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Wir alle sind Widerlinge von Santiago Lorenzo - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Wir alle sind Widerlinge 


von Santiago Lorenzo


In der Praxis machte die Novelle aus Polizisten bewaffnete Richter, deren bloße Zeugenaussage den Status eines Beweismittels genoss. Das erhob sie beinahe in den Rang der Unangreifbaren, als wollte die verkündende Regierung den Ordnungshütern auf diese Art schmeicheln und sie so zu ihrer Prätorianergarde machen. Tatsächlich gab es 2015 mehr Gründe, die Polizei zu meiden, als die ‹Quinquis› der Siebzigerjahre ...


Manuel ist ein Pechvogel. Ein intelligenter Junge, fleißig, ein studierter Ingenieur, einer, der keine Freunde hat, lieber allein klarkommt. Aber in Spanien herrscht Arbeitslosigkeit – auch wenn er sich überall bewirbt, nirgendwo erhält er eine angemessene Arbeitstelle. So jobbt er sich mit Kurzzeitangeboten im wirtschaftskriselnden Spanien durchs Leben, ein paar Wochen hier, ein paar dort, Handlangerjobs. Als er in Madrid bei einer Telefongesellschaft eine feste Stelle im Callcenter erreicht, hofft er auf technischen Dienst. Aber nein, er nimmt Beschwerdeanrufe an, leitet sie weiter. Schnell bekommt er heraus, dass die Leute dort nur mit falschen Versprechen abgewimmelt werden – immer wieder. Das hat System. Flasche Abrechnungen werden erstellt, die Leute betrogen, die meisten geben auf, kaum einer geht in die juristische Instanz. Manuel hasst seinen Job, doch was bleibt ihm übrig? Ein regelmäßiges Einkommen, zwar schlecht bezahlt, doch besser als alles zuvor. Endlich kann er bei den Eltern ausziehen – in ein teures Wohnklo mit Kochgelegenheit im Herzen Madrids – aber weg von zu Hause. Nach kurzer Zeit hat er sich sogar etwas angespart, und er besitzt ein klappriges Auto, er braucht ja nicht viel zum Leben, geht nicht aus. 


Die Angst, inhaftiert zu werden


Er schleuderte Manuel gegen die Wand mit den Briefkästen, holte mit dem Schlagstock aus und peilte mit dem bewaffneten Arm die Schulter des Drangsalierten an. Er würde ihn schlagen – einfach, weil er es konnte.


Doch dann passiert im Sommer 2015 etwas Schreckliches, als vor seinem Haus die großen Demonstrationen stattfinden. Im Hausflur am Eingang wird er von einem Polizisten angegriffen, der ihn für einen Teilnehmer hält. Manuel rammt dem Polizisten einen Schraubendreher in den Hals, den er in der Tasche bei sich trägt. Er glaubt nicht, dass man ihm die Notwehrsituation abnimmt, rechnet vielmehr mit einer Haftstrafe, hofft inständig, dass der Mann nicht krepiert. Er geht unverzüglich zu seinem Onkel und die beiden hecken einen Plan aus, wie Manuel unerkannt fliehen kann. Er fährt in die Berge, taucht in einem verlassenen Dorf unter. Dort lebt er als Eremit und gibt sich mit dem Wenigsten zufrieden. Der Onkel telefoniert täglich mit ihm, sendet ihm wöchentlich über den Lidl-Lieferdienst über das Internet lebensnotwendige Grundnahrungsmittel zu – so hat auch der alte, einsame Mann endlich eine Aufgabe. Er findet sogar einen Job als Sprachtrainer für ihn, den er vom Handy aus erledigen kann. Handwerklich begabt richtet Manuel sich in seinem Zufluchtsort ein, ein kleines Solar-Panel reicht, um das Handy aufzuladen, die abendliche Leselampe zu speisen. Genügsamkeit und Zeit werden seine Gefährten. Und plötzlich fühlt Manuel sich frei; das Glück findet er bei sich selbst. Denn eigentlich braucht der Mensch nicht viel, um zu überleben – endlich ist er von gesellschaftlichen Zwängen befreit, für eine horrende Miete bei einem Sklaventreiber arbeiten zu müssen, der Menschen betrügt und schikaniert. Sein zunächst aufgezwungenes Robinson-Dasein gefällt ihm. Doch der Garten Eden wird zerstört, als gut situierte Städter das Haus nebenan kaufen und am Wochenende lärmen, mit der ganzen Sippe und Freunden einfallen. Die Ruhe ist dahin; er muss sich vor ihnen verstecken. Manuel beschließt, seine Freiheit zu verteidigen und sabotiert das Haus der Nachbarsfamilie während ihrer Abwesenheit. 


Die Vulgst verpesten die Einsiedelei 

Ich selbst war so. Wenn auch nur ein wenig. Hier im Haus laufe ich normalerweise den ganzen Tag im Schlafanzug herum. Aber damals in Madrid wollte ich, dass andere den Markennamen meiner Hose erkannten. Das hängt mit der Großstadt zusammen. Das ist Snobismus. In jedem von uns steckt die Vulgst, im einen mehr, im anderen weniger. Man sollte aber dagegen ankämpfen.


Humoristisch, gesellschaftskritisch und gleichzeitig berührend, eine herrliche Gesellschaftssatire; ein Kammerspiel. Der Erzähler ist der Onkel Manuels, der täglich mit ihm telefoniert und so Einblick in das Leben es Eremiten erhält. Die restlichen Akteure sind die ‹asquerosos›, die Widerlinge, Randfiguren, die namentlich (bis auf die Mieterin des Nebengebäudes) nicht benannt sind – obwohl Manuel selbst sich ebenfalls als Widerling entpuppt, nur auf eine andere Art. Santiago Lorenzo hält uns den Spiegel vor, zeigt uns, was wir zwar am grenzenlosen Kapitalismus verabscheuen, mit unserem Verhalten, doch alle mehr oder weniger stark daran beteiligt sind. Die Kritik an den Auswüchsen der Konsumgesellschaft, der Immobilienwirtschaft ist deutlich spürbar, die an der Arbeitsmarktpolitik. Ausgestorbene Dörfer gibt es in Spanien eine Menge. Eine neue Mode für die Wohlhabenden: Agrartourismus, Ruhe in der abgeschiedenen Natur in einem altertümlichen Häuschen, das modern aufpoliert wird. Für diesen Menschenschlag erfindet Manuel gar ein eigenes Wort: die Vulgst = respektlose Widerlinge. Es gibt so einige Worterfindungen, mit denen die Übersetzer es sicher nicht einfach hatten. Der Hintergrund für den Anfang der Geschichte hat ebenfalls einen Ursprung: die Demonstration in Madrid. Am 15. Mai 2011 begannen in Spanien die Proteste der «Indignados», der Empörten, die gegen die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aufbegehrten. Binnen weniger Tage breiteten sie sich im ganzen Land aus. Die Besetzung der Puerta del Sol im Stadtzentrum wurden zum Vorbild für andere: die «Empörten des Syntagma-Platzes» in Athen, später für die Occupy-Wall- Street- Bewegung. «Wir sind keine Systemfeinde, das System ist uns gegenüber feindlich», lautete der Hauptslogan der Bewegung in Madrid. Viele der jungen Demonstranten waren bestens ausgebildet und trotzdem ohne Perspektive; sie forderten nicht weniger als eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft. Santiago Lorenzo beschreibt hier eine zerrissene Gesellschaft, vom Kapitalismus getrieben. Eine feine Gesellschaftssatire – Chapeau!


Santiago Lorenzo, 1964 in Portugalete, Vizcaya, geboren, lebt in einem Dorf nahe Segovia, nördlich von Madrid. Er hat eine Reihe von Filmen produziert (1995 erhielt er einen Goya für den besten Kurzfilm) und sich dann auf das Schreiben von Romanen konzentriert. «Wir alle sind Widerlinge» wurde in Spanien 2018 ein Bestseller.



Santiago Lorenzo
Wir alle sind Widerlinge
Originaltitel: Los Asquerosos
Aus dem Spanischen übersetzt von Daniel Müller, Karolin Viseneber
Hardcover, 240 Seiten
Zeitgenössische Literatur, Satire, spanische Literatur, Gesellschaftssatire
Heyne Verlag, 2022




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Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
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