stadtteile und ihre Menschen. Lago beschreibt einen Brooklyn-Mikrokosmos, geht parallel tief in seine zerrissenen Figuren hinein. Das Ganze ist fragmentarisch geschrieben, auch nicht chronologisch. Néstor Oliver Chapman findet Unmengen an Notizen, Zeitungsausschnitte, Tagebucheinträge, er besucht Menschen, die Gal und Nadja kannten, setzt die Geschichte in Bruchstücken zusammen, resümiert. Am Ende des Romans gibt es eine Zeittafel und eine Personenliste, denn eine Menge von Episoden und berühmte Personen, die in Brooklyn lebten, Schriftsteller, Maler, Musiker, werden erwähnt, Ereignisse wie die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti im Jahr 1927. Das berüchtigte Celsy Hotel ist Thema, in dem u. A. O. Henry, Edgar Lee Masters, Thomas Wolfe oder Dylan Thomas lebten. Leider ist die Personenliste nach Auftreten und nicht nach dem Alphabet geordnet.


Ein komplexer Roman, ein literarisches Kunstwerk 


Vielleicht war das der Grund dafür, fuhr ich fort, dass Ben die Ideologie seines Vaters nicht übernommen hat. Er war ein sozial wohlmeinender Intellektueller, links, versteht sich, aber ohne konkrete politische Zugehörigkeit. Man könnte ihn als Philokommunisten bezeichnen oder vielleicht noch eher als eine Art späten Vertreter des utopischen Sozialismus.


Viele Migranten strandeten in Brooklyn; Exilanten aus Europa – das Bleiben, Ausharren, Flüchten, Identität, die Suche nach einer Heimat in einem fremden Land – ein Thema, das in vielem Menschen festsitzt; auch in Nadja. Der Roman könnte als Néstors persönliche Reise durch die Unmengen von Gals Material bezeichnet werden, nicht linear aufgebaut; es wechselt zwischen Texten, die von Gal geschrieben wurden, und solchen, die von Nestor stammen, historische Fragmente. Die Suche nach Gals Biografie und das Herantasten von Néstor an die Personen Gal und Nadja. Erzählerisch ist die Biografie von Gal Ackerman, seine familiäre Herkunft eingeblendet, auch die Erlebnisse aus der Kneipe Oakland, dem Zentrum von Gals Schreiben, Ausflüge mit dem Großvater, ebenso die Geschichte um Nadja. Eingespielt immer Notizen und Begebenheiten aus Brooklyn; Long Island, Madrid sind Handlungsorte – irgendwie auch Reiseliteratur, denn in mir als Leser kribbelt es, diese Orte aufzusuchen. Die Spannung war für mich schwankend, weil das Narrative immer wieder unterbrochen wurde, im Zeitverlauf viel hin und her gesprungen wird. Ein komplexer Roman, ein literarisches Kunstwerk in der Verflechtung seiner Stilrichtungen, der mir insgesamt gut gefällt. Eduardo Lago schreibt über das, was Néstor über das schreibt, was Ackerman geschrieben hat; immer der Wirklichkeit auf den zu Grund gehen, die schwer zu fassen ist: Es kommt auf die Perspektive an. Nenn mich Brooklyn – so der Originaltitel – bekommt am Ende noch eine zauberhafte Endnote.


Für seinen ersten Roman erhielt Eduardo Lago aus dem Stand den renommiertesten spanischen Literaturpreis Premio Nadal. «Brooklyn soll mein Name sein» gilt als einer der wichtigsten spanischen Romane der letzten Jahre und wurde bereits in viele Sprachen übersetzt. Eduardo Lago, geboren 1954 in Madrid, ist Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker, der für seine Interviews mit den bedeutendsten nordamerikanischen Schriftstellern für ›El País‹ vielfach ausgezeichnet wurde. Nach vielen Jahren als Direktor des Instituto Cervantes in New York arbeitet er inzwischen als Professor für Literatur am Sarah Lawrence College nahe Manhattan.



Eduardo Lago
Brooklyn soll mein Name sein
Originaltitel: Llámame Brooklyn
Aus dem Spanischen übersetzt von Guillermo Aparicio
Zeitgenössische Literatur, Reiseliteratur, spanische Literatur, New York, Brooklyn
Halbleinen mit Lesebändchen, 464 Seiten
Kröner, Edition Klöpfer, 2021


Zeitgenössische Literatur

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Zeitgenössische Romane

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